In den britischen Kolonien Nordamerikas des 17. und 18. Jahrhunderts versammelten sich regelmäßig Gemeindevertreter, um Steuergelder zu verbrennen. Nicht selten wurden Zehntausende Pfund an Papiergeld vor Zeugen akribisch gezählt, entwertet und anschließend abgefackelt. Diese robuste Buchhaltung steht im Zentrum einer Neuerzählung der amerikanischen Unabhängigkeit, die der in Schottland lehrende Historiker Andrew David Edwards vorgelegt hat. Darin erklärt er die Revolution der Kolonien zu einem Kampf um monetäre Souveränität und das Wesen des Geldes, den das Mutterland letztendlich gewann.In neun Kapiteln lädt „Money and the Making of the American Revolution“ dazu ein, in die geldpolitische Vorgeschichte der US-Autonomie einzusteigen, beginnend mit den Papiergeldbränden und endend beim befreiten Dollar. Dabei lässt der Autor vor allem die Protagonisten sprechen, die sich in einem transatlantischen Hin und Her in offiziellen Stellungnahmen, privaten Reflexionen und populären Publikationen darüber entzweiten, welche Form Geld in der amerikanischen Gesellschaft annehmen sollte und durfte – der Unabhängigkeitskrieg als Kampf um monetäre Freiheit. Ein auch für unsere Gegenwart äußerst lehrreiches Unterfangen.Warum die Währungsfrage die Amerikaner mobilisierteGemeinhin werden Steuern als transatlantischer Trennungsgrund angegeben, als Stein des Anstoßes freiheitsliebender Kolonisten, die sich vom Parlament im fernen London keine Abgaben auferlegen lassen wollten, ohne Mitbestimmungsrechte zu erhalten. „No taxation without representation“ ist der berühmte Slogan dieses Begehrens. Den aber erklärt Edwards zur nützlichen Mobilisierungsrhetorik. Weder die Höhe der Steuern noch ihre Fremdbestimmtheit brachten die Amerikaner in Rage, sondern der Umstand, dass sie ihre Steuern in britischem Geld bezahlen sollten, nicht in ihrem eigenen.Andrew David Edwards: „Money and the Making of the American Revolution“Princeton University PressDiesseits und jenseits des Atlantiks bildeten sich nämlich im 17. Jahrhundert gegensätzliche Geldkulturen und Währungsinstitutionen heraus. In England verstand man Geld als Synonym für Edelmetall. Auch Papiergeld wurde zunehmend populär, immerhin ist England auch das Mutterland der finanziellen Revolution und damit die Petrischale des modernen Kapitalismus. Allerdings nahm Papiergeld hier die Gestalt eines Stellvertreters für Silber an, nämlich von Banken emittierte Wechsel, die in Münzen getauscht werden konnten. Der Wert der Scheine legitimierte sich dadurch, mit Silber hinterlegt zu sein. Silber wiederum deutete man als natürliche und ewige Wertform und so als eigentliches Geld. Geld als eine dauerhafte Wertform korrespondierte mit dem ökonomischen und politischen Aufstieg einer Kapitalistenklasse, deren Wohlstand nicht mehr in Landbesitz, sondern in Geldbesitz bestand.Die Kolonien nahmen einen anderen Weg: Hier war Silber knapp und der Geldbedarf einer Landbesitzergesellschaft eher gering. Geld brauchten vornehmlich die Gemeinderegierungen für Infrastrukturprojekte und – vor allem – für den Krieg gegen die Franzosen im Norden. Man bezahlte die Soldaten deswegen mit Kreditbriefen, die als Zahlungsmittel zirkulieren konnten, weil man mit ihnen die jährlichen Steuern begleichen durfte. Steuern dienten den Kolonien also nicht zur Finanzierung des Fiskus, sondern verliehen dem Geld seinen Wert. Wurden die Abgaben durch die Rückgabe der Briefe geleistet, verloren die Zettel ihre Existenzberechtigung und wurden folgerichtig vernichtet.Geld als temporäre SteuergutschriftAmerikanisches Geld beruhte damit nicht auf der Imagination eines ewigen Metallwerts, der sich privat auch durch Papier-Stellvertreter ansparen ließ. Es nahm in Vorstellung und Praxis die Form einer temporären Steuergutschrift für gemeinschaftliche Verwaltungszwecke an. Dadurch entstand eine Opposition zweier Paradigmen: Geld als quasinatürliche und dauerhafte Wertform, dienlich der privaten Akkumulation von Wohlstand, und Geld als temporäres Werkzeug der Regierungskunst, dienlich vor allem der kollektiven Handlungsfähigkeit.Im achtzehnten Jahrhundert kommt es dann zum Bruch. Bedingt durch finanzielle Engpässe im Portemonnaie des britischen Parlaments und eine Wirtschaftskrise in den indischen Kronlanden drängt London auf eine Währungsunion des Empires. Die nordamerikanischen Kolonien sollten zu lukrativen Absatzmärkten für die asiatischen Produktionsgebiete werden und damit auch einen Mehrwert für den britischen Staatshaushalt generieren. Man wollte einen imperialen Binnenmarkt, und der brauchte einheitliches Geld. Diese Gemeinschaftswährung konnte für die britische Elite nur in hartem Silber bestehen – die amerikanischen Papiergeldexperimente wirkten auf sie wie vulgärer Betrug.Es folgten Gesetze, die koloniale Währungen erschwerten oder ganz verboten. Und es folgte der berühmte Stamp Act von 1765, mit dem die Kolonien umfassend besteuert werden sollten. Gewaltsame Aufstände zwangen London zum Zurückrudern, aber damit war die Saat der Revolution gesetzt. Dabei ging es weniger um die ökonomische Last der Steuern als um ihre Substanz: Sie mussten in Silber entrichtet werden, eine Geldform, die es in den Kolonien kaum gab und die der Geldkultur und den Währungsinstitutionen widersprach, an die sich die Kolonisten gewöhnt und auf die sie ihre Wirtschafts- und Lebensweise eingestellt hatten.Die Revolutionäre mussten schließlich den Dollar an das Gold bindenUnd nun folgt Tragik: Die Kolonisten probten den Aufstand gegen die Einschränkung ihrer monetären Gestaltungsfreiheit und für ihr Paradigma eines Geldes als politisches Werkzeug für kollektive Aufgaben. Sie waren bereit, dafür zu den Waffen zu greifen, und mit diesen Waffen waren sie auch erfolgreich. Die Kolonien wurden zu den Vereinigten Staaten. Aber gleichzeitig fiel das koloniale Paradigma des Geldes in sich zusammen. Mit dem Ausbruch der Kampfhandlungen 1775 setzten die Freiheitskämpfer zunächst auf ihre Eigenmarke, gaben lokale Kreditbriefe und schließlich den Kontinental-Dollar heraus. Dieser aber erwies sich als Fiasko. Jahrelange Diskreditierung durch Britannien, im Kriegsverlauf verunsicherte Kapazitäten zur Eintreibung von Abgaben und koloniales Missmanagement erodierten das Vertrauen in Geld als temporäre Steuergutschrift.1/3 Kontinental-DollarWikimedia CommonsDer Krieg beschleunigte außerdem das Wachstum der Gruppe landloser Lohnabhängiger, die wertstabiles und dauerhaftes Geld als Wohlstandsgrundlage einer Kleinsparerklasse verlangten. Auch den Amerikanern erschien ihr lange gut funktionierendes Modell zunehmend als Scharade. Man lieh sich Edelmetall aus Europa und gründete eine neue kontinentale Währung nach britischem Vorbild, einen an Silber und Gold gebundenen Dollar. Großbritannien musste zwar die Vorherrschaft über die nordamerikanischen Ländereien aufgeben, gewann aber den Kampf um das dominierende Geldparadigma.Edwards fulminante Geschichte präsentiert Geld als eine durch und durch politische Institution, ohne natürliche Gestalt, sondern strukturell umkämpft in seiner Deutung und Gestaltung. Sie reiht sich damit ein in einen wachsenden Korpus jüngerer Beiträge aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, die, nicht ganz anders als die Wortmeldungen in der vorliegenden Studie, die besonders in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschende Tendenz zur Objektivierung und Naturalisierung monetärer Verhältnisse herausfordern. Edwards Studie ist damit auch für die Geldpolitik der Gegenwart lehrreich, denn auch in der gegenwärtigen Geldordnung lassen sich Anknüpfungspunkte für beide Paradigmen finden: Einerseits gilt uns Geld individuell als (möglichst) dauerhafter Wert in einer Gesellschaft der Sparenden. Andererseits steht hinter ihm kein Metallwert, sondern Zahlungsverpflichtungen. Und auch das Geld der Gegenwart ist temporär, es wird von Banken bei der Kreditvergabe erschaffen und bei der Kreditrückzahlung stillgelegt.Die Lektüre des Buches lohnt schon deswegen ungemein: als Blick in die Vergangenheit, der für die politische Formbarkeit der Institution Geld ebenso sensibilisiert wie für die darin liegenden Konflikte. Und als Lehrstück der Gegenwart, in der die Geldform seit Jahren in der Kritik steht, weil auch sie alles andere als unpolitisch ist. Wenn man Geldpolitik heute wieder so gekonnt debattieren könnte, wie die von Edwards aufgerufenen Protagonisten, wäre viel gewonnen.Andrew David Edwards: „Money and the Making of the American Revolution“. Princeton University Press, Princeton 2025. 360 S., Abb., geb., 36,25 €.