Homer Pompa lebt direkt an der Starbase, dem Weltraumbahnhof von Space-X. Ann-Kathrin NezikDoch auf einmal hat er diese Raketen vor der Nase. „Es ist, als würdest du beim Spiel der Dallas Cowboys an der 50-Yard-Linie sitzen“, sagt er. Er ist jetzt, wenn auch unfreiwillig, Einwohner des Weltraumbahnhofs Starbase, eines Komplexes aus Wohnanlagen, Hallen und Startrampen, von denen aus Musks Raumfahrtkonzern Space-X zum Mars aufbrechen will. Aus der Schotterpiste vor seinem Wohnwagen ist eine asphaltierte Straße geworden. Nebenan sind Villen für die Manager von Space-X entstanden. Mehrfach habe das Unternehmen auch sein Grundstück kaufen wollen, erzählt er.Neubauwohungen auf dem Starbase-Gelände in Texas. Gabriel V. Cardenas/REUTERSPompa, 76, lehnte ab. „Ich interessiere mich für Freiheit und Weisheit“, sagt er, „die Raketen lassen mich kalt.“ Damit dürfte er der einzige Mensch weit und breit sein, der nicht dem Hype um Musk und sein Raumfahrtunternehmen erlegen ist.Dieser Hype hat an diesem Freitag seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Denn Space-X will einen Börsengang hinlegen, der das Unternehmen in eine neue Galaxie katapultiert, so sehen es jedenfalls Musks Fans. Wenn alles nach Plan läuft, hat ein Marktdebüt noch nie einen Menschen reicher gemacht; Musk dürfte der erste Billionär der Geschichte werden. Noch nie wurde ein Unternehmen zum Börsenstart höher bewertet: mit 1,77 Billionen Dollar. Das entspricht fast dem Hundertfachen des letzten Jahresumsatzes und ist völlig losgelöst von allem, was selbst in der zukunftsgläubigen Technologiebranche vorstellbar war.Elon Musk:Dieser Mann könnte jetzt Billionär werdenDer Space-X-Börsengang macht Elon Musk noch reicher als er ohnehin schon ist. Kaum zu fassen, über wie viel Vermögen er verfügt. Wir versuchen es trotzdem – mit einer Grafik. Aber Sie werden viel scrollen müssen.Andere Konzerne brauchten Jahre, um solche Sphären zu erreichen, und warfen währenddessen zuverlässig Gewinne ab. Anders Space-X, das 2025 knapp fünf Milliarden Dollar Verlust machte. Geld verdient das Unternehmen bislang vor allem mit seinen Starlink-Satelliten, die Privatleute, Firmen und Armeen aus dem All mit Internet versorgen. Besonders die KI-Sparte xAI dagegen ist hochdefizitär, zu ihr gehören neben der Social-Media-Plattform X der Chatbot Grok. Musk hatte sie erst im Februar mit Space-X fusioniert, ein Schritt, der schon damals Fragen aufwarf.Glaubt man Musk, sind die überirdischen Zahlen gerechtfertigt. Die Mission von Space-X sei es, „das wahre Wesen des Universums zu verstehen“, heißt es im Börsenprospekt. Nur, wenn die Menschheit zur „multiplanetaren Spezies“ werde, könne sie dem Schicksal der Dinosaurier entgehen, glaubt Musk. Die Besiedlung des Mars ist sein Kindheitstraum und der Grund, warum er Space-X einst gründete.Elon Musk wird mit dem Space-X-Börsengang zum ersten Menschen mit einem Billionenvermögen – zumindest auf dem Papier. (Archivbild) Paul Hennessy/SOPA Images via ZUMA Wire/dpaNun, mit 54, wähnt sich Musk seinem Ziel näher denn je. Vergessen erscheinen die Zeiten, in denen er wegen seiner Tweets und seines Nebenjobs als Donald Trumps Mann für Kettensägen-Massaker als Risiko galt. Space-X, das ist Musk, auch nach dem Börsengang, er hat rund 40 Prozent der Anteile und über 80 Prozent der Stimmrechte behalten. Musk ist auch die einzige Person, die Musk feuern kann.Hans Koenigsmann hat noch einen anderen Musk kennengelernt als den exzentrischen Superstar. Der Deutsche, der schon damals in den USA lebte, war Musk bei einem Treffen von Hobbyraketenbauern in der kalifornischen Mojave-Wüste begegnet. Musk umwarb den Raumfahrtingenieur. 2002 fing Koenigsmann als vierter Mitarbeiter von Space-X an und stieg bis zum Chef für Raketenstarts auf.Kurze Zeit später habe er mit Musk und der heutigen Vizechefin Gwynne Shotwell einen Raumfahrtkongress in Bremen besucht, erinnert sich Koenigsmann im Videogespräch. Keiner von ihnen sei damals in der Branche sonderlich bekannt gewesen. „Wir sind unbehelligt durch die Hallen gelaufen, weil uns niemand kannte.“ Auch die Idee, wiederverwendbare Raketen zu konstruieren, sei belächelt worden. „Es hieß, das sei albern und bringe nichts.“Tatsächlich brauchte es vier Versuche, bis das Team um Musk und Koenigsmann die Rakete Falcon 1 zum Fliegen brachte. Monatelang harrten sie unter widrigen Bedingungen auf der winzigen Atollinsel Omelek im Pazifik aus. Dreimal stürzte die Rakete dort kurz nach dem Start ab. Musk setzte sein Vermögen aufs Spiel, das er mit dem Verkauf des Zahlungsdienstleisters Paypal gemacht hatte.Heute sind die Schwierigkeiten von damals vergessen. Die Nachfolgerin Falcon 9 ist zum VW-Golf unter den Raketen geworden: Sie fliegt und fliegt und fliegt. Auf bislang 650 Missionen hat sie fast zehntausend Starlink-Satelliten, Tausende Tonnen Fracht und 78 Nasa-Astronauten in den Weltraum transportiert, fast ohne Zwischenfälle und zu einem Bruchteil der einst in der Branche üblichen Kosten. So hat sich Space-X für die Nasa unersetzlich gemacht. 2020 schoss die Falcon 9 erstmals Astronauten der US-Raumfahrtbehörde ins All. Das Artemis-Programm der Nasa, das schon bald wieder Menschen auf den Mond bringen soll, würde es ohne Musk und sein Unternehmen sehr wahrscheinlich nicht geben.Musk hat diesem Erfolg alles untergeordnet. Ehemalige Mitarbeiter berichten von 100-Stunden-Wochen, enormen Erwartungen und einer Kultur, in der Musks Wort Gesetz sei. „Es gilt, um jeden Preis eine Mission zu erfüllen, und der Preis sind die Menschen“, sagt eine frühere Software-Entwicklerin, die bis 2022 bei Space-X arbeitete. Gleichzeitig habe sie es als Privileg empfunden, für ein Unternehmen mit solch großen Ambitionen zu arbeiten.Ein anderer langjähriger Space-X-Ingenieur erzählt von einem Musk-Spruch, der ihn und seine Kollegen unter Druck setzte: „Grüne Welle bis nach Malibu.“ Von Los Angeles bis nach Malibu braucht man bei freiem Verkehr bloß 45 Minuten. Nach diesem Prinzip habe Musk die Zeitpläne für seine Starts erstellt: Verzögerungen seien nicht vorgesehen gewesen. „Das führte dazu, dass wir Dinge schneller machten, als uns lieb war“, sagt der Ex-Mitarbeiter.Musk vergraulte oder feuerte im Laufe der Jahre selbst Manager, die sich für Space-X aufgeopfert hatten. Gehen mussten vor allem jene, die an Musks Führungsstil oder seinen teils unrealistischen Ideen Zweifel äußerten. Auch Hans Koenigsmann erlebte das. 2021 verließ er Space-X. Musks Biograf Walter Isaacson zufolge entmachtete Musk ihn nach fast 20 Jahren. Koenigsmann hatte kritisiert, dass sich Musk bei einem Raketenstart über Bedenken der US-Luftfahrtbehörde FAA hinweggesetzt hatte. „Elon wollte, dass ich nicht mehr mit der FAA arbeite“, sagt Koenigsmann der SZ.Der deutsche Raumfahrtingenieur Hans Koenigsmann war einer der ersten Mitarbeiter von Space-X. privatKlagen will er trotzdem nicht. Wie Tausende andere Mitarbeiter hat er Unternehmensanteile erhalten, die ihm schon vor dem Börsengang ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichten. Details verrät er nicht, nur so viel: „Ich habe mehr Anteile, als ich jemals dachte, aber deutlich weniger, als die Leute vermuten.“ Er hätte wohl noch mehr herausverhandeln können, glaubt er. Doch lieber habe er um mehr Urlaubstage gepokert. „Im Nachhinein war das nicht sehr klug. Denn ich habe festgestellt, dass ich den Urlaub gar nicht nehmen konnte, weil ich nicht die Zeit dafür hatte.“Was denkt er heute von Musks Plänen für den Mars? „Die Technologie ist zumindest in Arbeit. Und man kann sagen, was man will: Space-X hat immer geschafft, was es sich vorgenommen hatte, auch wenn der Weg dahin manchmal ein bisschen länger war.“Ähnlich sieht es Koenigmanns früherer Kollege Bulent Altan. Auch er gehörte einst zur kleinen Truppe, die im Pazifik an den ersten Raketen von Space-X schraubte. Altan tat sich dort noch mit etwas anderem als seiner Ingenieurskunst hervor: Er bekochte seine Kollegen. Später baute er in München den Wagniskapitalfonds Alpine Space Ventures auf, der in Raumfahrt-Start-ups investiert.Der Börsengang von Space-X habe eine Signalwirkung für die gesamte Branche, glaubt Altan. „Die Raumfahrt wird damit auch in Europa stark an Bedeutung gewinnen.“ Auch europäische Unternehmen müssten nun eigene Mars-Pläne schmieden, findet er. „Europäer waren ja schon immer Entdecker, und wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass wir uns nicht blind auf andere verlassen sollten.“ Deshalb, sagt Altan, müsse auch Europa eine Riesenrakete wie das Starship entwickeln.Doch noch hebt nicht einmal das Original zuverlässig ab. An einem heißen Maitag haben sich rund um Musks Weltraumbahnhof Starbase Dutzende Raketenfans versammelt. Sie sind von überall aus den USA angereist und haben teils seit Tagen in ihren zu Campern umgebauten Autos übernachtet. Alles, um Starship nah zu sein, einem 124 Meter hohen Metallzylinder, der in wenigen Tagen zu seinem zwölften Testflug aufbrechen soll.Knapp vier Meilen vom Startplatz entfernt sitzt Keith Reynolds, 66, auf seiner selbstgebauten Aussichtsplattform. Vögel pfeifen, hinter seinem Grundstück plätschert der Rio Grande, am anderen Ufer beginnt Mexiko. Reynolds, ein ehemaliger Architekt aus der Nähe von Dallas, hat die Parzelle einst als Feriendomizil gekauft. „Damals war hier nichts als Wildnis“, erzählt er. Genug Platz, um ungestört seinem Hobby nachzugehen, dem Jetskifahren. „Elon Musk hat mein Paradies zerstört“, sagt er. Doch anders als Homer Pompa hat er aus der Aufregung um Space-X ein Geschäft gemacht. Für 200 Dollar pro Nacht können Schaulustige den Starship-Start bei ihm verfolgen.Nachbar von Elon Musk in Starbase. Ann-Kathrin NezikAuch an diesem Nachmittag sind die ersten Gäste schon angereist. Kenny, einer von Reynolds freiwilligen Helfern, hat eigens signalgelbe T-Shirts drucken lassen. „Sind leider nicht so gut geworden wie erhofft“, schimpft er auf der Aussichtsplattform. Kenny hat auch noch Handschuhe dabei, mit denen die Astronauten des Space Shuttle trainiert haben sollen. „Für dein Museum“, sagt er. Dort sammelt Reynolds alte Raketenteile und andere Devotionalien. Er, der sich früher kein Stück für Raumfahrt interessierte, hat sich von der Euphorie anstecken lassen. „Ich bin Elon-Fan“, sagt er. „Ich glaube, er hat ein großes Herz. Ich wünsche ihm Glück.“Für Musk hängt viel vom Testflug ab. Seine gesamte Börsenstory basiert auf einem Erfolg des Starship. Nur, wenn es fliegt, kann er all die Ideen verwirklichen, mit denen er seine Investoren umworben hat. Doch schon jetzt liegt er hinter dem Zeitplan. Den Mars will Musk nun frühestens 2028 erreichen, nicht wie versprochen schon in diesem Jahr. Vier Tage nach dem Besuch bei Reynolds hebt das Starship zwar erfolgreich ab, aber hat Probleme bei der Landung. Es explodiert beim Aufprall auf dem Indischen Ozean. Damit zerschellen auch Musks Marsträume, zumindest diesmal.