Kommentar«Alphamännchen», «Schmarotzer», «Krebsgeschwür» - Willkommen in der Pöbel-RepublikDonald Trump tut es, Herbert Wehner tat es, und Jacqueline Badran und Christian Imark tun es: beleidigen. Doch dabei geht mehr als nur Anstand verloren. Die Verrohung der Sprache zieht immer auch eine Verrohung des Umgangs mit sich.11.06.2026, 10.48 Uhr3 LeseminutenDer langjährige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Herbert Wehner wurde wegen Beleidigungen im Parlament über 50 Mal gerügt.images.deDer König aller parlamentarischen Pöbler war Herbert Wehner. Der ehemalige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion hatte bis zu seinem politischen Abgang 1983 über 50 Ordnungsrufe kassiert. Einige Beleidigungen Wehners sind heute noch legendär. So nannte er den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe «Herrn Übelkrähe» und dessen Parteikollegen Jürgen Todenhöfer «Hodentöter». Er steht damit in beleidigender Konkurrenz zu Franz Josef Strauss («Schnauze, Iwan») und Joschka Fischer («Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch»).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wehner war im Gegensatz zu heutigen Polit-Rüpeln wenigstens kreativ. Der amerikanische Präsident bemüht sich gar nicht erst um Kreativität bei Verbalinjurien. Er flucht einfach drauflos wie ein x-beliebiger Flegel: «Arschloch», «Idiotin», «Verlierer», «Dummkopf».Höflichkeit gilt heute nicht nur Trump als Sekundärtugend, sie wird in der ganzen westlichen Welt geringgeschätzt. Die Helden des individualisierten Internet-Zeitalters spucken ungeniert auf den Boden, legen ihre Füsse auf den gegenüberliegenden Sitz im Zug, begrüssen sich gegenseitig mit «Hey, Arschloch» und lassen abends nach dem ersten Bier auf Social-Media-Plattformen die Sau raus. Wenn sich schon der Präsident des mächtigsten Landes der Welt daneben benehmen darf, weshalb denn nicht auch jeder andere?Seit einiger Zeit hat der Trend auch die Schweiz erreicht. Das Land von «Grüezi», «Bitte», «Gerne», «Törfti no» und «Würdet Sie ächt?» befindet sich ebenfalls auf bestem Weg, zu einer Rüpel-Republik zu werden. Berühmt-berüchtigt ist Jacqueline Badran. Sie nannte eine Studentin «dumm wie Brot», den Zürcher Ständerat Daniel Jositsch «ein Alphamännchen» und warf einem Massnahmen-Kritiker der Covid-Ära vor, er habe «keine Eier».Zu Badrans Ehrenrettung kann man immerhin anführen, dass ihr das Poltern, wie Wehner, zum Markenzeichen geworden ist. Man sieht es ihr - meistens - nach, weil sie sowohl nach links wie nach rechts austeilt - mit anderen Worten eigentlich immer so ist.Diesen Vorteil hat Christian Imark nicht. Der SVP-Nationalrat teilt nur nach links aus. Der ehemaligen sozialdemokratischen Umweltministerin Simonetta Sommaruga zischte er einmal zu: «Ich kann Ihnen eines versprechen, Frau Bundesrätin. Wenn Sie die angekündigten Notfallszenarien diesen Winter anwenden müssen, gehen die Leute auf die Strasse, und sie werden weit mehr fordern als Ihren Rücktritt!»Später sagte er, er sei falsch verstanden worden. Er habe nur vor Ausschreitungen warnen wollen. Doch Pöbeleien haben bei ihm Methode. Vor ein paar Tagen kommentierte er den Parteiaustritt des von seiner Partei nicht mehr als Ständerat nominierten Daniel Jositsch mit den Worten: «Die SP ist keine Partei, sondern ein sozialistisches Krebsgeschwür».Mittlerweile ist auch dieser Beitrag gelöscht und relativiert worden, aber er hinterlässt einen Nachgeschmack. Wenn die SVP politische Gegner als rote und grüne «Filzläuse» oder Asylsuchende als «Asylschmarotzer» tituliert; wenn die Jungsozialist:innen Unternehmer als Schmarotzer bezeichnen, Nationalrätinnen Ständeräte als «Alphamännchen» und Nationalräte Parteien als «Krebsgeschwür», geht mehr als nur Anstand verloren. Die Verrohung der Sprache zieht immer auch eine Verrohung des Umgangs mit sich.Das wusste schon Niccolò Machiavelli. In seinem Buch «Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio» warnt er vor Beleidigungen. Jede Schmähung schüre den Hass des Gegners, schrieb er, und sporne ihn an, erst recht auf das Verderben des Beleidigers zu sinnen.Der Niedergang eines Staatswesens beginnt oft nicht mit einem Staatsstreich, sondern mit dem Moment, in dem ein hingeworfenes «Arschloch» in der Politik normal wird.Passend zum Artikel