Der «Poulet-Bezwinger» von Saint-Ouen will Präsident von Frankreich werdenKarim Bouamrane führt seit Wochen einen erbitterten Kleinkrieg gegen eine Fast-Food-Kette. Dadurch wurde der Bürgermeister aus der Pariser Banlieue im ganzen Land bekannt. Nun will er bei der Präsidentschaftswahl 2027 antreten.12.06.2026, 16.00 Uhr3 LeseminutenKarim Bouamrane, der Bürgermeister von Saint-Ouen, bei einem Staatsbankett im Élysée-Palast im Juni 2025. Gerne würde der Sozialdemokrat hier auch bald einziehen.Benoit Tessier / ReutersDie französische Linke produziert derzeit Präsidentschaftskandidaten am laufenden Band. Jean-Luc Mélenchon, Alt-Trotzkist und Chef der Partei «Unbeugsames Frankreich», empfiehlt sich mit 74 Jahren erneut für den Élysée-Palast. François Ruffin, Freund der Gelbwesten-Bewegung aus dem Norden, ist im Rennen. Raphaël Glucksmann, Repräsentant der «gauche caviar», der urbanen Salon-Linken, gilt als Anwärter. Der Ex-Präsident François Hollande schliesst ein Comeback nicht aus. Und nun, seit dieser Woche, mischt auch noch Karim Bouamrane mit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gigantische BlumenkübelDer 53-jährige Bouamrane ist Bürgermeister von Saint-Ouen, einer Arbeitervorstadt von Paris; 50 000 Einwohner zählt sie. Doch nun sieht sich der Mann zu Höherem berufen – seit er über Wochen einen Kleinkrieg mit der Fast-Food-Kette Master Poulet ausgefochten hat. Mit seiner Bewegung «La France humaine et forte» (Ein humanes und starkes Frankreich) will der 53-jährige Sozialdemokrat den Sprung von der Kommunalpolitik auf die nationale Bühne schaffen. Nur Insider dürften sein Programm kennen. Dafür verfolgten wohl umso mehr Franzosen seinen Kulturkampf gegen billiges Halal-Hähnchenfleisch.Die Geschichte geht so: Anfang April eröffnete im Stadtzentrum von Saint-Ouen, quasi in Sichtweite des Rathauses, eine neue Filiale von Master Poulet. Die Kette ist spezialisiert auf Grillhähnchen, Reis, Kochbananen, Pommes und andere Gerichte zu Preisen, die in der Region Paris Seltenheitswert haben. Das Geschäft lief blendend. Bouamrane aber schmeckte die Eröffnung ganz und gar nicht.Der Bürgermeister findet, dass Master Poulet nicht ins Stadtbild passt, wo es in Saint-Ouen doch bereits so viele Fast-Food-Läden gebe. Die Stadt verwies auf Verstösse gegen Bau- und Nutzungsvorschriften und liess Betonblöcke vor dem Lokal aufstellen. Dagegen zog Master Poulet vor Gericht und gewann. Die Blöcke verschwanden, doch tauchten kurz darauf gigantische Blumenkübel auf.Saint-Ouen gehört zum Département Seine-Saint-Denis, einem der ärmsten in Frankreich. Zugleich verändert sich die Stadt seit Jahren rasant. Neue Unternehmen wie Tesla kamen, Tausende Wohnungen entstanden rund um das olympische Dorf, junge Familien zogen aus Paris hinzu. Bouamrane ist stolz darauf. Der «Obama von der Seine», wie ihn eine deutsche Tageszeitung nannte und dem die «New York Times» 2024 eine Titelstory widmete, nimmt für sich in Anspruch, an der Aufwertung der Banlieue massgeblich beteiligt zu sein.Für die Mélenchonisten ist die Entwicklung weniger erfreulich. Sie werfen Bouamrane vor, Saint-Ouen zu gentrifizieren. Und in der Poulet-Affäre sollte sich für sie eine willkommene Gelegenheit ergeben, gegen einen Politiker auszuteilen, der aus ihrer Sicht sowieso nicht links genug ist. Der Abgeordnete Éric Coquerel stellte sich öffentlich hinter die Betreiber von Master Poulet. Bouamrane wolle die multikulturelle Lebenswelt der «classes populaires» verdrängen, behauptete Coquerel – zumal die Kette Halal-Essen anbietet und viele Kunden aus migrantisch geprägten Milieus stammen.Halal oder Haute Cuisine?«Unsinn», konterte Bouamrane, der selbst ein Kind marokkanischer Einwanderer ist. Weniger begüterte Einwohner hätten Anspruch auf mehr als billige Hähnchenboxen, sagte er. Auch in Saint-Ouen müsse es möglich sein, vom Schönen und Guten zu profitieren, und nicht nur von weiterer «malbouffe», wie die Franzosen Junk-Food nennen. In einem Fernsehauftritt auf BFMTV weigerte sich Bouamrane standhaft, vom Poulet zu probieren. Die Kette konterte mit humorvollen Social-Media-Videos: In einem KI-generierten Clip werden sogar die Streitkräfte aufgeboten, um die Eröffnung von Master Poulet zu verhindern.Ausgestanden ist der Poulet-Krieg noch nicht. Nachdem die erste Runde an den Imbissbetreiber ging, konnte Bouamrane immerhin den Bau einer Terrasse verhindern. Auf Instagram versicherte er seinen Anhängern, die Mehrheit der Franzosen stehe hinter ihm. Eigentlich, so hat es den Anschein, würde der Bürgermeister nun lieber über seine grossen Pläne für Frankreich sprechen. Doch nachdem er am Dienstag auf France Inter seine Präsidentschaftskandidatur verkündet hatte, interessierten sich die Moderatoren vor allem für Blumenkübel und Bratgerüche.Passend zum Artikel