Bücher werden verboten, solange es Bücher gibt. Immer schon hat es Leute gegeben, die anderen vorgeschrieben haben, welche Bücher sie auf keinen Fall lesen durften – und natürlich auch, welche sie auf jeden Fall lesen mussten. Aber die Bücher, die verboten wurden, waren immer das größere Problem – das Problem von Herrschern, die glaubten, dass bestimmte Bücher nicht gut für ihre Untertanen waren oder für ihre Herrschaft; das Problem von Glaubensführern, die fanden, dass bestimmte Bücher nicht gut für die Gläubigen oder für ihren Glauben waren; das Problem von Eltern oder Lehrern oder Leuten, die sich sonst wie um die Erziehung und Bildung von Kindern kümmerten und darüber bestimmen wollten, womit sich diese Kinder beschäftigen.Unsere Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“F.A.Z.Es gibt beim Bücherverbieten also immer jemanden, der glaubt, dass er besser weiß als jemand anderes, was dieser andere nicht lesen, also nicht kennen oder wissen soll. Das ist manchmal ganz richtig so, weil man ja wirklich alles in Bücher schreiben kann, also auch Lügen oder Behauptungen, die Menschen gegeneinander aufhetzen, Sachen, die Angst machen oder krank machen. Manchmal wird aber auch nur behauptet, dass falsch oder schädlich ist, was in einem Buch steht, weil es letzten Endes schädlich ist vor allem für den, der das behauptet.Auch „Harry Potter“ wird verbotenInteressant wird es immer dann, wenn man sich genauer anschaut, wer ein Buch verbietet, warum er es verbietet, wem er es verbietet und welche Folgen das Verbot hat. In Deutschland gibt es eine Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien – Medien, also auch Filme und Websites und Computerspiele, weil nicht nur Bücher Kindern und Jugendlichen schaden können. Natürlich können Medien auch Erwachsenen schaden, sie aufhetzen, ihnen Angst machen – aber Erwachsene müssen selbst wissen, was gut für sie ist und was nicht. Bei dieser Prüfstelle arbeiten Fachleute, die ihre Entscheidungen begründen müssen, und wenn sie finden, dass zum Beispiel ein Buch jugendgefährdend ist, heißt das lediglich, es darf nur Erwachsenen verkauft und ausgeliehen werden.In den USA wird seit ein paar Jahren immer heftiger darüber gestritten, welche Bücher im Schulunterricht behandelt und in Schulbibliotheken ausgeliehen werden dürfen. Dafür, Bücher in den Schulbüchereien zu verbieten, ist meist das Schulamt für einen bestimmten Bezirk zuständig, und es gibt Bezirke, in denen sehr viele Bücher betroffen sind. Oft sind es Eltern, die sich beschweren, dass ihre Kinder sonst an diese Bücher kommen und Schaden nehmen, manchmal sind es Politiker, aber auch Leute, die gar nicht viel mit Kindern und Schulen zu tun haben. Bücher von Cornelia Funke gehören dazu, „Der Herr der Diebe“ zum Beispiel, „Harry Potter“ wird oft verboten, eine ganze Reihe von Aufklärungsbüchern, Werke also, die anderswo sogar zum Lesen empfohlen werden. Sie seien unanständig, heißt es dann zum Beispiel, in ihnen gehe es um Hexerei oder um Sex. Im nächsten Buchladen kann man die Bücher natürlich trotzdem kaufen. Auch in Amerika sind es Eltern, die entscheiden, welche Bücher ihre Kinder lesen dürfen. Und auch dort gibt es Kinder, die manchmal Bücher gegen den Willen ihrer Eltern lesen.Wer das liest, kommt in die HölleEs ist nämlich, wie jeder weiß, gar nicht so einfach, ein Buch zu finden, das gut versteckt wurde, so verboten es auch sein mag. Oft werden solche gut versteckten und manchmal heimlich weitergereichten Bücher besonders aufmerksam und begeistert gelesen – in der DDR zum Beispiel Bücher, in denen von staatlicher Überwachung und Unterdrückung erzählt wurde. Noch früher, im Nationalsozialismus, sind Bücher in Deutschland nicht nur verboten, sondern auch verbrannt worden: Da ging es dann zusätzlich darum, allen zu zeigen, was man von diesen Büchern hielt. Zu den damals verbrannten und verbotenen Büchern gehören welche, die heute zu den wichtigsten zählen, die in unserer Sprache überhaupt geschrieben worden sind.Die katholische Kirche hat fast vierhundert Jahre lang eine Liste mit verbotenen Büchern geführt. Auch auf ihr finden sich viele berühmte und hoch angesehene Werke. Wer sie trotzdem liest, kommt in die Hölle, war die Drohung, erleidet nach dem Tod also die schlimmsten Qualen, statt in den Himmel zu kommen, wo es keine Sorgen und Nöte gibt und alles schön ist. Es waren viele Bücher auf dieser Liste, die sich gegen die Lehren der katholischen Kirche gerichtet haben, zum Beispiel evangelische Bücher, sodass es sein konnte, dass man bei deren Lektüre zwar dem evangelischen Himmel, aber zugleich der katholischen Hölle näherkam.Obwohl er recht hatteEin berühmter Forscher, Galileo Galilei, hat vor bald vierhundert Jahren mit der Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, für große Aufregung gesorgt. Er war nicht der Erste, der auf diese Idee gekommen ist, aber seine Beobachtungen und Berechnungen waren so schlüssig, dass die katholische Kirche in Verlegenheit geriet. Sie stand nämlich damals noch fest auf dem Standpunkt, dass die Erde den Mittelpunkt unseres Universums bildet. Dass sich die Erde stattdessen um die Sonne dreht, steht im Widerspruch zur Bibel, dem Wort Gottes. Wer wagt, das anzuzweifeln, gehört zumindest eingesperrt, fand man. Galileo Galilei wurde angeklagt und unter Hausarrest gestellt. Er konnte von Glück sagen, dass er nicht in den Kerker geworfen wurde. Er widerrief, das heißt, er behauptete öffentlich, dass er sich geirrt hatte. Dabei hatte er sich nicht geirrt.Erst vor sechzig Jahren, am 14. Juni 1966, wurde die berühmte Bücherverbotsliste der katholischen Kirche mit dem lateinischen Namen „Index librorum prohibitorum“ aufgehoben. Das ist noch gar nicht so lange her, wenn man bedenkt, wie lang sich die Kirche darum gekümmert hat, was auf der Liste stehen sollte und was nicht: seit 1571. Und dann hat es noch einmal mehr als 25 Jahre gedauert, bis ein Papst, also das Oberhaupt der katholischen Kirche, die diese Liste einmal geführt hatte, öffentlich zugegeben hat, dass Galileo Galilei damals zu Unrecht angeklagt worden war.