In New York trifft es Luxuswohnungen, in Rhode Island Taylor Swifts Ferienhaus, in Kalifornien die Techmilliardäre. Amerikas Linke hat ein neues altes Ziel: die Reichen. Sie sollen endlich ihren angemessenen, fairen Beitrag leisten, lautet die Forderung. Der Ruf ist nicht neu. Doch er findet mehr Echo als früher, vor allem in Bundesstaaten, die von den Demokraten regiert werden.New Yorks sozialistischer Bürgermeister Zohran Mamdani setzte eine Zweitwohnungssteuer für Luxusimmobilien mit einem Marktwert von mindestens fünf Millionen Dollar durch, die bis zu einer halben Milliarde Dollar einbringen soll. Im Vergleich dazu fällt die „Taylor-Swift-Steuer“, die Rhode Island in diesem Jahr für Luxusimmobilien eingeführt hat, die nicht als Hauptwohnsitz dienen, klein aus. Die Sängerin trifft diese, weil sie die teuerste Immobilie im Badeort Newport gekauft hat.Die Google-Gründer weichen ausWenn der Dezember 2025 für die Anwälte der Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page hektisch war, dann deshalb, weil sie den beiden Unternehmern dabei halfen, ihren fiskalischen Fußabdruck in Kalifornien zu verringern. Zahlreiche Kapitalgesellschaften, in denen wirtschaftliche Beteiligungen der Multimilliardäre gebündelt waren, wurden aufgelöst; andere verlegten ihren Sitz von Kalifornien in einen anderen Bundesstaat. Überdies erwarben die Milliardäre Anwesen in Florida und Nevada.Nach dem Grund muss man nicht lange suchen: Ihnen droht in Kalifornien eine Vermögensabgabe. Im November stimmt die Bevölkerung darüber ab, ob Milliardäre fünf Prozent ihres Vermögens abtreten sollen. Die Chancen der Initiative stehen nicht schlecht: Je nach Umfrage sind 52 bis 54 Prozent dafür.Hochpreisige Lage: Miami Beach im US-Bundesstaat FloridaBloombergDie Liste ist noch länger. Abgeordnete im Bundesstaat Washington beschlossen im März eine Einkommensteuer für Einwohner mit Jahreseinkommen von mehr als einer Million Dollar. Sie sieht einen Steuersatz von 9,9 Prozent vor. Die Steuer kommt zur Einkommensteuer hinzu, die der Bund erhebt, und sie verärgert unter anderem Starbucks-Gründer Howard Schultz. Auf Linkedin teilte er im März mit, dass er und seine Frau Sheri von Seattle nach Miami gezogen seien. Gründe nannte er nicht. Die Mitteilung kam wenige Stunden, nachdem Washingtons Gesetzgeber die „Millionärsteuer“ beschlossen hatten. Pläne, die Reichen zusätzlich zur Kasse zu bitten, reifen unterdessen in Oregon, Vermont, Connecticut und Maryland.Eigentlich, so dachte man, mögen die Amerikaner ihre Milliardäre. Die Datenlage spricht aber eine andere Sprache. 62 Prozent der Amerikaner finden, dass Milliardäre zu wenig oder viel zu wenig Steuern zahlen. Dies zeigt eine Umfrage von Yougov und „The Economist“ vom Beginn dieses Jahres. Rund 80 Prozent sagen, die Reichen hätten zu viel Macht, und Ungleichheit sei ein Problem. Und 60 Prozent finden, die Regierung solle die Kluft zwischen Arm und Reich verkleinern. New Yorks Bürgermeister Mamdani sagte im Wahlkampf, der ihn an die Spitze der Stadt brachte: „Ich finde nicht, dass es Milliardäre geben sollte, denn offen gesagt ist das in einer Zeit so großer Ungleichheit einfach zu viel Geld.“Argumentationshilfen von ÖkonomenDie „Tax the rich“-Bewegung findet ihre Munition bei dem viel zitierten Ökonomen Gabriel Zucman, der seit Jahren Ungleichheit und Steuervermeidungsstrategien der Superreichen anprangert. Zucman gehört wie sein Ko-Autor Emmanuel Saez zur Denkschule Thomas Pikettys. Ihr zufolge steigt die Ungleichheit unaufhaltsam, wenn der Staat nicht mit entschlossenen Steuern gegensteuert. Zucmans jüngstes Buch „We Need to Tax the Billionaires“ erscheint im August.Ökonom Gabriel ZucmanReutersEs überrascht nicht, dass Zucman und der Berkeley-Ökonom Saez die wissenschaftlichen Berater der kalifornischen Vermögensteuerinitiative sind. In einem Gastbeitrag für die „New York Times“ warben die beiden nun für die Reichensteuer. Von 2019 bis 2025 wuchs nach ihren Berechnungen das Vermögen der kalifornischen Milliardäre im Durchschnitt um mehr als 15 Prozent im Jahr. An den Staat zahlten sie dagegen durchschnittlich nur 0,26 Prozent ihres Vermögens als Einkommensteuer.Vor allem die Superreichen haben sie im Visier: Kaliforniens vier reichste Männer, Sergey Brin, Jensen Huang, Larry Page und Mark Zuckerberg, zahlten in diesem Zeitraum im Schnitt nur 0,07 Prozent ihres Vermögens als Einkommensteuer. Der Grund ist klar: Einkommensteuer fällt erst an, wenn Gewinne durch den Verkauf von Aktien oder Immobilien realisiert werden. Wenn Milliardäre ihre Vermögenswerte nicht verkaufen, realisieren sie auch keine steuerpflichtigen Gewinne.Weil Kaliforniens Milliardäre so viel mehr besitzen als alle anderen, sollen sie zahlen. Das ist, auf den Kern gebracht, Zucmans Forderung. Doch die Darstellung, die Vermögensungleichheit sei dramatisch gestiegen, steht auf tönernen Füßen. „Der Befund beruht stillschweigend darauf, die Leistungen des Sozialstaats auszublenden“, sagt Sylvain Catherine, Ökonom an der Wharton Business School: „Rechnet man den Wert erworbener Rentenansprüche ein, dann ist die Vermögensungleichheit in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 40 Jahren nur sehr wenig gestiegen.“Seine Forschung mit Max Miller und Natasha Sarin zeigt: Bezieht man Ansprüche aus der Social Security ein, stieg der Vermögensanteil des reichsten Prozents von 22 Prozent im Jahr 1989 auf knapp 24 Prozent im Jahr 2019. Das ist ein viel geringerer Anstieg, als herkömmliche Berechnungen nahelegen.New Yorks Bürgermeister Zohran MamdaniReutersVermögen bleibt an der Spitze stark konzentriert – aber kaum stärker als 1989. Und dabei haben die Forscher spezielle Leistungen für Berufsunfähigkeit und Krankheiten im Alter, die vor allem Ärmeren zugutekommen, noch nicht einmal eingerechnet. Das Haushaltsbüro des Kongresses, das Congressional Budget Office, kam jüngst zu einem ähnlichen Ergebnis und bestätigte damit indirekt: Amerikas Steuersystem bleibt selbst nach den Steuersenkungen unter der Trump-Regierung eines der progressivsten unter den Industrieländern.Auffällig an den Forschern der Piketty-Schule ist: Sie kommen zu plakativen Aussagen über dramatische Ungleichheit, unfaire Besteuerung und die Leichtigkeit, Geld von Milliardären abzuschöpfen, weil sie wichtige Fakten ausblenden. Kaliforniens Reichensteuer kann die von Zucman prophezeiten Erlöse von 100 Milliarden Dollar schon deshalb kaum erreichen, weil sich einige fest einkalkulierte Milliardäre wie die Google-Gründer schon abgesetzt haben oder, wie Mark Zuckerberg, auf dem Sprung sind. Dies zeigt der Stanford-Forscher Joshua Rauh.Noch schwerer wiegt nach dessen Analyse: Mit wegziehenden Megareichen sind auch Einkommensteuereinnahmen des Bundesstaates gefährdet. Das kann Zucmans Kalkulation auf den Kopf stellen, weil in Kalifornien die obersten ein Prozent der Einkommensbezieher 40 Prozent der Einkommensteuer zahlen.Gegenwind für die KerntheseEin Arbeitspapier von Zucman und Ko-Autoren mit der spektakulären Kernthese, die 400 reichsten Amerikaner hätten einen effektiven Steuersatz von 24 Prozent, während für die Steuerzahler insgesamt 30 Prozent anfielen, zerpflückte David Splinter, leitender Ökonom beim Joint Committee on Taxation des Kongresses. Er zeigte, dass Zucman die Steuerlast der Milliardäre zu niedrig ausweist, weil er Kapitalgewinne doppelt zählt, Familienvermögen zu eng einzelnen Steuerzahlern zurechnet, einige Steuern und Transfers übersieht sowie eine unübliche Einkommensdefinition verwendet. Nach Splinters Korrekturen zahlen die reichsten 400 nicht weniger als der Durchschnitt, sondern deutlich mehr – allerdings etwas weniger als die einkommensstärksten 0,01 Prozent.Der Wirtschaftshistoriker Phil Magness hielt Zucman schon 2020 vor, den Daumen auf die Waage gelegt zu haben, als er mit publizistischer Fanfare behauptete, die Ultrareichen entrichteten einen geringeren Steuersatz als die unteren 50 Prozent. Mit undurchsichtigen und empirisch fragwürdigen Korrekturen blähte Zucman laut Magness den Steuersatz der Ärmsten künstlich auf und drückte zugleich den der Reichen nach unten. Die „New York Times“ berichtete damals, Harvards Präsident habe eine Berufung Zucmans gestoppt, unter anderem aus Sorge, Zucmans Forschung könne Zucmans politischen Aussagen nicht tragen.Die Milliardärsdebatte hat sich weiterentwickelt. Nun geht es um die Frage, ob Milliardäre überhaupt gut sein können. Die populäre linke Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez vertritt die Auffassung, es sei nicht möglich, eine Milliarde Dollar auf ethisch vertretbare oder legale Weise zu verdienen. Solche Vermögen würden, sagt sie, durch unverhältnismäßige Marktmacht, Regelverstöße, Ausbeutung von Arbeitnehmern und dadurch angehäuft, dass Beschäftigte unter ihrem tatsächlichen Wert bezahlt würden. Sie kann vor allem unter jungen Leuten auf Unterstützung zählen. Eine Umfrage des libertären Cato Institute und Yougov von 2025 zeigt: 62 Prozent der achtzehn- bis neunundzwanzigjährigen Amerikaner sehen Sozialismus positiv, 34 Prozent sogar Kommunismus.US-Senator Bernie Sanders im Lehman College in den New Yorker BronxAFPIn der „Tax the rich“-Rhetorik stecke längst der Gedanke, „wir müssen Milliardäre dafür bestrafen, dass sie Milliardäre sind“, glaubt Christopher Freiman, libertärer Philosoph an der West Virginia University. Vernachlässigt werde dabei, dass Steuern nur ein Mittel seien, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten: „Ich kenne die Namen der Uber-Gründer nicht, aber ich bin geradezu fasziniert davon, wie gut es funktioniert.“ Die Gründung von Uber habe der Welt viel mehr genutzt als das, was die Steuern der Gründer finanzieren könnten.Große politische Macht als Problem des ReichtumsEs stimmt allerdings auch, dass manche Unternehmer sich vom Entrepreneur zum Jäger politischer Privilegien entwickeln. Einige haben zwei Gesichter. Der Milliardär Ken Griffin, den New Yorks Bürgermeister Mamdani ins Visier nahm, hat mit seinem außergewöhnlich erfolgreichen Hedgefonds Citadel geholfen, die Pensionen von Millionen Menschen zu sichern. Gleichzeitig kämpften seine Lobbyisten in Florida für Gesetze, die den Wechsel von Citadel-Mitarbeitern zur Konkurrenz deutlich erschweren.Zucman sieht inzwischen das Hauptproblem darin, dass die extrem Reichen die Macht erlangt hätten, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Diese Macht sei deshalb gefährlich, weil gewählte Amtsträger, die dem Gemeinwohl dienen sollen, regelmäßig versagten, indem sie Einflussversuchen nachgäben, kontert Jessica Flanigan, Philosophieprofessorin an der Universität von Richmond: „Für mich folgt daraus etwas anderes: Wir sollten die Macht der Amtsträger begrenzen – vor allem ihre Macht, in unser Leben einzugreifen.“Die andere Frage ist, ob die Furcht, Milliardäre könnten politische Macht kaufen, einen Kreuzzug gegen Milliardäre und die Forderung rechtfertigt, sie wegzubesteuern. Philosoph Freiman verneint dies und zieht folgenden Vergleich: „Wenn jemand chemische Waffen kaufen will, besteuern wir ihn nicht so hoch, dass er sie sich nicht mehr leisten kann. Wir verbieten den Kauf.“Freiman weist darauf hin, dass auch andere Gruppen regelmäßig erfolgreich Einfluss ausüben: Senioren, Landwirte, Branchenverbände und nicht zuletzt die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes. Sie haben unter anderem die Kampagne für die Reichensteuer in Kalifornien gestartet und ein starkes Motiv, neue Steuerquellen zu erschließen – weniger, um Armen, Kranken und dem Schulwesen zu helfen, und mehr, um die Pensionen ihrer Rentner zu sichern.Das Paradebeispiel liefert die Stadt New York. Dort verschlingen die Beiträge zur Altersversorgung der städtischen Beschäftigten elf Prozent des gesamten Stadthaushalts und 17 Prozent der städtischen Steuereinnahmen. Ein Drittel der Gehaltskosten geht für Pensionen drauf, die großzügig sind, gemessen an nationalen Normen, und überdies von bundesstaatlichen und lokalen Steuern befreit sind. Die fast immer von Gewerkschaften gestützten oder gestarteten Reichensteuer-Initiativen zeigen auch, dass der Machtkampf nicht so eindeutig zugunsten der Milliardäre ausgeht.
Ungleichheit in den USA: Arm an Milliardären
Die Forderung nach höheren Steuern für Superreiche ist populär, Starökonom Gabriel Zucman liefert die Munition. Doch seine Daten sind umstritten – und Milliardäre werden langsam sauer.








