Selbst als der Notar das amtliche Endergebnis vorträgt – 64 Stimmen für Johan Eliasch, 65 für den Gegenkandidaten, Alexander Ospelt aus Liechtenstein –, dauert es kurz. Dann bricht Jubel im Saal los, zumindest bei allen, die es mit dem Sieger halten. Und auch wenn man es nicht sehen kann, so wird manchem Delegierten kurz darauf wohl der Mund offenstehen, als Johan Eliasch, der Unterlegene, zum Gegenangriff übergeht.ExklusivSki-Weltverband Fis:PräsidentendämmerungDer Ski-Weltverband Fis war lange gesund und profitabel. Unter dem umstrittenen Geschäftsmann Johan Eliasch als Präsident verbucht er jetzt einen Millionenverlust. Nun zeigen Dokumente, wie es dazu kommen konnte. Bei der Wahl am Donnerstag geht es um alles.Alexander Ospelt aus Liechtenstein ist am Donnerstag zum erst sechsten Präsidenten des Internationalen Ski- und Snowboardverbands (Fis) gewählt worden. Aber das war unter all den historischen Noten, die den 57. Kongress des Weltverbands im Sava Congress Centar zu Belgrad begleiteten, noch die kleinste.Selten war ein Amtsinhaber wie Eliasch vor einer Wahl derart mit Kritik überzogen worden, nach fünf Jahren voller Debatten. Und nie zuvor hat ein Weltverbandspräsident noch auf der Bühne, auf der er Minuten zuvor abgewählt wurde, eine derartige Erklärung für seine Niederlage vorgetragen. Hatte Donald Trumps Bewegung den Ausgang der US-Wahl 2020 als gestohlen erklärt, so machte Eliasch am Donnerstag zumindest die höchste Instanz des Weltsports für seine Wahlniederlage mitverantwortlich: „Wir sind eine unabhängige Organisation“, sagte er, während es in ihm zu beben schien, „das IOC hat versucht, den Ausgang dieser Wahl zu beeinflussen.“Womit der Donnerstag den Auftakt bilden dürfte für ein krachendes Nachspiel auf vielen Ebenen.Bei der Opposition spürte man zugleich, dass sie schlicht zu erschöpft war, um große Jubelgesten aufzuführen. Ein „jahrelanger Albtraum“ sei vorbei, teilte Stefan Schwarzbach mit, der Vorstand des Deutschen Skiverbands (DSV), „wir haben die Chance auf einen Neuanfang bekommen.“ Gemeinsam mit großen Landesverbänden wie der Schweiz, Österreich und den USA hatte der DSV bis kurz vor der Wahl versucht, die Delegierten der 75 stimmberechtigten Landesverbände von ihrer Kernthese zu überzeugen: Unter Eliasch seien die finanziellen Reserven dramatisch geschrumpft, viele versprochene Einnahmen könnten sich als Luftnummer erweisen, so wie viele Versprechen, die Eliasch schon enttäuscht habe. Hinter dieser These versammelten sich zuletzt sogar Topathleten wie Mikaela Shiffrin, Marco Odermatt und Lucas Braathen. Nur mit einem Wechsel auf der Kommandobrücke, bilanzierte die Opposition der Landesverbände, könne man einen Schiffbruch noch abwenden.Bleibt die Frage: Was hat es mit dem angeblichen IOC-Einfluss auf sich?Eliasch hatte dem in internen Schreiben scharf widersprochen, den großen Verbänden sinngemäß Egoismus vorgeworfen und behauptet, er habe nun mal Geld investieren müssen, um den Verband so zu reformieren, wie er es zu Amtsantritt versprochen hatte. Unbestritten ist: Unter ihm floss auch viel Geld an mittelgroße und kleinere Verbände – offiziell, um die Entwicklung des Wintersports voranzutreiben. Zwar haben diese Verbände, abhängig von ihrer Mitgliederstärke, bei Fis-Wahlen nur eine oder zwei Stimmen, im Gegensatz zu drei Voten der großen Verbände. Doch Letztere sind gegenüber den über 50 kleineren Landesvereinigungen klar in der Minderheit. So können auch jene Verbände eine Wahl mitentscheiden, die kaum einen Abdruck im Wintersport hinterlassen.Dass Eliasch sich um diese Klientel in Belgrad bis zur letzten Minute bemüht hatte, konnte man ahnen, als er am Donnerstag den Kongress mit heiserer Stimme eröffnete und mit ernster Miene vortrug, wie verzückt er sei, mit allen Delegierten zusammenkommen. Wie es um die angeblich traute Gemeinsamkeit wirklich stand, zeigte sich dann, als der Schweizer Verband den Antrag stellte, die Präsidentschaftswahl auf Papierbögen abzuhalten statt mit dem elektronischen Wahlsystem. Letzteres habe zu oft Probleme gemacht, sagte Diego Züger, Co-Geschäftsführer von Swiss Ski. Es war, kaum versteckt, ein Misstrauensvotum der Opposition gegen die Wahlleitung. Dass 60 Prozent der Delegierten dem Antrag zustimmten, schien anzudeuten, wie es um die Chancen von Eliaschs Herausforderern stand. Mit rund 60 Prozent der Stimmen, damit hatten sie tatsächlich gerechnet, die üblichen Abweichler bereits eingerechnet. Auch die Mitbewerber um die Präsidentschaft – die Dänin Anna Harboe, die Britin Victoria Gosling und der Amerikaner Dexter Paine – hatten sich zuletzt hinter Ospelt versammelt.Bis jeder Delegierte sein Kreuz in der Wahlkabine gesetzt, alle Stimmen ausgezählt waren, dauerte es dann allerdings weit über eine Stunde. Langsam schien sich die Anspannung zu legen, die bis dato bleiern über dem Saal gelegen hatte: Die Kameras fingen Ospelt sogar beim Scherzen mit Eliasch ein. Doch dann blieb dem Liechtensteiner das Lachen fast noch einmal im Hals stecken.Der Wahlkampf hat einen Riss durch die Familie gezogen, räumt der neue Präsident Alexander Ospelt einEin Sieg mit einer winzigen Stimme Vorsprung: Das zeigte, wie viele Stimmberechtigte offenbar Eliaschs These geglaubt hatten, dass es der Fis in Wahrheit prächtig gehe, die großen Verbände nur um ihren Einfluss fürchteten. Ospelt betonte in seiner ersten Reaktion, mit Schweißperlen auf der Stirn, dass er ein Präsident „für euch alle“ sein werde. Später räumte er ein, dass der Wahlkampf einen Riss durch die Familie gezogen hat, er begreife das aber als „Gelegenheit“, alle Verbände zu überzeugen – auch jene, die ihm die Unterstützung zugesichert und dann offenbar doch Eliasch gewählt hatten. DSV-Vorstand Stefan Schwarzbach assistierte: Man habe „zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, dass wir wieder in die richtige Richtung unterwegs sind und unsere Energie endlich wieder auf das richten können, worum es eigentlich geht: die Athletinnen und Athleten, unsere Mitglieder und die Zukunft des Sports“.Diese Energie wird vor allem die neue Führung benötigen, um den Berg an Aufgaben abzutragen. „Die Ausgaben der Fis sind höher als das, was sie an ihre Mitgliedsverbände verteilt haben, Einkommensströme sind nicht so groß wie erwartet“, erklärte Ospelt bei seinem ersten Auftritt vor der Presse: „Das müssen wir ändern.“ Auch wird der 58-Jährige eine neue Führungsauswahl benötigen, Generalsekretär Michel Vion, ein enger Vertrauter Eliaschs, wird die Fis in jedem Fall verlassen. Und auch die Vergabe von Großereignissen war zuletzt offenbar vom Wahlkampf beeinflusst worden.Die Fis hatte einen Tag vor der Wahl überraschend verkündet, die Vergabe der Nordischen WM 2031 zu verschieben – begleitet von Pfiffen und Buhrufen. Später behauptete der Verband, man müsse die Bewerbungen von Oberstdorf – also aus dem Lager der größten Kritiker – und dem slowenischen Planica noch „näher auswerten“. Es sei „ganz offensichtlich versucht worden, Einfluss auf den Entscheidungsprozess zu nehmen“, entgegnete DSV-Vorstand Stefan Schwarzbach am Donnerstag – obwohl Oberstdorf im stimmberechtigten Fis-Council vor einer Mehrheit stand, so habe man es zumindest wahrgenommen. Man erwarte von der neu gewählten Führung, die Sache „schnell und transparent“ zu klären. Dabei wird auch der einstige DSV-Präsident Franz Steinle weiter dem Fis-Council angehören, wie die Mehrheit jener, die in den vergangenen zwei Jahren Eliaschs Kritikern zuzurechnen waren.Blieb die Frage: Was hatte es mit dem Einfluss auf sich, den das IOC angeblich auf die Fis-Wahl genommen hatte?Wäre dem so, wie es Eliasch unmittelbar nach seiner Abwahl vorgetragen hätte, hätte das IOC tatsächlich gegen seine eigenen Grundsätze verstoßen, wonach Wahlen frei von Einflüssen Dritter sein müssen. Auf SZ-Anfrage, wie es die Äußerungen kommentiere, ob es rechtliche Schritte gegen Eliasch erwäge oder dieser seine Vorwürfe bislang in irgendeiner Form konkretisiert habe, teilte das IOC am Donnerstag mit: Man nehme das Ergebnis der Wahl zur Kenntnis, gratuliere dem neuen Präsidenten und danke Johan Eliasch „für seine Arbeit als Fis-Präsident und IOC-Mitglied“. Im Weiteren werde man die Wahlergebnisse nicht kommentieren. Der neue Fis-Präsident ergänzte am Donnerstag, er habe von derlei Vorgängen „keinerlei Kenntnis“.Und Eliasch? Der brachte zumindest im Lauf des Kongresses am Donnerstag keine weiteren Details vor. Sollte er seine Abwahl akzeptieren, würde er auch seine Mitgliedschaft im IOC verlieren. Dass er dagegen vorgehen wird, darf man ihm zutrauen. Der Albtraum könnte womöglich noch nicht ausgeträumt sein.