Nationalrat will Friedenstruppen im Kosovo massiv aufstocken – hinter den Kulissen lobbyiert Serbien für seine InteressenEinzig die SVP forderte den Abzug von Schweizer Truppen aus dem Balkan. Vor der Debatte wurde die Volkspartei zudem mit Dokumenten aus Belgrad versorgt.11.06.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenHeute leisten maximal 215 Soldatinnen und Soldaten der Schweizer Armee einen Einsatz im Kosovo, künftig könnten es 300 sein.Dominic Favre / KeystoneVor dem Mikrofon, an dem im Nationalrat Zwischenfragen gestellt werden können, bilden sich selten Schlangen. An diesem Donnerstag ist es anders – wie sich zeigen würde: unter anderem aufgrund von diplomatischem Lobbying des serbischen Botschafters. Auf dem Programm steht der Einsatz der Schweizer Armee im Kosovo, den es seit 1999 gibt. Für die Mehrheit des Rates war von Anfang an klar: Ja, die Truppen sollen bis Ende 2029 bleiben und das Kontingent von maximal 215 auf 245 Soldaten aufgestockt werden. Der Ständerat hatte dem bereits im Frühling zugestimmt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates geht das allerdings nicht weit genug. Sie will dem Bundesrat die Kompetenz geben, die Truppe auf bis zu 300 Soldaten zu verstärken. Der Grund für den potenziellen Mehrbedarf liegt weiter östlich: Weil europäische Staaten ihre Kräfte vom Balkan abziehen, um sie an der Nato-Ostflanke oder zur Unterstützung der Ukraine einzusetzen, entstehen Sicherheitslücken. Die Schweiz soll sie füllen.Die SVP hält geschlossen dagegen. Ihr Urteil: zu teuer, nutzlos, reine Verschwendung. Fraktionssprecher Mauro Tuena rechnet vor: 49 Millionen Franken koste der Einsatz heute jährlich, bei voller Aufstockung auf 300 Soldaten wären es 70 Millionen. Geld, das besser in die Ausrüstung der eigenen Armee flösse, statt es «nach unten» zu schicken. Zudem beschäftigt die Volkspartei einmal mehr die Neutralität: Die Schweiz ist im Kosovo Teil einer internationalen Friedensmission, das sei eine Schwächung der traditionellen Neutralität.Verteidigungsminister Martin Pfister wiegelt ab. Die Schweiz leiste keine militärische Unterstützung, sondern Friedensförderung. Auch hier sei man auf eine stabile Lage im Balkan angewiesen. So seien «Spannungen vorprogrammiert» in der grossen Diaspora hierzulande, sollte es erneut zu einer Eskalation in der Region kommen. Der Migrationsdruck auf die Schweiz würde sich zudem «stark erhöhen».Einsatz als Beitrag zur europäischen SicherheitDer Einsatz sei deshalb ein Beitrag an der europäischen Sicherheit – und der sichtbarste der Schweiz in der Zusammenarbeit mit der Nato. Ein Abzug käme deshalb einer «Entsolidarisierung» gleich. Dieses Zeichen würde von Partnerstaaten «kaum verstanden», so Pfister.Pfister hat noch nicht zu Ende gesprochen, da stehen diverse SVP-Vertreter bereit für Fragen. Der Minister blickt auf die Schlange, lächelt und macht sich bereit.SVP-Vertreter haben diverse Fragen an Verteidigungsminister Martin Pfister.Alessandro della Valle / KeystoneErich Hess will wissen: Warum «verjubelt» man Geld im Ausland, statt es in die eigene Armee zu stecken? Pfister kontert: Man drehe jeden Franken um, um die Soldaten verteidigungsfähig zu machen. Zudem profitiere die Schweizer Armee vom Einsatz auf dem Balkan. Thomas Hurter hakt nach: Warum noch mehr Soldaten in den Kosovo schicken? Das erhöhe den Handlungsspielraum, so der Minister. Dann Christian Imark, der auf Menschenrechtsverletzungen an der serbischen Minderheit verweist. Ob der Bundesrat die Liste dazu nicht erhalten habe? Und was die Schweiz gegen diese Missstände tue? Pfister entgegnet, die Schweiz sei aussenpolitisch höchst aktiv. Und auch bei dieser Problematik trügen die Truppen vor Ort dazu bei, die Situation zu verbessern.Ivan Trifunović, serbischer Botschafter in der Schweiz.NZZDie Liste, von der Imark spricht, wurde diversen Parlamentariern zuvor von Ivan Trifunović, dem serbischen Botschafter in der Schweiz zugeschickt. Die Serben im Norden Kosovos würden diskriminiert, eingeschüchtert und unter falschen Anschuldigungen in Gefängnisse gesteckt oder gar geschlagen, sagt Trifunović. Der linksnationale kosovarische Präsident Albin Kurti sei für diese Situation verantwortlich. Auch die EU und die USA haben den harten Kurs Kurtis gegenüber Kosovo-Serben mehrfach deutlich kritisiert.2008, knapp zehn Jahre nach Kriegsende, erklärte der Kosovo seine Unabhängigkeit. Serbien anerkennt das Land bis heute nicht an, es betrachtet den Nachbarn weiterhin als Teil des eigenen Staatsgebiets. Dem gingen 1999 Luftangriffe der Nato gegen Serbien voraus – eine «humanitäre Intervention», die den massiven Menschenrechtsverletzungen ein Ende setzte.Im Bundeshaus wirft Trifunović der Regierung Kurti nun genau dasselbe Vorgehen gegen die Kosovo-Serben vor: die systematische Unterdrückung. Zur NZZ sagt er: «Wird dieses Leid nicht beendet, kann es keinen Frieden geben.»Für den kosovarischen Botschafter Mentor Latifi ist dieser Vergleich blanker Hohn, «einfach nicht wahr». Im Kosovo seien schliesslich eine internationale Friedensmission sowie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCZE) stationiert. Das Land prosperiere, sei auf Erfolgskurs – das missfalle Belgrad.Mentor Latifi, kosovarischer Botschafter in der Schweiz.PDDass nach einem Vierteljahrhundert die Nato-Präsenz immer noch nötig sei, ist aus Latifis Sicht die Schuld Serbiens. Als Beleg erinnert er an den Herbst 2023: Damals verschanzte sich eine bewaffnete Gruppierung in einem serbisch-orthodoxen Kloster und lieferte sich ein stundenlanges Feuergefecht mit der Polizei. Vier Menschen starben. Dies sei ein «organisierter Terroranschlag» Serbiens gewesen, sagt Latifi. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić stritt jede Beteiligung am Angriff ab. Doch die moderne Militärausrüstung der Angreifer liess erhebliche Zweifel zurück.Kosovo sei dankbar für alle Länder – inklusive der Schweiz –, die sich weiterhin vor Ort für den Frieden engagieren, so Latifi.In Bern beteuert hingegen Trifunović, Serbien habe «kein Interesse», den Kosovo anzugreifen. Belgrad sei den Schweizer Soldaten im Norden dankbar: «Sie helfen mit, unsere Bürger zu schützen.» Gleichzeitig «hoffe man natürlich», dass die Schweizer Soldaten bald nach Hause zurückkehren könnten.Latifi ist überzeugt: Serbien wolle den Abzug aller Truppen im Kosovo provozieren, damit das Land ungeschützt vom grossen Nachbarn zurückbleibe. Dass der Kosovo die Rechte der serbischen Minderheit verletze, bestreitet er. Sein Land sei «maximal bemüht», sie zu integrieren. Doch die Menschen stünden zwischen den Fronten: Belgrad wolle keine Integration, die Regierung von Albin Kurti treibe sie voran.Der Schlagabtausch der Botschafter zeigt: Der Frieden ist nicht nah. Schweizer Soldaten sollen die Region deshalb weiter stabilisieren. Der Nationalrat nimmt die Einsatzverlängerung und die Aufstockung auf maximal 300 Soldaten deutlich an – mit 129 zu 61 Stimmen. Das Geschäft geht, wegen der höheren Truppenaufstockung, zurück an den Ständerat.Passend zum Artikel