Die italienische Großbank Unicredit hat sich weitere Anteile an der Commerzbank gesichert. Bei ihrem laufenden Übernahmeangebot seien ihr inzwischen 10,9 Prozent der Commerzbank-Aktien angeboten worden, teilte Unicredit am Dienstag mit. Eine Woche vor Ablauf des Übernahmeangebots hat Unicredit-Chef Andrea Orcel 37,68 Prozent am deutschen Konkurrenten sicher, einschließlich Termingeschäften sind es schon 40,9 Prozent.Zusätzlich halten die Italiener noch andere Terminkontrakte, für die zwar grundsätzlich ein Barausgleich vorgesehen ist, die ihnen aber bei einer ebenfalls möglichen Bezahlung in Aktien weitere 13,19 Prozent an der Commerzbank bringen könnten. Damit hätte Unicredit eine Mehrheit an der Commerzbank, deren Vorstand sich seit Herbst 2024 erbittert gegen die Übernahme wehrt.Unicredit kritisierte zudem die jüngste Abwehrkommunikation der zweitgrößten deutschen Privatbank: Die Führung der Commerzbank habe jedes Recht, von der Annahme des Übernahmeangebots abzuraten. „Sie ist jedoch nicht berechtigt, die Integrität des Bieterverfahrens zu untergraben, indem sie unbegründete Vorwürfe erhebt“, hieß es. Andeutungen, Unicredit habe Offenlegungskategorien miteinander vermischt, um die Unterstützung für ihr Übernahmeangebot größer aussehen zu lassen, entbehrten jeder Grundlage, teilte die Mailänder Bank mit. Allerdings geht Unicredit nach SZ-Informationen bislang nicht äußerungsrechtlich gegen die Commerzbank vor: Die Italiener versuchen also nicht, der Commerzbank solche Behauptungen zu verbieten. Die Commerzbank hatte den Vorwurf erhoben, Unicredit betreibe marktmanipulative Kommunikation – was, sollte es sich bestätigen, ein Gesetzesverstoß, sogar eine Straftat, sein könnte. Außerdem hatte die Commerzbank den Verdacht unerlaubter Abstimmung zwischen Unicredit und Investmentbanken ins Spiel gebracht.Dass Unicredit eine Woche vor Fristende schon so viele Aktien einsammelt, überrascht, weil die Tauschofferte weiterhin rechnerisch unter dem Kurs der Commerzbank-Aktie liegt – und die Kursziele von Analysten noch höher sind. Zudem dienen institutionelle Investoren ihre Papiere in aller Regel erst in den letzten Tagen einer Übernahmefrist an.Sollte die Marke von 50 Prozent letztlich doch nicht erreicht werden, wäre das Experten zufolge ungünstig für Unicredit: Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) könnten dann feststellen, dass die Italiener die Commerzbank faktisch kontrollierten, was hohe Kapitalaufschläge zur Folge haben dürfte, ohne dass Orcel in Frankfurt wie bei einer Tochtergesellschaft durchregieren könnte. Dagegen wiederum hat sich Unicredit aber offenbar abgesichert, wie aus der Wasserstandsmeldung von Dienstag hervorgeht. Demnach hält Unicredit bestimmte Finanzinstrumente nicht nur, um sich umfangreich gegen einen Kursrutsch der Commerzbank abzusichern, sondern auch, um sich gegen „aufsichtsrechtliche Eigenkapitalanforderungen“ abzusichern.Am Mittwoch-Nachmittag teilte wiederum die Commerzbank mit, ihre Daten zur Aktionärsstruktur zeigten weiterhin keine einzige Angebotsannahme eines institutionellen Investors. Die angedienten Aktien stammten demnach fast ausschließlich von mit Unicredit verbundenen Banken und Parteien, die vor dem Übernahmeangebot keine wesentlichen Anteile an der Commerzbank gehalten hätten, so die Bank. Zudem habe die Commerzbank in den vergangenen Wochen einen erheblichen Anstieg der Wertpapierleihe-Aktivitäten in ihren Aktien beobachtet, den sie angesichts des Ausmaßes und des Zeitpunkts als ungewöhnlich betrachtet. Seit Ankündigung des Angebots sei die Leihe-Aktivität um mehr als das 10-fache gestiegen. Mit anderen Worten: Die im Angebot eingereichten Aktien sind nach Auffassung der Commerzbank offenbar zum großen Teil geliehen.Sind europäische Bankchampions sinnvoll?Unterdessen hat sich nun auch der frühere Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier zu Wort gemeldet, der bis 2021 an der Spitze der italienischen Bank stand. In einem Beitrag für ein Forschungszentrum zu Finanzkrisen schrieb er, die Idee, dass Europa grenzüberschreitende Bankriesen brauche, um global wettbewerbsfähig zu sein, klinge zwar überzeugend, sei aber im Kern falsch. Grenzüberschreitende Fusionen versprächen Synergien, die sich nur selten materialisieren würden. „Das Privatkundengeschäft ist lokal, die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen ist lokal, und selbst IT-Systeme bleiben fragmentiert“, schrieb Mustier. Die Integrationskosten seien hoch, der Nutzen ungewiss. Selbst das optimistischste Szenario – der Aufbau einer gesamteuropäischen IT-Plattform – bleibe bestenfalls hypothetisch. Wichtiger sei, dass Europa seine Kapitalmärkte stärke und etwa die schon lange existierenden Pläne für eine gemeinsame Einlagensicherung umsetze.Anstatt eine feindliche Übernahme der Commerzbank anzustreben, hätte Unicredit theoretisch auch einen für beide Seiten vorteilhaften Ansatz vorschlagen können, so Mustier. Sie hätte etwa einen deutschen Bankenchampion schaffen können, indem Unicredit ihre deutsche Tochtergesellschaft Hypovereinsbank in die Commerzbank einbringt – im Austausch gegen eine bedeutende Kapitalbeteiligung – und das daraus entstehende Institut dabei in Deutschland ansässig und börsennotiert beließe. Ein solcher Ansatz hätte zumindest teilweise den politischen Bedenken hinsichtlich der Kontrolle und der inländischen Finanzierungskapazität Rechnung tragen können, schreibt der Vorgänger von Andrea Orcel. Umgekehrt liege es möglicherweise auch nicht im Interesse Deutschlands, den Deal zu blockieren. Die Suche nach einer für beide Seiten vorteilhaften Lösung in Richtung eines deutschen Bankenchampions könne die sinnvollere Option sein.Mit Material der Nachrichtenagentur Reuters
Unicredit sammelt weitere Commerzbank-Aktien ein
Unicredit-Chef Andrea Orcel steuert auf eine Mehrheit bei der Commerzbank zu. Nun äußert sich auch sein Vorgänger Jean Pierre Mustier und schlägt eine ganz andere Lösung vor.















