Im barocken Geviert des Klosters Ettal ist einiger Betrieb an diesem Vormittag im Juni. Ein paar Touristen aus Asien fotografieren einander, vor der Basilika hat sich eine große Reisegruppe zur Kirchenführung versammelt, eine andere zerstreut sich gerade vor dem Klosterladen. Nur hinter den Klostermauern herrscht schon seit etlichen Jahren immer weniger Leben.Speziell ihre Schule macht den Ettaler Benediktinern große Sorgen. Ungefähr 450 Schülerinnen und Schüler gingen hier vor 15 Jahren jeden Tag ein und aus, inzwischen sind es nur noch gut die Hälfte. In dieser Situation hat sich eine Gruppe Ehemaliger vorgenommen, ihre alte Schule in neue Zeiten zu retten. Erste Hilfe kommt von der Politik.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Erst neulich hat der Kreistag von Garmisch-Partenkirchen einstimmig 90 000 Euro für das Gymnasium in Ettal genehmigt – vorerst für ein Jahr und obwohl der Landkreis für die kirchliche Schule nicht unmittelbar zuständig ist. Aber wenn die mehr als drei Jahrhunderte alte Bildungstradition im Kloster wirklich abreißen sollte, dann hätte auch der Kreis ein Problem, weil er dann selbst für ein zusätzliches Gymnasium sorgen müsste.Von den aktuell 240 Schülern kommen fast alle aus der Umgebung. Solche einheimischen Schüler gab es immer, aber lange Zeit entschieden sich auch viele auswärtige Eltern für Ettal, etliche Schüler kamen aus dem Ausland. Denn die Benediktiner haben hier in Ettal ein gar nicht extrem teures, aber elitäres Internat betrieben. Doch die Zahl der Internatsschüler geht praktisch überall schon seit langer Zeit zurück – und ihr eigenes Internat haben zumindest einige der damaligen Benediktiner in Ettal selbst ruiniert.Denn 2010 kam ans Licht, dass über Jahrzehnte hinweg mehr als 100 Ettaler Zöglinge üble Misshandlungen und sexuellen Missbrauch erlitten hatten. Gut ein Dutzend Patres stellten sich als Gewalttäter heraus. Viele waren verstorben, für einige noch lebende gab es Bewährungsstrafen. 2016 schickte das Landgericht München schließlich einen ehemaligen Ettaler Bruder, Priester und Religionslehrer wegen schweren sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener für sieben Jahre ins Gefängnis.Dem Ruf der Schule hat das schwer geschadet. Von 2016 an nahmen die Benediktiner auch Mädchen in ihr Internat auf, externe Schülerinnen hatte es schon lange vorher gegeben. Doch auch das konnte das Internat, in dem zu Spitzenzeiten 250 Schüler gelebt hatten, nicht mehr retten. Im Herbst 2024 ließen die Benediktiner den Internatsbetrieb endgültig auslaufen.Im Nordtrakt des Klostergevierts, in dem einst Internatsschüler wohnten, trifft Cellerar Johannes Bauer inzwischen nur noch sehr selten Menschen an. Foto: Matthias KöpfIm West- und im Nordtrakt des Klostergevierts erschließen die langen Gänge seither etagenweise leere Räume. Viele sind unter prächtigen Stuckdecken noch im Stil der Achtzigerjahre als Zwei- oder Dreibettzimmer für Internatsschüler möbliert. Doch deren Komfort wollen die Mönche inzwischen auch den vielen Ukrainern nicht mehr zumuten, die im Kloster bis auf Weiteres Zuflucht vor dem Krieg in ihrer Heimat gefunden haben.Pater Johannes Bauer ist als Cellerar der wirtschaftliche Leiter des Klosters und auch für dessen zahlreiche Betriebe wie die Brauerei, das Hotel und die Landwirtschaft verantwortlich. Nur zu gerne sähe er wieder mehr Leben in diesen Räumen und Gängen, schon um die ganzen Gebäude auf Dauer unterhalten zu können. Und Ähnliches gilt eben auch für das Gymnasium, das ziemlich rote Zahlen schreibt und von den anderen Klosterbetrieben querfinanziert werden muss – laut Abt Barnabas Bögle derzeit mit etwa einer halben Million Euro pro Jahr. Das liegt auch daran, dass nur noch drei Brüder selbst in der Schule unterrichten. Deswegen müssen umso mehr Lehrer angestellt und bezahlt werden.Doch den Benediktinern, die in ihren Klöstern schon immer Schulen betrieben haben, geht es bei der Bildung keineswegs vorrangig ums Geld, sondern um ihre Aufgabe und Verpflichtung als Orden seit fast 1500 Jahren. An diese Tradition und die Ordensregel des Heiligen Benedikt will man in Ettal anknüpfen, wenn es um ein Zukunftskonzept für das Gymnasium geht. Abt Barnabas nennt da etwa die Achtsamkeit und den Respekt für andere und für alle Dinge des Lebens und alle Teile der Schöpfung. Das Bewahren des Guten für kommende Generationen. Die Gastfreundschaft. Oder die lateinische „Stabilitas“, die für die Benediktiner auch Standhaftigkeit in schwierigen Zeiten bedeutet und damit weit mehr, als dass sie grundsätzlich immer am selben Ort bleiben sollen.Pater Barnabas Bögle ist seit 2005 der 38. Abt des Klosters Ettal. Foto: Matthias KöpfIn Ettal leben momentan 25 Brüder, Anfang der Achtzigerjahre waren es noch mehr als doppelt so viele. Ihr Konvent ist immer noch eine tragfähige Gemeinschaft, aber auch die Ettaler Benediktiner müssen sich längst auf das Wesentliche konzentrieren. Ihr Engagement im sächsischen Kloster Wechselburg, wohin sie 1993 sechs Mönche entsandt hatten, beenden sie darum gerade. Einer der beiden letzten Brüder dort ist schon im vergangenen Jahr ins Mutterkloster nach Ettal zurückgekehrt.Die Ettaler Klosterschüler sind ohnehin stets hinausgezogen in die Welt. Und dass die Benediktiner in ihrer Schule und ihrem Internat auch nicht alles falsch gemacht haben können, zeigt sich nun daran, dass etliche Ehemalige zurückkommen, um an einer Zukunft für ihre alte Schule mitzuarbeiten. Gut ein halbes Dutzend Absolventen haben schon vor einigen Jahren mit eigenem Geld ein gemeinnütziges Unternehmen gegründet und an Konzepten gefeilt.Eine enge Zusammenarbeit der Schule mit den Klosterbetrieben, könnten sie sich etwa vorstellen, Gastschüler-Jahre für junge Menschen aus dem In- und Ausland, Stipendienprogramme, Kooperationen mit der musikalischen Sommerakademie im Kloster und dem Naturpark Ammergauer Alpen. Überhaupt die Berge: „Alpenakademie“ lautet jedenfalls der Arbeitstitel für das Projekt. Was konkret – und am besten bis zum 700-Jahr-Jubiläum des Klosters im Jahr 2030 – daraus werden könnte, müssen die Klosterbrüder irgendwann in ihrem Konvent entscheiden.Die Grundlage dafür soll eine Machbarkeitsstudie liefern, die der Freistaat finanziert: Die Abgeordneten der beiden Regierungsfraktionen von CSU und FW im Landtag können sich regelmäßig aus dem Topf für die sogenannten Fraktionsinitiativen bedienen für Projekte, die ihnen besonders am Herzen liegen. FW-Fraktionschef Florian Streibl, der selbst ein ehemaliger Ettaler Schüler ist, und sein örtlicher Parlamentskollege Harald Kühn von der CSU haben den Ettalern dafür 280 000 Euro verschafft.
Kloster Ettal: Ehemaliges Internat soll zur „Alpenakademie“ werden
Die Benediktiner kämpfen um eine Zukunft für das immer leerer werdende Kloster – und das einst vom Missbrauchsskandal gebeutelte Gymnasium. Ideen kommen auch von Absolventen.









