Diese Finanzierungsrunde ist ein starkes Signal. Das junge schwäbische Unternehmen Neura Robotics bekommt rund 1,4 Milliarden Dollar von Investoren, um seine nächsten Wachstumsschritte anzugehen. Für Deutschland ist das ein historisches Volumen.Im Kreise der Geldgeber finden sich mit Nvidia und Amazon zwei der wertvollsten Konzerne der Welt, die auf der Technologiewelle des 21. Jahrhunderts geritten sind und es zu atemberaubender Größe geschafft haben. Daneben stehen mit Bosch und Schaeffler deutsche Industriegrößen, die die harten Umbrüche der Automobilbranche am eigenen Leib erfahren und neue Geschäftsfelder suchen.Gerade Bosch muss sich allerdings fragen, warum einem Start-up vor der eigenen Haustür gelungen ist, was man selbst nicht hinbekommen hat. Dass Neura-Gründer und -Chef David Reger für seine beeindruckende Wachstumsgeschichte ehemalige Bosch-Manager begeistert hat, sollte doppelt zu denken geben.Deutschlands Gründergeist ist auf der Strecke gebliebenReger, der Techniker ohne Hochschulabschluss, hat früh große Ziele formuliert und wurde dafür oft wahlweise belächelt oder hart angegangen. Ein globaler Spieler für Robotik? In Deutschland? Auf der grünen Wiese gegründet? Kapitalintensiv? Niemals! Dieser Gründergeist ist in der saturierten deutschen Gesellschaft irgendwann auf der Strecke geblieben.Wie oft wird bemängelt, dass es seit SAP keine Neugründung mehr von Weltrang gegeben hat? Der Auf- und Abstieg von Biontech hat stark mit Sondereinflüssen zu tun und taugt deshalb nur bedingt als Gegenbeispiel. Kommt also doch mal jemand mit großen Ideen daher, sieht er seine Energie schnell in Verteidigungsgefechten dahinfließen und sich selbst mancher Anfeindung ausgesetzt.Natürlich sichert auch die Milliardenrunde von Neura noch nicht dessen dauerhafte Erwähnung in den Geschichtsbüchern der deutschen Wunderkinder. Wie bei allen jungen Aufsteigern ist die Finanzspritze in erster Linie Vorschusslorbeer, den es sich anschließend zu verdienen gilt. Ebenso wie die aktuellen „Einhörner“ in der Verteidigung Helsing, Quantum Systems und Stark Defence, deren Versprechen auf innovative Produkte zur Landesverteidigung vom Markt mit Milliardenbeträgen bewertet werden, muss auch Neura beweisen, dass es in der Lage ist, in der Robotik eine gute Rolle zu spielen. Aber die Chancen dafür stehen nicht so schlecht.Elon Musk hat noch nicht geliefertHumanoide, also menschenähnliche Roboter, gelten als Billionenmarkt der Zukunft. Gerade in alternden und schrumpfenden Gesellschaften Asiens und Europas könnten Maschinen Aufgaben von Menschen in vielen Bereichen übernehmen – vom Haushalt über die Pflege bis zur Fabrik. Einen Roboter zu bauen, ist heute nicht mehr die große Kunst. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, zu gewährleisten, dass er die Dinge, die Menschen bislang tun, mindestens ebenso gut erledigen kann – und zu möglichst geringen Kosten. Die kometenhafte Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz öffnet dafür viele Türen.Reger hat mit Neura früh auf eigene Software und eine Plattform gesetzt, auf der vernetzte und lernende Roboter agieren. Im Gegensatz zu vollmundigen Versprechungen so mancher Wettbewerber bietet Neura funktionierende Produkte. Elon Musk hat Tesla-Anlegern dagegen immer noch nicht den versprochenen Optimus-Roboter geliefert. Bislang gelingt es Reger zudem, sein Unternehmen als westliche Alternative zu den vielen chinesischen Anbietern zu positionieren, ohne dadurch mit den Asiaten in Konflikte zu geraten. Im Gegenteil erntet sein Schaffen auch im Reich der Mitte Respekt.Dennoch werden erst die kommenden Jahre zeigen, ob Neura die Skalierung seines Geschäfts und damit der Durchbruch in die Weltliga gelingen wird. Mit dem frischen Geld muss Neura dafür das hohe Entwicklungstempo seines Ökosystems beibehalten und im besten Fall noch steigern. Die Roboter müssen noch besser werden und schneller lernen.Seine iterativen Fähigkeiten verdankt das Unternehmen seiner hohen Attraktivität für erstklassige Talente aus der Forschung, von denen es in Deutschland einige gibt. Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um große Herausforderungen anzugehen. In einer Zeit, in der Börsengänge amerikanischer Techunternehmen in neue Dimensionen vorstoßen, erinnert das Beispiel der schwäbischen Robotikschmiede daran, dass jeder Tag die Chance bietet, etwas Großes in Angriff zu nehmen. Die Lehre kann nur lauten: Mehr Neura wagen!