PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungUS-AbzugspläneWarum Donald Trump Deutschland brauchtVon Josef JoffeStand: 11.06.2026Lesedauer: 5 MinutenEine C-17-Globemaster startet von der Ramstein Air BaseQuelle: Getty Images/Thomas LohnesTrotz aller wütenden Attacken gegen die „Trittbrettfahrer“: Der US-Präsident wird seine europäischen Verbündeten nicht abservieren. Denn wir haben etwas, auf das die Weltmacht Amerika nicht verzichten kann.Der Nato-Verächter Donald Trump hat abermals zugeschlagen und die üblichen Angstreflexe ausgelöst: „Hammerliste enthüllt“, „Für Europa wird es bitter“, „Trumps Nato-Rückzug trifft Europa hart“, lauten die Schlagzeilen. Zur Entwarnung sollte man genauer hinschauen. Was treibt den Wüterich? Was will er streichen? Und schließlich: Wem schadet er eigentlich – den Europäern oder dem eigenen Land?Zu Frage eins: Es geht nicht um die nationale Sicherheit der USA, sondern um Trump – um Rache statt Staatsräson. Die Europäer haben ihm im Iran-Krieg die militärische Gefolgschaft verweigert. Geholfen hat es nicht, dass unser Kanzler Trump sogar noch getoppt hat: Amerika sei vom Iran „gedemütigt“ worden. Im Mai sagte er: „Ich würde meinen Kindern nicht empfehlen, in die USA zu gehen.“ Hat Friedrich Merz keine Berater, die ihn vor rhetorischen Fallstricken warnen? Zum Punkt zwei, der Streichliste. Die sollte man getrost niedriger hängen. Es geht um betagte KC-135-Tankflugzeuge, aufgefrischte Typen aus den Fünfzigerjahren. Acht der modernen KC-146 stehen auch auf der Liste. Dennoch: Von insgesamt 80 Exemplaren bleiben 63. Von 154 F-16- und F-15-Kampfjets bleiben hundert. Auch die sind nicht taufrisch, die ersten gingen vor fünfzig Jahren in den Dienst. Es handelt sich um Fluggerät der vierten Generation, nicht der fünften. Bomber werden ebenfalls der Planung entzogen, dito Kampfdrohnen und Marine-Einheiten.Lesen Sie auchJenseits dieser Liste geht es um den neuesten Trump-Streich: Berlin kriegt keine Tomahawk-Marschflugkörper. Diese Strafaktion ist ironischerweise ein Segen. Die Geschosse, die zwei Millionen Dollar pro Stück kosten, ergeben nur Sinn als Träger von Atomwaffen – die Deutschland nicht hat. Sie konventionell zu nutzen, wäre wie mit einem Bentley zu Aldi zu fahren, um Milch zu holen. Soweit die Technik. Entscheidend ist die breite Kluft zwischen „Entzug“ und „Abzug“. Das Gerät wird nicht physisch abgezogen, sondern nur aus der Planung entfernt. Freilich ändern die neuen Planvorgaben nichts an den realen Besitzverhältnissen. Das ist die kritische Differenz zwischen haben und bestimmen, die in der Aufregung untergegangen ist. Lesen Sie auchDer Verlust ist ein buchhalterischer, weil das Bündnis nicht automatisch über US-Systeme verfügen kann. Der Einsatz liegt wie eh und je in der Hand des amerikanischen Präsidenten. Artikel 4 des Nato-Vertrages gibt kein zwingendes „Einer für alle, alle für einen“ her wie bei den drei Musketieren. Wer wo und wann den Degen schwingt, das erfordert „gemeinsame Konsultation“. Die letzte Instanz sind trotz aller Verflechtungen die 32 Regierungen. Merke: Was aus der Planung genommen wird, hat nichts mit realem Abzug zu tun, geschweige denn mit Verfügungsgewalt, was in der Erregung übersehen wird. Denn was man nicht hat, kann man nicht verlieren.Deshalb zum Hauptpunkt, dem Schaden für Amerika selbst. Es ist bezeichnend, was Trump nicht antastet: US-Stützpunkte quer durch Europa. Die stehen nicht auf der Agenda. Denn diese Basen sind unentbehrlich für die Weltmacht, weil sie dem ureigenen Interesse dienen.Die Bedeutung von RamsteinTrump weiß, wie kostbar Präsenzkräfte sind, auch wenn er plötzlich verkündet: 5000 GIs sollen raus aus Deutschland, 5000 rein nach Polen. Eine absonderliche Rechnung, die unterm Strich plusminus null ergibt. Derlei Arithmetik beherrscht auch das „Genie“ (Trump über Trump). Die USA unterhalten Dutzende von amerikanischen Stützpunkten in Europa mit einem Personal von 65.000. Der wichtigste ist Ramstein in der Pfalz, die größte US-Luftwaffenbasis außerhalb der USA – ein Aktivposten sondergleichen. Aviano in Italien ist ein zweites dickes Plus. Von dort fliegt die US-Luftwaffe Einsätze in Nordafrika und Nahost. Rota in Spanien versorgt und wartet die US-Navy. England war schon in den beiden Weltkriegen ein unverzichtbares Sprungbrett.Die Ramstein Air Base ist die hiesige Säule amerikanischer Machtprojektion, ein Nervenzentrum der Logistik und Luftkriegführung in Europa, Afrika und Asien. Von hier wurden Einsätze gesteuert bei den Golfkriegen, in Serbien, Libyen, Afghanistan, heute im Iran und in Jemen. Von Ramstein werden Drohneneinsätze gesteuert – per Satellit im All und Glasfaserkabel daheim.Der Trumpator mag seine Sprüche schneller wechseln als ein Kind seine Spielzeuge, er wird aber Ramstein etc. nicht aufgeben. Denn die „interessanten“ Kriege sind Tausende Meilen von Amerika entfernt. Deshalb schlägt das Hiersein eine feindliche Geografie, beschleunigt und verbilligt die Machtprojektion. Aus schierem Selbstinteresse schützt Amerika die Europäer, die angeblichen „Trittbrettfahrer“. Die beiden Hauptrivalen China und Russland verfügen über nichts Vergleichbares.Lesen Sie auchTrump will die Europäer züchtigen, nicht die Weltmachtstellung der USA riskieren. Seine stündlichen Posts auf Truth Social verschaffen ihm Schlagzeilen, nicht Einfluss und Respekt.Betrachten wir nun die ganz große Bühne, wo Trump das wütende Rumpelstilzchen gibt. Ein Menschenalter lang hat Amerika trotz törichter Kriege wie in Vietnam eine Rolle gespielt, die nicht ins historische Großmachts-Repertoire passt. Seine Vorgänger seit Roosevelt und Truman haben eine Premiere inszeniert, Amerikas Machtfülle in Verantwortung gewickelt. Statt „mehr für uns und weniger für euch“ war die Devise „unser Gewinn soll auch euch dienen“ – das krasse Gegenteil des Trumpismus und „America First“.Amerikas Architekten der Macht haben weltweite Institutionen errichtet und bewahrt – kein Nullsummenspiel aufgezogen, wo Amerika Beute macht und die anderen das Hemd verlieren. Draußen blieben Feinde wie Moskau. Das war nicht purer Edelmut, sondern bedachter Eigennutz: Uns geht es gut, wenn auch ihr von Freihandel, Sicherheit und regelbasiertem Umgang profitiert. Trump agiert aber wie Arnold Schwarzenegger als „Terminator“. Er führt Zollkriege gegen Freunde, erpresst sie und reißt internationale Institutionen ein. So entsteht weder Legitimität noch „weiche“ Macht.Winston Churchill predigte 1943 in Harvard: „Der Preis der Größe ist Verantwortung.“ Das klingt sonor, ist aber gute Realpolitik. Donald Trump hat noch zweieinhalb Jahre Zeit, um die Abrissbirne zu schwingen. Setzt er sich durch, droht ihm „America Alone“.
US-Abzugspläne: Warum Donald Trump Deutschland braucht - WELT
Trotz aller wütenden Attacken gegen die „Trittbrettfahrer“: Der US-Präsident wird seine europäischen Verbündeten nicht abservieren. Denn wir haben etwas, auf das die Weltmacht Amerika nicht verzichten kann.






