Nicht nur in Deutschland übernimmt die Unicredit Schritt für Schritt einen lokalen Anbieter der Finanzbranche. In Griechenland hat sie an einer der größten Banken des Landes, der Alpha Bank, eine Beteiligung von knapp unter 30 Prozent erworben. Wie bei der Commerzbank setzte Unicredit bei Alpha zuerst teilweise Derivate an, die sie dann in Aktien tauschte. Bisher jedoch bleibt die italienische Bank unter den 33 Prozent, von denen an in Griechenland ein Übernahmeangebot an alle Aktionäre erforderlich wäre.Der Unicredit-Chef Andrea Orcel braucht vorerst wohl auch nicht mehr. Anders als in Deutschland wird die italienische Bank in Griechenland mit offenen Armen empfangen – von der Regierung in Athen und von der griechischen Bank selbst. Kein Aufschrei geht durch die Öffentlichkeit. Das liegt freilich daran, dass Alpha vor nicht langer Zeit am Abgrund stand. „Im Jahr 2019 war die Hälfte unserer Kredite notleidend; heute sind es weniger als vier Prozent“, berichtet der Vorstandsvorsitzende der Alpha Bank Vassilios Psaltis im Gespräch mit der F.A.Z. Die Beteiligung einer internationalen Großbank ist so etwas wie ein Ritterschlag für das Finanzunternehmen eines Landes, das einst beinahe die Europäische Währungsunion verlassen musste.Unicredit hat vier Sitze im VerwaltungsratMit den Italienern im Rücken ist die Alpha Bank heute wieder auf Expansion eingestellt. Über die Unicredit-Plattform „onemarkets“ für Kapitalmarktprodukte hat sie innerhalb eines Jahres Finanzanlagen im Wert von rund einer Milliarde Euro vertrieben. „Wenn man an die verfügbaren Einkommen in Griechenland denkt, dann ist das eine phänomenale Summe“, schwärmt Psaltis. Alpha Bank ist zwar nach der Bilanzsumme nur die viertgrößte Bank des Landes nach National Bank, Eurobank und Piraeus Bank, doch sie sieht sich als Nummer eins bei wohlhabenden Kunden und hält sich auch mit der in Griechenland wichtigen Reedereibranche gut vernetzt.Psaltis arbeitet seit bald zwei Jahrzehnten bei der Alpha Bank. Das internationale Bankgeschäft lernte er bei ABN Amro in London, bevor er eine leitende Position bei der griechischen Emporiki Bank erhielt, die dann im Zuge der Schuldenkrise von Alpha übernommen wurde. Den Unicredit-Chef Orcel kennt Psaltis nach eigenen Worten seit zwanzig Jahren, mit der zunehmenden Annäherung vertiefte sich die Zusammenarbeit indes auf verschiedenen Ebenen. „Es ging weit über das Verkaufen einer Unicredit-Plattform hinaus, die Zusammenarbeit ist immer breiter geworden, ich glaube, das war einer der Gründe, warum Unicredit seinen Anteil auf 30 Prozent anhob“, sagt Psaltis.Expansion auch in RumänienDer Alpha-Bank-Chef beteuert, dass er sich heute „absolut unabhängig“ fühle, er fügt jedoch hinzu, dass man in Strategiefragen mit Unicredit wie mit jedem Aktionär spreche, der 30 Prozent halte. „Das ist der richtige Weg, um einen Dialog mit seinen Anteilseignern zu führen.“ Unicredit genießt auch ohne Übernahme erheblichen Einfluss, so hält die italienische Bank vier von dreizehn Verwaltungsratssitzen. Im Zuge des Einstiegs bei Alpha übernahmen die Italiener zudem fast vollständig das Geschäft der Griechen in Rumänien und halten dort nun mit fast 5000 Mitarbeitern am Kreditgeschäft einen Marktanteil von 13 Prozent.Früher war Alpha Bank ein größerer Akteur auf dem Balkan, doch mit der Schuldenkrise musste sich die Bank aus den Auslandsmärkten zurückziehen. „Wir waren wegen der verschiedenen Krisen über viele Jahre alle introvertiert“, erinnert sich der Alpha-Chef. Nun sorge Unicredit für die Auslandsverbindungen. „Seit dem Ende der Krise haben sich die griechischen Exporte verdoppelt, vor allem im verarbeitenden Gewerbe. Weil wir auf der Unicredit-Zahlungsplattform mit ihren 13 Märkten integriert sind, können wir die griechischen Unternehmen gut begleiten; sie brauchen nicht in jedem Land eine eigene Bank“, sagt Psaltis.Die Hypovereinsbank mischt auch mitIm vergangenen November kamen Unicredit und Alpha im Rahmen eines „Lenkungsausschusses“ in München mit der Unicredit-Tochtergesellschaft Hypovereinsbank zusammen. „Zwölf Initiativen sind daraus entstanden, die wir seitdem weiterverfolgen“, sagt Psaltis, die Hypovereinsbank sei wegen der engen Wirtschaftsverbindungen zwischen Griechenland und Deutschland ein exzellenter Partner.In Griechenland und in Zypern hat die Alpha Bank in den vergangenen anderthalb Jahren erheblich dazugekauft, etwa eine Investmentbank, ein Unternehmen, das Forderungen aufkauft (Factoring), und einen Vermögensverwalter. Auf Zypern kamen eine Bank und zwei Versicherungsgesellschaften hinzu, wodurch sich das Engagement von Alpha auf der Mittelmeerinsel verdoppelt hat. Dazu war die griechische Bank in der Lage, weil sie durch den Verkauf ihres Geschäfts in Rumänien Kapital freisetzte. „Wir wollen das Offshore-Vermögensverwaltungsgeschäft für griechische und zypriotische Kunden stärker ins Visier nehmen.“ Zypern habe eine massive Transformation vollzogen und die Verbindungen zu Russland weitgehend abgebrochen, sagt Psaltis. Die Krise im Nahen Osten sei eine Herausforderung, doch auch eine Chance. Er erinnert daran, dass die Touristenströme nach Griechenland massiv stiegen, als die politische Lage mit dem „arabischen Frühling“ in Tunesien und anderen Ländern vor anderthalb Jahrzehnten unruhig wurde.Lob der EZB, doch verlagerte Kreditrisiken sind gebliebenDie Anleger honorieren die Erholung bei der Alpha Bank – so wie auch bei den anderen griechischen Banken. Seit Jahresbeginn stieg der Kurs von Alpha um rund 20 Prozent, in den vergangenen zwölf Monaten um rund ein Drittel, sodass die Bank rund zehn Milliarden Euro wert ist. Alpha und seine drei griechischen Konkurrenzbanken dominieren unangefochten den einheimischen Markt; das hat zu Kritik an hohen Zinsen und Gebühren wegen mangelnden Wettbewerbs geführt. Psaltis hält dagegen: 30 Prozent des Kreditwachstums im vergangenen Jahr seien auf kleinere, nicht-systemische Banken zurückzuführen. „Es gibt also lebhafte Konkurrenz.“ Für Hypthekenkredit böten die griechischen Banken die fünftniedrigsten Zinsen in der EU, zudem seien die durchschnittlichen Kreditzinsen in fünfzehn Monaten unter vier Prozent gefallen. Darüber hinaus ermögliche die Digitalisierung einen Zugang für breitere Schichten zu Investmentprodukten. „Wir demokratisieren eine Dienstleistung, die vorher nur dem Private Banking vorbehalten war“, sagt Psaltis.Die Europäische Zentralbank konstatiert ebenfalls Verbesserungen. „Den griechischen Banken gelang seit Beginn der 2010er-Jahre eine bemerkenswerte Erholung“, schrieben fünf EZB-Ökonomen in einem Blogbeitrag im März. Umfangreiche staatliche Garantien spielten dabei eine Schlüsselrolle, denn der Hellenic Asset Protection Scheme (HAPS) half den Banken, bis 2025 notleidende Kredite im Wert von rund 57 Milliarden Euro zu verbriefen und zu verkaufen. Diese Kredite sind freilich nicht aus der Welt geschafft, sie befinden sich jetzt weitgehend bei spezialisierten ausländischen Fondsgesellschaften. Sie abzuwickeln, bleibe eine Herausforderung, betonen die EZB-Ökonomen. Griechenland führte zwar neue Insolvenz-Vorschriften und ein elektronisches Auktionssystem ein, „doch Fortschritte sind langsamer als erhofft“. Haushalte und Unternehmen mit ungelösten Kreditfragen blieben daher vom griechischen Finanzsystem ausgeschlossen.Allgemein aber konstatieren die EZB-Ökonomen, dass die Banken dank stärkerer Liquidität, höherer Gewinne und einer besseren Kapitalausstattung wieder eine Stütze Griechenlands geworden seien. Die Kreditvergabe an Unternehmen und Immobilienkäufer habe sich deutlich erholt. Auch kleine Unternehmen, das Rückgrat der griechischen Wirtschaft, würden davon profitieren.