Sein WM-Aufgebot scheint wie ein Gnadenbrot. Im Herbst 2023 wurde er letztmals für das Nationalteam aufgeboten, er nervt mit seinen Promi-Eskapaden, und doch sehen die Fans in ihm die Seele des brasilianischen Fussballs.Florian Haupt, Barcelona12.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach Jahren des Raubbaus an seinem Körper hat sich Neymar mit Ernährungs- und Trainingsplänen auf seine wohl letzte WM vorbereitet.Sarah Stier / FIFA via GettyIn der Erinnerung ist dieser phantastische Fussballer, dieses epochale Talent und das Spiel, das er selbst sein grösstes nannte: Neymar Júnior schulterte den FC Barcelona und führte ihn beim 6:1 gegen Paris Saint-Germain zum grössten Comeback in der Geschichte der Champions League.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Flink und frei, grazil und wendig, die Haare ganz normal, das Spiel umso charismatischer, der Einfluss auf sein Team und auf den Match gigantisch. Neymar hatte alles, doch weil in Barcelona der erste Star immer Lionel Messi bleiben würde, musste er noch einen Schritt weitergehen, um der Weltbeste werden zu können. Wenige Monate später wechselte er zu PSG.Es war Sommer 2017, und weil dieser WM-Tage ja viel über Geld geredet wird, darf man auch noch einmal an die Ablösesumme erinnern: 222 Millionen Euro.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDer «Last Dance» mit verschlissenem KörperDer teuerste Fussballer der Welt ist Neymar, 34, damit bis heute geblieben. Aber der beste ist er nie geworden. Und jetzt, wo sich seine Karriere dem Ende zuneigt, vermisst man nicht nur den Spieler, der er in solchen Nächten war. Sondern auch den Spieler, der er nie geworden ist und der er jetzt auch nicht mehr werden kann. Brasiliens Nationaltrainer Carlo Ancelotti hat ihn trotzdem noch einmal mit zur WM genommen. Es scheint wie sein Gnadenbrot.Vom «Last Dance» hat Neymar neulich selbst geschrieben. Nach 17 Profijahren mit nicht immer professionellem Lebenswandel ist er verschlissen. Man sieht es seinem Gesicht an. Und man möchte nicht wissen, wie sich sein Körper fühlt, der ausser dem Raubbau noch unzählige Tritte der Gegner ertragen musste.Die Statistik sagt: Neymars gegenwärtige Wadenblessur ist die 30. längere Verletzung seiner Karriere. Mindestens für Brasiliens Auftaktspiel am Samstag gegen Marokko verhindert sie wohl sein Mitwirken. Kann dieser einst so fabulöse Tänzer noch einmal aufs Parkett, und wenn ja, wann? Es dürfte eine Seifenoper dieser WM werden.Denn Brasilien wird ihn nicht aus den Augen verlieren, Brasilien klammert sich an ihn. Selbst wenn er ihn nur als Maskottchen mitgenommen haben sollte, hätte Ancelotti nichts falsch gemacht. Dem Trainer blieb sowieso kaum eine andere Wahl, nachdem sich Legenden wie Zico, Romário, Ronaldo, Ronaldinho und Kaká für seine Nominierung ausgesprochen haben. Das Who’s who der noch lebenden Spieler aus der Zeit, als der Fussball Brasilien gehörte. Will der Rekordweltmeister nach 24 Jahren ohne WM-Titel eine Chance auf Erlösung haben, dann, so die Granden, nur mit Neymar. Die 20 Sponsoren des Fussballers mit den drittmeisten Instagram-Followern nach Cristiano Ronaldo und Lionel Messi sehen es selbstredend nicht anders.2014 war er noch ein Star. Auch wenn Brasilien mit Neymar an der WM zu Hause mit dem 1:7 gegen Deutschland im Halbfinal in die Fussballgeschichte einging.Marcelo del Pozo / Reuters«Neymar, Neymar, Neymaaaaar»Die Fans auch nicht. Sein letztes Länderspiel hat Neymar im Herbst 2023 bestritten, unter Ancelotti hat er noch nie agiert, und viele Brasilianer zeigten sich in den letzten Jahren genervt von seinen Promi-Eskapaden und Social-Media-Eitelkeiten. Doch als Ancelotti im Mai während einer einstündigen Nominierungsshow den Namen Neymar verlas, da brach im Saal die Hölle los. Die Menschen sprangen auf, jubelten, sangen: «Neymar, Neymar, Neymar, Neymaaaaar.» «Machen wir weiter?» fragte der verdutzte Trainer, während ihm klar geworden sein dürfte, wie das vielbeschworene «povo brasileiro», das brasilianische Volk, sein Kader sieht: Neymar und 25 andere.Natürlich wirken so grosse Hoffnungen auf einen Beinahe-Sportinvaliden erst einmal irrational. Seit seinem Weggang von PSG vor drei Jahren hat Neymar nicht viel Fussball spielen können, und den auch nur bei al-Hilal in Saudiarabien und seinem Jugendklub Santos. Die Sehnsucht nach ihm mag sich teilweise den Exzessen des heutigen Starkults schulden. Doch sie spiegelt auch die Seele und Mystik des brasilianischen Fussballs. Der Künstler Neymar, auf dem Platz so unberechenbar wie daneben, spannt die letzte Brücke zu der verklärten Zeit, als Instinkt und Genie noch die Wissenschaft des modernen Spiels schlagen konnten. Als Brasilien einzigartig war.Doch der Glaube an Neymar findet ein Fundament auch in der Prosa der Zahlen. Seit seinem Länderspieldebüt im August 2010 hat Brasilien mit Neymar auf dem Platz rund 72 Prozent seiner Partien gewonnen und neun Prozent verloren. Ohne ihn verschlechtern sich die Werte auf 55 Prozent Siege und 20 Prozent Niederlagen. Mit 79 Toren ist Neymar der brasilianische Rekordtorschütze, vor Ronaldo, Romário, Zico und auch knapp vor dem Ende Dezember 2022 verstorbenen Pelé (77). In einer seiner letzten Nachrichten vor dem Tod bat der Jahrhundertfussballer damals Neymar, nach der Enttäuschung der WM von Katar nicht aus der Nationalelf zurückzutreten.Erst punktueller Dramakönig, dann der VerfallEine Karriere zwischen Brillanz und Polemik war dort in einer bösen Pointe kulminiert: Neymar war im Viertelfinal gegen Kroatien der beste Mann auf dem Platz und erzielte in der Verlängerung den Führungstreffer, doch nach dem späten Ausgleich des Aussenseiters liess er sich für den fünften und potenziell glamourösesten Penalty eintragen. Er kam nicht dazu, sein Team verlor das Elfmeterschiessen vor seinem Einsatz. Wieder der Viertelfinal, wie schon 2018 (Aus gegen Belgien) und wie letztlich auch 2014: Da wurde er in jener Runde vom Kolumbianer Camilo Zúñiga aus dem Turnier gerammt. Die Bilder seiner Tränen und seiner Krankenhauseinlieferung zerrissen Brasiliens Herzen. Sie antizipierten die Apokalypse wenige Tage später, 1:7 gegen Deutschland.Neymar hat lange Erfahrung als punktueller Dramakönig – was seit 2022 neu dazukam, ist der lineare Verfall. Der Körper scheint nicht mehr zu können, wo es der Kopf jetzt unbedingt will; wo er für seinen letzten WM-Tanz sogar den Karneval ausliess. Stattdessen Ernährungspläne, Trainingspläne, das so lang ignorierte Programm.Zuletzt stand er am Tag vor der WM-Nominierung auf dem Platz, es gab ein 0:3 gegen Coritiba und eine absurde Szene, als Neymar am Spielfeldrand wegen einer vermeintlich kleineren Verletzung behandelt wurde, Santos derweil eine Auswechslung vornahm und die Schiedsrichter fälschlicherweise davon ausgingen, der Star sei vom Platz genommen worden. Furios mit einem Zettel seiner Trainer wedelnd versuchte Neymar darzulegen, dass er nicht gemeint gewesen sei. Doch der Referee liess sich nicht erweichen – letztlich zum Glück: Die Heilung dauert ja so schon lang genug.Im Mai musste Neymar in der brasilianischen Meisterschaft gegen Coritiba wegen eines Missverständnisses vom Platz.Jean Carniel / ReutersGold auf den Haaren vom PrivatcoiffeurVerlorene Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, noch vor den WM-Altstars Ronaldo, 41, Messi, 38, oder Luka Modric, 40, ist Neymar verglüht. Doch jetzt wird er noch ein letztes Mal hofiert. In Brasilien, wo ihn Künstler auf 200 Meter Länge auf eine Strasse in der Stadt Novo Hamburgo gepinselt haben. Im Team, wo ihn die Mitspieler bewundern und auch mögen, schon wegen seiner trotz allem guten Laune. «Ich fühle mich wie ein Youngster, der zum ersten Mal an der WM teilnimmt», sagte Neymar zu Globo.Die Haare sind frisch gemacht, vom Privatcoiffeur hat er noch einmal Gold auftragen lassen, wie 2018 vor dem Auftaktspiel gegen die Schweiz. Und die Hoffnung lebt: Bei diesem langen und heissen Turnier wird womöglich reüssieren, wer in Schlussphasen und Verlängerungen noch die besseren Joker in der Hinterhand hat. Das könnte die Rolle für Neymar sein. Qualität statt Quantität: so wie in der Erinnerung.Überlebensgrösse auf 200 Metern: Neymar wurde auf den Strassen Novo Hamburgos verewigt.Diego Vara / ReutersPassend zum Artikel