Es war nicht die Frage, ob die neue Finanzierungsrunde kommt, sondern wann und wie hoch sie ausfällt. Seit Monaten hat David Reger intensiv mit Investoren rund um den Globus verhandelt. Kritiker deuteten die Dauer schon als Zeichen für schwierige Gespräche. Doch am Mittwoch hat Reger alle Bedenken beiseitegewischt und ein dickes Ausrufezeichen gesetzt: 1,4 Milliarden Dollar hat sein Unternehmen Neura Robotics eingesammelt und damit die größte Runde eines deutschen Start-ups hingelegt. In einer Zeit, in der die Börsengänge von SpaceX, Open AI und Anthropic das Kapital anziehen wie ein Hochleistungsmagnet die Eisenspäne.Unter den Geldgebern sind klangvolle Namen: Nvidia und Amazon gehören genauso dazu wie der Halbleiter-Hersteller Qualcomm und der Kryptokonzern Tether. Aus Deutschland sind Bosch und Schaeffler an Bord, dazu ein paar Finanzinvestoren. Sie trauen Reger offenbar zu, woran in seiner Heimat lange Zeit nicht alle geglaubt haben: dass mit Neura Robotics aus der schwäbischen Provinz ein Weltmarktspieler von Format heranwächst, der sich gegen die übermächtigen Chinesen genauso behaupten kann wie gegen Elon Musk und seine hochtrabenden Pläne mit Tesla. David Reger, der nächste Gründerchef eines Multimilliardenkonzerns, der auf den Spuren der SAP-Gründer wandelt und selbst zum Milliardär wird?Fusion von KI mit deutscher IngenieurskunstNach außen spielt Reger die Zahlen herunter. „Die 1,4 Milliarden Dollar sind nicht das Wichtigste“, sagt er der F.A.Z. Viel wichtiger sei „das dahinterstehende Vertrauen von einigen der weltweit führenden Technologie-, Industrie- und KI-Unternehmen in unsere Vision von Physical AI“. Dieses Kapital gebe Neura die Möglichkeit, Zukunft zu bauen. „Physical AI“ lautet sein Geschäftsmodell. Es bringt Künstliche Intelligenz (KI), auf Englisch AI, und deutsche Ingenieurskunst der Robotik zusammen.„Viele glauben, Robotik sei heute noch ein Hardwareproblem“, sagt Reger. Das stimme jedoch nicht. „Die größte Herausforderung ist Lernen, und ein Roboter kann nur so gut sein wie die Erfahrungen, die er sammeln darf.“ Deshalb hat sein Unternehmen das Neuraverse gebaut, ein Ökosystem für die eigenen Robotermodelle, von denen es mittlerweile einige gibt. „Unser Ziel ist es, die weltweit größte Infrastruktur für das Lernen physischer Fähigkeiten zu schaffen“, formuliert Reger selbstbewusst. Amerikanischen Investoren gefällt so etwas.Gegründet hat Reger sein Unternehmen 2019. Der gelernte Techniker schraubte eigentlich lieber an schnellen Autos herum, landete dann eher durch Zufall bei einem Schweizer Maschinenbauer, bevor er sein eigenes Ding aufzog. Den Unternehmenssitz Metzingen wählte der Baden-Württemberger eher strategisch wegen seiner Lage vor den Toren Stuttgarts. Bis dahin kannte man die Stadt vor allem durch Hugo Boss und als riesigen Outlet-Store.Mit seinem kleinen Team entwickelte Reger sowohl Mechanik als auch Software selbst, kooperierte mit Chinesen, gab aber die Patente nie aus der Hand. Um einen finanziellen Engpass zu überwinden, verpfändete er einst sogar sein Haus. Seit einigen Jahren fährt Neura aber auf der Überholspur, fertigt etwa für Kunden wie Kawasaki Robotersysteme. Umsatzzahlen nennt Neura jedoch nicht, wirbt gerne mit festen Aufträgen von rund einer Milliarde Euro. Unabhängig nachprüfen lässt sich das nicht.Technologie sorgt für historischen WendepunktReger kauft seit Jahren im Metzinger Gewerbegebiet eine Halle nach der anderen hinzu und baut sein eigenes Cluster auf. Längst geben sich die Spitzen der Landespolitik auf der Suche nach industriellen Hoffnungsträgern im darbenden Autoland dort die Klinke in die Hand. Schaut her, wir sind immer noch das Land der Ingenieure, lautet die Botschaft vieler Bilder. Längst hat Neura aber auch eine Niederlassung in München, dem Nabel der deutschen Technologie-Szene – ein Muss für jedes Tech-Unternehmen, allein schon um internationale Talente für sich gewinnen zu können.Der 38 Jahre alte Familienvater hat sich von Anfang an nicht nur intensiv mit der Technologie befasst, sondern auch mit den Rahmenbedingungen und den gesellschaftlichen Folgen. Reger spricht von einem „historischen Wendepunkt“. In Europa, Japan und China gingen in den nächsten Jahren deutlich mehr Menschen mit wertvollen Fähigkeiten in den Ruhestand, als neue nachkommen. Gleichzeitig wachse der Bedarf an physischer Arbeit. „Physical AI ist deshalb eine Notwendigkeit und keine Option.“ Die entscheidende Frage im Wettbewerb der nächsten Jahrzehnte werde lauten, wie schnell Fähigkeiten erlernt werden können. Ein Mensch benötigt dafür oft Jahre. „Ein Roboter wird dieselbe Fähigkeit künftig innerhalb von Stunden lernen und anschließend mit einem Klick auf Tausende weitere Maschinen übertragen können“, sagt Reger voraus. „Das verändert die Wirtschaft grundlegend.“Physical AI ist für ihn eine der wenigen Technologien, bei denen Europa noch aus einer Position der Stärke heraus agieren kann. Reger will nicht weniger als das Erbe der Autoindustrie antreten. „Ich sage oft intern: Wir wollen einmal der größte Steuerzahler Europas werden, weil das bedeuten würde, dass wir etwas geschaffen haben, das Millionen Menschen hilft, Hunderttausende Arbeitsplätze ermöglicht und einen echten Beitrag für unsere Gesellschaft leistet.“ Erfolg messe sich auch daran, was man zurückgibt.Dass er daran auch gewisse Erwartungen knüpft, hat Reger formuliert und sich etwa für einen eingeschränkten Kündigungsschutz in ganz jungen Unternehmen starkgemacht. Gründern werde es zu schwer gemacht in Deutschland. Wenn Reger ins Reden kommt, sprudeln die im Idiom seiner Heimatregion eingefärbten Gedanken oftmals aus ihm heraus.Die nächsten Wachstumsschritte von Neura sind erst mal finanziert. Die Aufgaben bleiben gewaltig: Selbständige humanoide Roboter sind kein Selbstzweck. Ihr massenhafter Einsatz in der Industrie muss sich für Unternehmen rechnen. Bis dahin liegt vor Neura wie vor seinen Wettbewerbern noch viel Entwicklungsarbeit. Ein Kenner vergleicht den Entwicklungsstand mit dem des autonomen Fahrens vor zehn Jahren.Reger, der mittlerweile auch im Kreis der globalen Tech-Elite bekannt ist, schreckt das nicht ab. „Wir wollen KI aus dem Bildschirm in die reale Welt bringen. Nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um Menschen zu unterstützen.“ Wenn Neura das schaffe, werde Physical AI eine der positivsten Entwicklungen unserer Generation werden. Die Arbeit geht jetzt richtig los.