PfadnavigationHomeGeschichteStasi bei der BundeswehrSogar diesen ganz besonderen Panzer-Prototypen verriet das AgententrioVon Johann AlthausStand: 13:05 UhrLesedauer: 5 MinutenDer Kasemattpanzer-Versuchsträger, der heute im Panzermuseum Munster stehtQuelle: Deutsches Panzermuseum MunsterDer radikal andere „Kampfpanzer 3“ sollte die Verteidigung Westeuropas ab den 1990er-Jahren sicherstellen. Spione der Stasi forschten die Bewertungsergebnisse aus. Im Juni 1976 flogen sie auf.Ist es eigentlich ein Erfolg, wenn Spione auffliegen? Einerseits ja, denn dann endet normalerweise ihr Verrat. Andererseits nein, weil allein ihre mehr oder minder lange Agententätigkeit das Versagen der bisherigen Sicherheitsvorkehrungen beweist.Kein Wunder also, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz im Juni 1976 mit einem weinenden und einem lachenden Auge die jüngsten Festnahmen bekanntgab: Binnen nur drei Wochen waren 16 Bundesbürger enttarnt worden, die allesamt Dienstgeheimnisse an die DDR-Staatssicherheit verraten hatten. Lesen Sie auchDen Anfang machte eine Sekretärin im Auswärtigen Amt Mitte Mai, dann ging es Schlag auf Schlag: Seit der ersten Juni-Woche saßen weitere 15 Ostspione hinter Gittern. Die für Landesverrat zuständige Bundesanwaltschaft deutete gegenüber Journalisten an, dass wohl weitere Fälle hinzukommen würden.Nur zwei Jahre zuvor hatte ein im Umfeld von Willy Brandt platzierter Stasi-Agent, der Schläfer Günter Guillaume, zum ersten Kanzlersturz der Bundesrepublik geführt. Welche Rücktritte würden die nun enttarnten Verräter auslösen? Wessen Stuhl im Kabinett wackelte am meisten?Schnell zeigte sich: Der wahrscheinlichste Kandidat war Verteidigungsminister Georg Leber, im Amt seit Helmut Schmidts Wechsel ins Finanzministerium 1972. Denn die nun enttarnten Spione arbeiteten vorwiegend für die Bundeswehr. Lesen Sie auchMehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenAls wichtigster „Fang“ galt das Trio Lothar und Renate Lutze sowie Jürgen Wiegel, alle drei tätig auf der Hardthöhe, dem Sitz des Bundesverteidigungsministeriums bei Bonn. Lothar Lutze war seit Anfang 1973 Hilfsarbeiter im Personalwesen und wechselte nach zwei Jahren 1975 als Verschlusssachenverwalter in die Rüstungsabteilung. Seine Frau Renate Lutze, geboren als Renate Uebelacker, arbeitete schon seit 1967 im Ministerium und wurde im März 1972 Sekretärin des Leiters der Sozialabteilung. Jürgen Wiegel betreute zuletzt die Geheimregistratur der Marineabteilung; hier wurden alle technischen Unterlagen über Waffensysteme gesammelt – über gegenwärtig eingesetzte, aber ebenso über jene, die in Zukunft eingeführt werden sollten.Alle drei hatten die notwendigen Sicherheitsüberprüfungen ohne Beanstandung absolviert und besaßen daher die für ihre Aufgaben erforderlichen Ermächtigungen zum Umgang mit Verschlusssachen. Lothar Lutze durfte Geheimsachen bis zu den Stufen „US-Secret“ und „Nato-Secret“ bearbeiten, seine Frau „streng geheime“ Unterlagen der Bundeswehr, der Nato und der US-Streitkräfte. Auch Wiegel war ab Mitte 1974 für „streng geheim“ ermächtigt.Die Festnahme erfolgte in der Nacht zum 2. Juni 1976, nachdem zuvor Bundeskanzler Schmidt, Minister Leber und Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig in Umrissen über den Verdacht informiert worden waren. Schon am 4. Juni sickerten die Namen der drei Festgenommenen durch, zwei Tage später zahlreiche Details. So konnten die Vertreter des westlichen Bündnisses vor der offiziellen, aber natürlich geheimen Unterrichtung in den Sonntagszeitungen vom 6. Juni lesen, was geschehen war. Lesen Sie auchInsgesamt hatten die drei DDR-Agenten Zugang zu mehr als tausend Unterlagen verschiedener Vertraulichkeitsgrade gehabt, davon 401 „geheime“ und 17 „streng geheime“ Papiere. Darunter waren neben den Zustandsberichten der Bundeswehr für 1972 bis 1974 die Bewertungsergebnisse für das Rüstungsprojekt „Kampfpanzer 3“, den projektierten, aber dann durch kontinuierliche Weiterentwicklungen ersetzten Nachfolger des Leopard 2, sowie Informationen über den neuen Multifunktions-Kampfjet Panavia Tornado, der 1974 seinen Erstflug gehabt hatte.Zu den interessantesten Akten gehörte das Material rund um den für die 1990er-Jahre vorgesehenen Kampfpanzer der Bundeswehr. Der Leopard 1 war im Dienst seit September 1965, sein Nachfolger Leopard 2 sollte demnächst in die Serienproduktion gehen (tatsächlich in Dienst gestellt wurden die ersten Exemplare dann 1979). Lesen Sie auchFür die projektierte nächste Generation war ein radikaler Konzeptwechsel angedacht: weg vom Panzer mit Turm, dessen Prinzip seit dem französischen Renault FT von 1917 typisch für die „Main Battle Tanks“ war. Hin zu einem Kasemattpanzer mit zwei gleichen, parallel einzusetzenden Kanonen – einem deutlich anderen Konzept als bei den mehr aus Mangel an geeigneten Fahrgestellen für schwere Geschütze im Zweiten Weltkrieg etablierten Jagdpanzern.Mögliche Vorteile sollten eine höhere Feuerkraft bei kürzeren Reaktionszeiten sein, die niedrigere Silhouette, die zu einer geringeren Gefährdung durch feindliche Panzerabwehr führen würde, und höhere Beweglichkeit. Das Konzept des Doppelrohr-Kasemattpanzers war revolutionär. Deshalb bestand das Verteidigungsministerium auf dem Bau von Versuchsträgern. Zunächst entstanden auf der Basis des nicht weiterverfolgten deutsch-amerikanischen Kooperationsprojekts Kampfpanzer 70 zwei Prototypen; der eine bekam zwei 105-Millimeter-Geschütze des Leopard 1, der andere zwei 120-Millimeter-Waffen des künftigen Leopard 2. Für den Bau von weiteren fünf Versuchsträgern griff man auf Fahrgestelle der Leopard-1-Vorserie zurück. Die praktischen Versuche zeigten, dass die Idee eines Doppelrohr-Kasemattpanzers realisierbar wäre und tatsächlich die angestrebten Vorteile mit sich bringen würde. Allerdings konnten die Vorbehalte und Bedenken der Panzertruppe letztlich nicht ausgeräumt werden. Daher wurde die Arbeit am Doppelrohr-Kasematt-Konzept schließlich 1979 offiziell eingestellt.Inwieweit sich der Verrat der Eheleute Lutze und Jürgen Wiegels darauf auswirkte, verrät der Bericht des Untersuchungsausschusses von November 1978 nicht. Denn, so hieß es in der Zusammenfassung, „eine differenzierte Erläuterung und Offenlegung dieser Gegenstände ist in einem öffentlichen Bericht nicht möglich.“Festgestellt wurde aber, dass „der durch den Spionagefall Lutze/Wiegel eingetretene Schaden für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“ als „besonders schwerwiegend und zum überwiegenden Teil als irreparabel“ anzusehen sei: „Durch den Verrat habe der nachrichtendienstliche Gegner einen umfangreichen und für ihn wichtigen Einblick in die Stärken und Schwächen der Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland erhalten.“Lothar Lutze erhielt eine Haftstrafe von zwölf Jahren, von denen er elf abzusitzen hatte, bis er 1987 im Rahmen eines Agentenaustausches in die DDR entlassen wurde. Seine Frau Renate war mit sechs Jahren davongekommen und wechselte schon 1981 auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs. Jürgen Wiegel bekam nur dreieinhalb Jahre, weil er die Ermittlungen unterstützt hatte. Als dieses Urteil fiel, war Verteidigungsminister Georg Leber bereits zurückgetreten, wenn auch nicht allein der Affäre Lutze wegen; sie hatte ihn aber politisch sehr geschwächt. Als dann bekannt wurde, dass er dem Bundestag gegenüber eine (illegale) Abhöraktion gegen seine eigene, übrigens vertrauenswürdige Sekretärin verschwiegen hatte, wurde seine Position Anfang 1978 unhaltbar.