Überschall ohne Knall: Die Nasa durchbricht die Schallmauer – und beseitigt vielleicht bald ein TabuDer «leise» Jet soll den politischen Weg für Supersonic-Flüge über dicht besiedeltes US-Territorium ebnen – und testet dafür auch die Toleranz der Bevölkerung gegenüber einem Comeback des Überschallverkehrs.Jürgen Schelling11.06.2026, 13.39 Uhr5 LeseminutenDas Nasa-Versuchsflugzeug X-59 Quesst, hier im Landeanflug, verfügt über eine Aerodynamik, die unterhalb der Tragflächen keinen lauten Überschallknall erzeugt, wenn sie Mach 1 überschreitet.Jim Ross / NasaDie amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa hat mit ihrem fliegenden Versuchsträger X-59 Quesst Anfang Juni erstmals Überschallgeschwindigkeit erreicht. Der Jet flog bei seinem eineinhalbstündigen Flug von der Edwards Air Force Base im Gliedstaat Kalifornien aus 1145 km/h – das sind umgerechnet Mach 1,1. Quesst bedeutet Quiet Supersonic Technology, also leise Überschallflugtechnik. Das wie ein überdimensionierter Pfeil aussehende einsitzige Flugzeug soll in den kommenden Wochen noch deutlich schneller werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Seit dem Erstflug des Flugzeugs Ende Oktober 2025 hat das Team enorme Fortschritte gemacht, in den letzten 90 Tagen 16 Flüge absolviert und einen stabilen Testrhythmus erreicht», sagte ein Projektverantwortlicher der Nasa. In den kommenden Tagen erwarte man, den nächsten Schritt zu machen und auf Mach 1,4 zu beschleunigen. Die Nasa will so beweisen, dass ziviler Überschallflug über Land leise sein könnte und auch sicher im dicht beflogenen Luftraum der USA möglich wäre.Nicht lauter als eine zugeworfene AutotürGleichzeitig sollen die Bewohner in mehreren ausgewählten US-Regionen nach den Demoflügen über ihren Köpfen dazu befragt werden, wie sie das Geräusch des Flugzeugs empfinden. Erwartet wird, dass der früher laute Überschallknall bei der X-59 am Boden akustisch nur noch etwa so empfunden werde wie eine Autotür, die zugeworfen werde.Nach Abschluss der Untersuchungen sollen die Daten dazu dienen, herauszufinden, ob über dem Gebiet der USA künftig auch zivilen Überschallflügen mit dieser neuen Technologie «eine Tür geöffnet werden kann», wie es die Nasa formuliert. Das bei Lockheed Martin gebaute Versuchsflugzeug X-59 weist deshalb eine besondere aerodynamische Form mit einer extrem langen Rumpfnase auf. Dadurch soll erreicht werden, dass die den Knall erzeugenden Schallwellen umgeformt und so am Boden als weniger laut und störend wahrgenommen werden.Der Nasa-Testpilot Jim Less sieht allerdings wegen dieser aussergewöhnlich langen Nase und seiner leicht nach hinten versetzten Sitzposition beim Landen die Piste vor sich nicht. Er hat deshalb Bildschirme im Cockpit, die ihm die Sicht auf die Landebahn aus Kameraperspektive für einen korrekten Landeanflug zeigen.Eine grosse Fragestellung neben der Kommerzialisierung eines zivilen Überschallflugzeugs ist auch, ob und wenn ja wo überhaupt eines Tages zivil mit Überschallgeschwindigkeit geflogen werden darf. Denn bis anhin sind Flüge mit höherem Tempo als Mach 0,9 lediglich über dem Meer zulässig, um die Bewohner vor dem Überschallknall zu schützen. Das aber reduziert den Geschwindigkeitsvorteil gewaltig.Allerdings gibt es in den USA bereits Bestrebungen, Überschallflüge über Land zuzulassen, wenn kein Knall für die Menschen am Boden zu hören ist. Deshalb werden auch die Daten der X-59 der Nasa und die Reaktion der Bewohner auf diese Flüge von Aviatik-Fachleuten mit Spannung erwartet.In der Computersimulation erkennt man die Schallwellen anhand der Grautöne. Die stärksten Wellen finden sich bei dieser Sicht auf den X-59 von schräg oben vor allem an der Oberseite des X-59, an der Unterseite sind sie deutlich schwächer.Marian Nemec / Michael Aftosmis / Nasa / AmesAngefangen hat der Geschwindigkeitsrausch bereits vor fast achtzig Jahren: Am 14. Oktober 1947 durchbrach der Amerikaner Chuck Yeager als Testpilot der US Air Force in seiner Bell X-1 als erster Mensch die sogenannte Schallmauer. Er erreichte in dem Experimental-Raketenflugzeug eine Geschwindigkeit von Mach 1,05 im Horizontalflug über der Mojave-Wüste und war damit erstmals schneller als der Schall. Für moderne Jagdflugzeuge ist gegenwärtig zumindest das kurzzeitige Erreichen von Mach 2 fast Standard.Die Russen waren am schnellsten – aber nicht langeÜberschallflüge ziviler Flugzeuge gelangen aber zuerst der russischen Tupolew Tu-144 und nach ihr dem westlichen Gegenstück, der britisch-französischen Concorde. Die ab 1963 geplante Tupolew Tu-144 war ein Prestigeprojekt des sowjetischen Flugzeugbaus. Sie startete bereits zwei Monate vor der Concorde am 31. Dezember 1968 zum Jungfernflug und erreichte vor dieser am 5. Juni 1969 Mach 1 sowie am 26. Mai 1970 als erstes ziviles Flugzeug Mach 2.Allerdings galt der Prototyp der Tupolew als überhastet konstruiert und deswegen stark fehlerbehaftet. Erst eine in vielen Grundlagen völlig überarbeitete Maschine ging deshalb in die Serienproduktion. Gebaut wurden lediglich 16 flugfähige Exemplare. Die erste Serienmaschine der Tu-144 stürzte allerdings aus teilweise ungeklärten Ursachen bereits 1973 beim Luftfahrtsalon in Paris-Le Bourget ab.Zwei weitere Exemplare der Serie mussten in den kommenden Jahren notlanden. Eine Maschine hatte einen Turbinenausfall nach einem Treibstoffleck, bei der anderen explodierte ein Triebwerk. Eine kommerzielle Nutzung als Überschall-Verkehrsflugzeuge war unwirtschaftlich. Ausserdem war die Tu-144 infernalisch laut für ihre Passagiere und wurde auch deshalb schon 1979 für den Linienbetrieb wieder ausgemustert.Der Concorde-Prototyp 001 flog erstmals am 2. März 1969. Am 1. Oktober dieses Jahres überschritt die Maschine erstmals Mach 1, gut ein Jahr später auch Mach 2. Es war der Beginn einer Ära in der zivilen Aviatik. Mithilfe der Concorde schien die Welt ab 1976 zu schrumpfen. Zumindest auf den Strecken Paris–New York oder London–New York.Für die Concorde nahm der Traum vom Fliegen schneller als der Schall ähnlich wie bei der Tu-144 kein gutes Ende. Nahe dem Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle kam es am 25. Juli 2000 zur Katastrophe. 109 Passagiere und Crewmitglieder an Bord sowie vier weitere Menschen am Boden starben, als die Concorde brennend abstürzte. Alle Exemplare verloren daraufhin vorübergehend ihre offizielle Flugtauglichkeit.Das Comeback mit modernisierter Sicherheitstechnik an Fahrwerk und Tanks ab dem Herbst 2001 währte nicht lange. Die Passagierzahl sank, der enorme Treibstoffverbrauch bei gestiegenen Kerosinpreisen tat sein Übriges. Aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit legte Air France ihre sechs Concorde im Sommer 2003 still. British Airways folgte mit ihren acht Exemplaren im Oktober 2003.Bis heute lebt der Traum vom zivilen Überschallflugzeug aber weiter. So war etwa das US-Unternehmen Aerion Corporation in Reno im US-Gliedstaat Nevada vor mehr als zwanzig Jahren mit grossen Ambitionen gestartet. Ab 2026 wollte man mit der AS2/3 als schnellstem Business-Jet der Welt zwölf Passagiere mit Mach 1,4 transportieren, so war damals der Plan. Das Projekt endete im Sommer vor fünf Jahren still und leise mit der Aufgabe des Unternehmens mangels Geld und Investoren.Derzeit hat das Privatunternehmen Boom Supersonic aus den USA mit einem verkleinerten, einsitzigen Versuchsflugzeug ebenfalls schon Überschall mit Mach 1,1 erreicht. Ob aber auch das grosse Ziel des Unternehmens damit realisierbar wird, den 40-Sitzer «Overture» mit Mach 1,7 zu bauen, ist noch offen.Zumindest zwei Menschen erlebten Überschall in der Luft auch ohne Flugzeug und damit ohne am Boden hörbaren Knall. Der erst vor kurzem verstorbene Extremsportler Felix Baumgartner aus Österreich sprang am 14. Oktober 2012, auf den Tag genau 65 Jahre nach Chuck Yeagers erstem Mach-1-Flug, aus einem Stratosphärenballon in 39 Kilometern Höhe. Im freien Fall erreichte er zeitweise eine Geschwindigkeit von 1357 km/h, umgerechnet Mach 1,25, bevor er am Fallschirm landen konnte.Zwei Jahre später übertrumpfte der Amerikaner Alan Eustace die Absprunghöhe von Baumgartner in einem heliumgefüllten Ballon noch um zwei Kilometer. Er sprang aus 41 000 Metern Höhe ab, erreichte mit 1323 km/h ebenfalls Überschall im freien Fall und setzte per Fallschirm auf.Zahlreiche Bewohner der Schweiz haben unfreiwillig wohl ebenfalls schon den Überschallknall eines Jets erlebt: Wenn die F/A-18 der Luftwaffe bei einem Luftpolizeieinsatz rasch aufsteigen und dann womöglich sogar mit Überschallgeschwindigkeit fliegen muss, um ein unidentifiziertes Flugzeug im Schweizer Luftraum abzufangen, ist das am Boden ähnlich laut wie schwerer Kanonendonner, wie es jüngst im März 2026 über der Zentralschweiz zu hören war.Passend zum Artikel
Leiser als eine Autotür: Nasa probiert geräuscharmen Überschall
Der «leise» Jet soll den politischen Weg für Supersonic-Flüge über dicht besiedeltes US-Territorium ebnen – und testet dafür auch die Toleranz der Bevölkerung gegenüber einem Comeback des Überschallverkehrs.
NASA testete X-59 Quesst bei Mach 1,1 mit Knall-Reduktion auf Autotür-Lautstärke; Mach 1,4 geplant. Die Zulassung von Überschallflügen über Land könnte Luft-Raumfahrt-Märkte und die Avionik-Supply-Chain erheblich verändern.













