600 000 Gifthaare pro Tier: wie eine kleine Raupe die Schweiz alarmiert – und Berlin über Zuständigkeiten streitetFieber, Schwindel, Atemnot: Berührt man die Haare des Eichenprozessionsspinners, kann das enorme Folgen haben. In Berlin nehmen Bürger das Problem nun selbst in die Hand.Eric Matt, Berlin12.06.2026, 14.00 Uhr4 LeseminutenJede einzelne Raupe hat ungefähr 600 000 Gifthaare, welche die Gesundheit des Menschen gefährden.ImagoWas verbindet den Schweizer Kanton Schaffhausen und die deutsche Bundeshauptstadt Berlin? Dasselbe Problem. Denn beide Regionen haben derzeit mit einer massiven Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners zu kämpfen. Das ist ein unscheinbarer Nachtfalter, der vor allem in den warmen Sommermonaten zwischen Juli und September umherfliegt. Gefährlich jedoch sind nicht die Nachtfalter, sondern deren an Baumstämmen krabbelnde Raupen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn in der Zeit, in der sich die Raupen zum Falter entwickeln, tragen sie winzige Gifthaare an ihrem Körper. Jede einzelne Raupe besitzt als Schutz vor Fressfeinden ungefähr 600 000 dieser Haare, die das Nesselgift Thaumetopoein enthalten. Gelangen diese winzigen Gifthaare in Kontakt mit der Haut des Menschen, kann das zu Ausschlag, Fieber, Schwindel oder gar zu Atemnot führen.«Schweizweit ein neues Phänomen»Verschiedene Regionen in Deutschland und der Schweiz – aber ebenso in Dänemark oder England – haben derzeit mit der Raupe zu kämpfen. Besonders betroffen in der Schweiz waren in der Vergangenheit die Genferseeregion, das Wallis oder die Alpensüdseite. Mittlerweile hat sich die giftige Raupe aber auch in den nördlicheren Landesteilen ausgebreitet. Der Kanton Schaffhausen etwa weist darauf hin, dass der Befall in dieser Grössenordnung «schweizweit ein neues Phänomen» sei. Anfang Juni wurde die Raupe dort erstmals auf einer mehrere Hektaren grossen Fläche Mischwald entdeckt.In Mecklenburg-Vorpommern wird die Raupe mit einer grossangelegten Aktion per Helikopter auf insgesamt 135 Kilometern bekämpft.Philip Dulian / DPAIn Deutschland hat sich der Eichenprozessionsspinner inzwischen im gesamten Bundesgebiet ausgebreitet. In manchen Regionen mussten Grillplätze, Kindergärten oder Schulen geschlossen werden. Derzeit finden sich Warnmeldungen etwa in Bremen, Hessen oder Niedersachsen. Auf Sylt kämpfen die Inselbewohner mit einem ähnlichen Problem wegen einer anderen Raupe. Und in Berlin hat sich das Thema zum Politikum entwickelt. Denn das Bundesland kann sich nicht einigen, wer zuständig ist. Die zwölf Bezirke fordern, dass die Landesregierung die giftige Raupe bekämpft. Die Ausbreitung mache nicht an irgendwelchen Grenzen halt, argumentieren sie.Die Landesregierung jedoch weist die Verantwortung von sich. Zwar informiert sie über die Gefahren, doch für die Bekämpfung hält sie sich nicht für zuständig. Mehr als 6500 Bürger haben bislang eine Petition unterschrieben, in der sie das Land zum Handeln auffordern. «Wir fühlen uns in unserem eigenen Zuhause nicht mehr sicher», schreibt eine Frau. «Es nimmt einem jedes Vertrauen in politische Handlungsfähigkeit», meint eine andere.Behörden mahnen: Auf keinen Fall sollten Nester privat entfernt werden. Denn Schutzkleidung ist nötig.Mads Claus Rasmussen / EPABritta Wunderwald, 46 Jahre alt, versucht, selbst gegen das Problem vorzugehen. Sie hat vor wenigen Tagen einen «Eichenprozessionsspinner-Radar» entwickelt, mit dem Sichtungen der Raupe gemeldet werden können. Auf einer interaktiven Karte sehen Nutzer so bereits registrierte Fälle. Der NZZ sagt Wunderwald: «Bei kurzfristigen, akuten Themen wie diesem finde ich es richtig, wenn Bürgerinnen und Bürger unterstützen können – wir sind ja Teil des Staates, nicht nur Adressaten seiner Leistungen.»Deutschlands Behörden fahren derweil schwere Geschütze gegen die Raupe auf: Über den Wäldern fliegen Helikopter, und am Boden arbeiten Spezialkräfte in Schutzkleidung und mit Atemmasken, da jeder ungeschützte Kontakt mit den feinen Härchen gesundheitliche Folgen haben kann. Zudem stehen an Abzweigungen zu Parks oder Wäldern Warnschilder, die vor einem Betreten der betroffenen Gebiete abraten. Tückisch an den Gifthaaren ist, dass man gar nicht aktiv mit den Raupen oder ihren Nestern in Kontakt kommen muss. Schon ein Spaziergang vorbei an betroffenen Parks oder Wäldern reicht aus, da der Wind die winzigen, unsichtbaren Härchen kilometerweit durch die Luft wirbelt.Personen, die trotz aller Vorsicht mit den Gifthaaren in Kontakt kommen, sollten sich laut den Behörden möglichst schnell duschen und die Kleidung waschen. Besondere Vorsicht sei zudem bei Kindern geboten, und keineswegs dürfe man Raupen oder ihre Nester eigenhändig entfernen.Das Problem ist nicht neu, nimmt durch den Klimawandel jedoch zu: Ein Schild im Jahr 2023 warnt vor dem Raupenbefall.Steffen Schellhorn / ImagoSeinen Namen verdankt der Eichenprozessionsspinner dem Umstand, dass er in Gruppen von zwanzig bis dreissig Raupen lebt, die gemeinsam auf Eichenbäumen auf Nahrungssuche gehen – ähnlich einer religiösen Prozession also. Der Falter ist maximal 4 Zentimeter lang und hat eine Flügelspannweite von ungefähr 25 bis 30 Millimetern. Beim Eichenprozessionsspinner handelt es sich zwar nicht um eine neu eingewanderte invasive Art, der Falter ist bereits seit weit über 100 Jahren in ganz Europa verbreitet und kommt vor allem in Mittel-, Süd- und Südosteuropa vor. Doch bemerkenswert ist die schnelle Ausbreitung, die unter anderem auf den Klimawandel zurückzuführen ist.ImagoPassend zum Artikel