Düsseldorf. Gabriel Zucman schaltet sich an diesem Montag Anfang Januar aus Paris zu. Das ist insofern bemerkenswert, als der französische Ökonom mittlerweile im kalifornischen Berkeley lehrt. Das liegt nicht nur daran, dass Zucman in den vergangenen Jahren in der internationalen Ökonomenwelt ziemlich nach oben gespült wurde, sondern ist auch praktisch, weil viele Anschauungsobjekte seiner Forschung hier in direkter Nachbarschaft leben. Denn Zucman beschäftigt sich mit den Superreichen dieser Welt.Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Whiteboard voller Formeln und Kurven, in die Ecke hat er seinen Rucksack geworfen. Er trägt einen grauen Pulli, die Haare sind leicht verstrubbelt. Das wäre nicht weiter wichtig, stünde das nicht alles auch für seine Arbeit: Wohlmeinende halten Zucman für unkonventionell, andere finden ihn polarisierend bis unernst.Fakt ist: Zucman hat viel mit Datenreihen geforscht und leitet daraus eine Kritik an den Superreichen dieser Welt ab, die es mit einer ökonomischen Fundierung in Kreise geschafft hat, die Ökonomen sonst eher nicht erreichen. Gleichzeitig stellt er für viele eine Zumutung dar, weil er durchaus auch mit Verknappungen und Zuspitzungen arbeitet. So auch in „Reichensteuer“, einem kleinen Büchlein mit großer Sprengkraft, das dieser Tage im altehrwürdigen Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erscheint. Zeit für ein Gespräch also.Herr Zucman, Sie sagen, Deutschland sollte Milliardäre stärker besteuern. Der deutsche Staat hat so viel Geld zur Verfügung wie nie. Warum sollte er noch mehr bekommen?Es geht mir nicht darum, die Steuerquote – also das Verhältnis von Steuern zum Bruttoinlandsprodukt – zwingend zu erhöhen.Sondern?Mein Punkt ist ein anderer: Deutschland braucht, wie andere Länder auch, eine funktionierende Besteuerung von Milliardären. Entscheidend ist nicht die Höhe der Staatseinnahmen an sich, sondern die Frage, ob alle Gruppen einen fairen Beitrag leisten.Ökonom Zucman: „Wer extrem reich ist, soll jedes Jahr eine Mindeststeuer zahlen – ohne Ausnahmen.“ Foto: picture alliance / SIPAWas genau ist aus Ihrer Sicht heute unfair?Der Kern des Problems ist, dass Superreiche faktisch keinen Mindestbeitrag leisten müssen. Es ist heute möglich, über Jahre hinweg extrem reich zu sein und dennoch kaum oder gar keine Einkommensteuer zu zahlen. Das ist nicht nur ein fiskalisches Problem, sondern ein fundamentales Gerechtigkeitsproblem. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum jemand mit einer Milliarde Euro Vermögen steuerlich besser gestellt sein sollte als ein gut verdienender Angestellter oder Unternehmer. Gleichheit vor dem Gesetz ist ein zentrales demokratisches Prinzip – und genau dieses Prinzip wird an der Spitze der Vermögensverteilung verletzt.Sie sagen, die Einkommensteuer „verflüchtige“ sich an der Spitze. Was meinen Sie damit konkret?Wir hatten lange Zeit nur anekdotische Hinweise: spektakuläre Fälle, Enthüllungen, investigative Recherchen – etwa von Pro Publica in den USA. Dort zeigte sich, dass Milliardäre wie Jeff Bezos oder Elon Musk extrem wenig Einkommensteuer zahlten. In einem Jahr wies Bezos so wenig Einkommen aus, dass er Anspruch auf Familienleistungen hatte.In jedem System gibt es ab und an extreme Ausreißer.Inzwischen wissen wir aber: Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Phänomen. In allen Ländern, in denen es belastbare Studien gibt – oft in Kooperation mit Steuerbehörden –, zeigt sich dasselbe Muster. Am oberen Ende der Vermögensverteilung verschwindet die Einkommensteuer fast vollständig. Vita Gabriel Zucman ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Paris School of Economics und an der Universität Berkeley. Sein Doktorvater ist der französische Ökonom Thomas Piketty, der durch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ bekannt und umstritten wurde. Zucman forscht und lehrt zu Vermögensverteilung und Steuerfragen.Zucman, 39, wurde Anfang 2021 Leiter der neugegründeten europäischen Steuerbeobachtungsstelle der EU.Warum ist das so?Der Grund ist vergleichsweise banal: Wer extrem reich ist, kann sein Vermögen so organisieren, dass daraus kaum steuerpflichtiges Einkommen entsteht. Gewinne werden nicht realisiert, Vermögen wird in Holdingstrukturen verschoben, Einkommen in Kapitalgewinne umgewandelt oder zeitlich verschoben.Es gibt Gesetze, die genau das vorsehen. Wo ist das Problem?Das ist kein illegales Verhalten, sondern eine systematische Schwäche der Einkommensteuer. Deshalb reicht es nicht, Steuersätze zu erhöhen oder Schlupflöcher einzeln zu schließen. Man braucht einen strukturellen Ansatz – und der ist eine Mindeststeuer.Was schlagen Sie konkret vor?Der Vorschlag ist bewusst einfach gehalten: Wer extrem reich ist, soll jedes Jahr eine Mindeststeuer zahlen – ohne Ausnahmen.Gabriel Zucman: Reichensteuer, Suhrkamp, 2026, 63 Seiten, 12 Euro. Foto: SuhrkampUnd wer ist „extrem reich“?Das definiere ich als ein Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro.Und warum nicht 200 Millionen?Diese Schwelle ist nicht willkürlich. Studien zeigen, dass ab diesem Niveau die Einkommensteuer fast systematisch verschwindet. Unterhalb davon funktioniert sie deutlich besser. Deshalb ist es sinnvoll, genau dort anzusetzen.Wie funktioniert diese Mindeststeuer im Detail?Die Mindeststeuer soll zwei Prozent des Vermögens betragen. Entscheidend ist: Sie greift nur dann, wenn jemand heute weniger zahlt. Wer bereits persönliche Steuern in Höhe von umgerechnet zwei Prozent seines Vermögens entrichtet, muss nichts zusätzlich leisten. Betroffen sind ausschließlich jene Superreichen, die derzeit unterhalb dieser Schwelle liegen. Sie würden die Differenz zahlen. Das macht die Maßnahme extrem zielgenau und begrenzt sie auf eine sehr kleine Gruppe.Sie haben eingangs die Einkommensbesteuerung der Vermögenden bemängelt, setzen nun aber beim Vermögen als Grundlage an. Wie soll das zusammenpassen?Weil genau dort das Problem liegt. Einkommen ist für Superreiche leicht zu manipulieren – Vermögen deutlich weniger. Vermögen lässt sich bewerten, erfassen und vergleichen. Es ist viel schwerer, es vollständig der Besteuerung zu entziehen. Die Mindeststeuer greift genau dort, wo die Einkommensteuer versagt.