Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sich in North Carolina märchenhaft eingerichtet für diese Weltmeisterschaft. Mit einem Hotel, das an ein altes englisches Schloss und mit dem wallenden Fahnendekor an den Mauern unvermeidlich auch an die Welt des Zauberlehrlings Harry Potter erinnert. Mit einem Trainingsgelände, das auf dem weiten Geläuf der Wake Forest University entspannte und vielleicht sogar inspirierende Campus-Atmosphäre verströmt. An so etwas soll es nicht scheitern, wenn der DFB auf Reisen geht.Aus Sicht des deutschen Fußballs heißt es am Ende hoffentlich nicht, er hätte magische Kräfte gebraucht, um auf dem Rasen erfolgreich zu sein. An Spirit mangelt es der Mannschaft von Julian Nagelsmann nicht, auch nicht am Mut des Bundestrainers. Es ist schon möglich, dass das Team daraus etwas Erfrischendes und auch Überraschendes entstehen lässt. Aber der Ansage, nun Weltmeister werden zu wollen, ist die Realität des Sommers 2026 bislang nicht viel näher gekommen als jene während der Heim-EM 2024, als im Viertelfinale Schluss war.Neuendorfs RealitätsverweigerungZu befürchten ist gleichzeitig etwas anderes: dass der DFB auf den anderen Spielfeldern, auf die es ankommen wird bei diesem Turnier, schon gescheitert ist, bevor es angefangen hat.Als Bernd Neuendorf, der Präsident des Verbandes, vor einer Woche auf einem Sponsorenevent hoch oben vor der Skyline von Chicago zu deutschen Medien sprach, ging es ihm um soziale Verantwortung. Er sprach auch über eines der WM-Ausrichterländer: Der DFB feiert den 40. Geburtstag der Mexiko-Hilfe, die er nach den Eindrücken bei der WM 1986 dort ins Leben gerufen hat.Das ist ein ehrenwertes Engagement, wie der DFB auch sonst wertvolle soziale Projekte in den WM-Gastgeberländern initiiert. Weil Neuendorf aber mit keinem Wort auf die Gegenwart einging, auf die besonderen politischen Herausforderungen dieser WM, wirkte sein Beitrag wie aus der Zeit gefallen und das Gesamtbild der vergangenen Monate wie Realitätsverweigerung.Der Präsident des größten Sportverbandes der Welt hat sich auf dem Weg zur WM in dieser Hinsicht so kleingemacht, wie er nur konnte. Den großen Fragen, die dieses Turnier vor allem in den Vereinigten Staaten mit sich bringt, hat er sich weitgehend verweigert. Nicht ein einziges Mal erschien Neuendorf zu einer Pressekonferenz, die eine Auseinandersetzung mit seinen Positionen zugelassen hätte.Vom DFB ist nichts zu erwartenAls Neuendorf zu Beginn dieser Woche in Winston-Salem, wo der DFB sein Basis-Camp bezogen hat, seine Dankadresse an die Gastgeber richtete, sprach er davon, North Carolina auf die Landkarte dieser WM zu setzen. Viel wichtiger wäre es, ein paar andere Themen auf die Agenda zu bringen.Niemand erwartet von ihm oder vom DFB, Weltpolitik zu betreiben. Er muss sich auch nicht, um einen Satz aus dem einzigen größeren Interview zu zitieren, das Neuendorf gab, zu jedem Tweet von Donald Trump verhalten. Aber zu den beklemmenden Umständen einer Veranstaltung, an der sein Verband teilnimmt, eine Haltung zu entwickeln und diese auch zu formulieren, hätte man schon erwarten dürfen. So entsteht der Eindruck, dass der DFB selbst ziemlich bequem im Märchenschloss sitzt, während etwa Afrikas Schiedsrichter des Jahres, ein Somalier, an der Grenze abgewiesen wird. Oder die iranische Mannschaft zwar einreisen darf, aber unter höchst unwürdigen Bedingungen.Es wäre Aufgabe des DFB und seines Präsidenten, der zudem Ratsmitglied im Internationalen Fußball-Verband FIFA ist, zumindest Weltfußballpolitik zu betreiben und darauf hinzuwirken, dass die FIFA ihrer Verantwortung gerecht wird – und auch den Regeln, die sie sich gegeben hat. Jener Vorgabe zum Beispiel, dass der Verband zu politischer Neutralität verpflichtet ist, worauf FIFA-Präsident Gianni Infantino allerdings in seinem beispiellos unterwürfigen Opportunismus pfeift.In dieser Hinsicht hat Neuendorf zum Ausdruck gebracht, dass vom deutschen Fußball unter seiner Führung nichts zu erwarten ist. Man mag ihm zugutehalten, dass er mit Infantino in derselben Klemme steckt wie Bundeskanzler Merz mit Präsident Trump, nämlich einerseits die deutschen Interessen zu vertreten, etwa wenn es um die Vergabe künftiger Turniere geht, dabei aber andererseits eine Grenze des moralisch Tragbaren zu definieren. Ein FIFA-Friedenspreis für Trump – why not? Dass Neuendorf – anders als Merz – nicht einmal den Versuch macht, sich dem Unerträglichen zu widersetzen, spricht für eine Selbstaufgabe.Richtig liegt der Verband hingegen damit, diese Themen für die Spieler nicht zu groß werden zu lassen. Joshua Kimmich, der mit 31 Jahren in seine dritte Weltmeisterschaft geht, hat noch keine erlebt, die nicht von politischen Debatten überlagert war. Sowohl 2018 in Russland (Erdoğan) als auch 2022 in Qatar („One Love“) war der Verband überfordert damit, die Ebenen so zu trennen, dass am Ende nicht die Mannschaft der Verlierer war.Selbstverständlich sollte jeder Spieler, der das will, sich äußern können. Man sollte aber auch respektieren, wenn sie das mit Rücksicht auf ihre sportlichen Ziele nicht tun. Wenn der deutsche Fußball das zu einem unbeschwerten Auftritt auf dem Rasen nutzt, wäre damit im Vergleich zu den vergangenen Weltmeisterschaften schon ganz ohne Hexerei etwas gewonnen. Von seinem Präsidenten, der diese WM offensichtlich aus dem Elfenbeinturm betrachten möchte, lässt sich das nicht sagen.
Fußball-WM 2026: Selbstaufgabe des DFB
Niemand erwartet vom Deutschen Fußball-Bund, Weltpolitik zu betreiben. Aber er macht vor der Fußball-Weltmeisterschaft nicht mal den Versuch, sich dem Untragbaren zu widersetzen.















