PfadnavigationHomeGesundheitChronische MüdigkeitWas Ihr Speichel über Ihren Schlafmangel verrätStand: 14:58 UhrLesedauer: 4 MinutenViele Menschen mit Schlafstörungen merken gar nicht mehr, wie müde sie sindQuelle: Getty Images/Djavan RodriguezStändige Übermüdung fällt vielen Betroffenen nicht auf. Nun haben Forscher den Zustand erstmals im Speichel nachgewiesen. Das eröffnet neue Möglichkeiten – etwa bei der Bewertung von Unfällen vor Gericht.Deutschland schläft schlecht. Fast jeder dritte Erwachsene hat Probleme, nachts durchzuschlafen, etwa jeder sechste kann nur schwer einschlafen. Etwa jeder Achte ist von beidem betroffen.Was nach einer privaten Belastung klingt, ist längst ein öffentliches Risiko: Wer übermüdet Auto fährt, Maschinen bedient, Patientinnen versorgt oder Entscheidungen treffen muss, bringt nicht nur sich selbst in Gefahr. Sondern auch andere. Das Fatale dabei: Wer extrem übermüdet ist, merkt oft selbst nicht mehr, wie er sich kaum noch konzentrieren kann, nur noch verzögert reagiert. Manche spielen den Zustand herunter, andere überschätzen sich.Doch während Alkohol im Atem und Drogen im Blut nachweisbar sind, bleibt Müdigkeit bislang schwer zu fassen. Sie wird beschrieben, beobachtet, bestritten – aber kaum objektiv gemessen.Lesen Sie auchGenau hier setzt eine neue Studie der Universität Zürich an, die aktuell im Fachjournal „Journal of Proteome Research“ erschienen ist. Schon eine einzelne Probe soll demnach ausreichen, um zu erkennen, ob jemand akut unter Schlafentzug steht. Dahinter steckt eine Frage mit gerichtsmedizinischer und gesellschaftlicher Relevanz: Lässt sich Übermüdung eines Tages ähnlich objektiv nachweisen wie ein Rauschzustand?„Unsere Studie liefert die ersten direkten Biomarker für Schlafmangel im Speichel unter alltagsnahen Bedingungen“, erklärt Thomas Krämer, Professor für Forensische Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Zürich. Einen „Meilenstein für die forensische Forschung“ nennt er die Ergebnisse. Denn Übermüdung ist eines jener Alltagsphänomene, deren Folgen massiv sein können, deren Nachweis aber schwierig bleibt. „Ein solcher Test könnte die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen und auch in Bereichen der Arbeitswelt zum Einsatz kommen, in denen Aufmerksamkeit und Konzentration entscheidend sind.“Lesen Sie auchFür die Untersuchung rekrutierten die Forscher 20 gesunde junge Männer, die normalerweise sieben bis neun Stunden pro Nacht schlafen. Die Teilnehmer durchliefen in zufälliger Reihenfolge drei Szenarien: eine Nacht komplett ohne Schlaf, vier Nächte mit jeweils zwei Stunden weniger Schlaf als üblich sowie eine Kontrollbedingung mit rund acht Stunden Schlaf.Wie Schlafmangel sich auswirktAnschließend analysierte das Team Speichelproben mit hochauflösender Massenspektrometrie. Eine Software lernte wiederum, welche Kombinationen von Stoffen im Speichel typisch sind für eine durchwachte Nacht. Aus zehntausenden Molekülen filterten sie schließlich jene heraus, die tatsächlich zuverlässig auf Übermüdung hinweisen.Das Ergebnis: Solch eine Nacht verändert die Spucke messbar. Rund zehn Prozent aller Biomoleküle darin sind davon betroffen. Es handelt sich also nicht um ein einzelnes Müdigkeitsmolekül, sondern um ein Muster verschiedener Stoffe wie Hormone und Aminosäuren, die etwa mit dem Energiehaushalt und Eiweißstoffwechsel, mit Stress und der inneren Uhr zusammenhängen.Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Schlafdaten gewinnt diese Forschung an Brisanz. Schlafstörungen sind kein Randphänomen einzelner Vielbeschäftigter, sondern betreffen Millionen Menschen. Wer dauerhaft schlecht schläft, hat nicht nur ein Komfortproblem.Lesen Sie auchDas Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass Insomnien mit körperlichen Erkrankungen, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und psychischen Störungen zusammenhängen können. Hinzu kommt die unmittelbare Alltagsgefahr: Müdigkeit senkt Aufmerksamkeit, verlangsamt Reaktionen und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Fehlern.Für die Praxis könnte ein Speicheltest deshalb einen entscheidenden Unterschied machen. Zum Beispiel bei einem Unfall auf der Autobahn: Ein Lkw kommt ohne erkennbares Bremsen von der Spur ab. War der Fahrer abgelenkt oder krank – oder schlicht so übermüdet, dass er nicht rechtzeitig reagieren konnte?Bislang lassen sich solche Szenarien oft nur indirekt rekonstruieren, etwa über Aussagen, Fahrtenschreiber, Pausenzeiten oder Beobachtungen von Zeugen. Ein molekularer Nachweis könnte in solchen Fällen einen zusätzlichen objektiven Hinweis liefern.Lesen Sie auchAuch in sicherheitskritischen Berufen wäre ein solcher Test relevant. Macht ein Lokführer, ein Pilot, eine Ärztin nach vielen Stunden Dienst einen folgenschweren Fehler, steht schnell die Frage im Raum, ob er oder sie übermüdet war. Neben Dienstplänen und Ruhezeiten könnten Speicheltests hinzugezogen werden – nicht als alleiniger Beweis, aber als messbarer Hinweis.Bis daraus tatsächlich ein Test für den Alltag werden sollte, ist allerdings noch einiges zu klären. Die Zahl der Probanden war klein, untersucht wurden ausschließlich junge gesunde Männer.Ob die Biomarker auch bei Frauen, älteren und psychisch belasteten Menschen, Schichtarbeitern oder Berufskraftfahrern gleichermaßen zuverlässig funktionieren, ist offen. Auch Alkohol, Medikamente, Stress, Koffein, Krankheiten oder sehr unregelmäßige Schlafrhythmen könnten die Messung beeinflussen.Interessant ist außerdem, dass nicht jede Art von Schlafmangel gleich gut erfasst wurde. Eine vollkommen durchwachte Nacht hinterließ zwar ein deutliches Signal. Die Nächte mit zumindest ein paar Stunden Ruhe – also ein Szenario, das vielen vertraut sein dürfte – ergaben dagegen kein ähnlich klares Muster. Ein Test würde daher eher akute Übermüdung erkennen als schlechten Schlaf.Genau deshalb ist die nächste Phase entscheidend. Die Zürcher Forscher wollen das patentierte Biomarker-Set nun in einer großen internationalen Studie außerhalb des Labors unter realistischeren Bedingungen validieren. Sollte das gelingen, könnte sich der Blick auf Müdigkeit grundlegend verändern. Sie wäre dann nicht mehr nur ein subjektives Gefühl, sondern in bestimmten Fällen ein messbarer körperlicher Zustand.