Später Vormittag unter der Woche, in der City herrscht Betrieb. An zwei Ständen in einer kleinen Passage stehen die Kunden an. Die einen warten auf ihren „Uni-Döner“, der seinen Namen nicht höherer Bildung, sondern dem benachbarten Universitätsplatz verdankt. Die anderen suchen sich daneben bei Metzger Schwarz deftige Kost aus: Es gibt Schinken, Pfefferbeißer und Käse, Hausmacher- und Fleischwurst – das sieht gut aus und schmeckt auch so. International und regional gehen zwischen dem Galeria-Kaufhaus und der Stadtpfarrkirche St. Blasius offenbar gut zusammen. Auch rundherum laufen die Geschäfte: Die Tische vor den Cafés sind gut besetzt, viele Läden warten auf Kundschaft. Und von Freitag an soll es in Fuldas barocker Innenstadt noch viel lebhafter werden: Zehn Tage lang wird dort dann der Hessentag gefeiert.Für Fulda ist es der zweite Anlauf: Eigentlich hätte das Landesfest dort schon 2021 ausgerichtet werden sollen, doch wegen der Corona-Pandemie kam es zur Absage. Also verschwanden die Pläne erst einmal wieder in der Schublade, um mit fünf Jahren Verzögerung wieder aufgerollt zu werden. Kleiner Nebeneffekt: Vera und Max Dudyka haben somit die längste Vorbereitungszeit für ihre Rolle gehabt, man sei, sagt Vera, das „ewige Hessentagspaar“. Ihre Kostüme sind an die Mode des Barock angelehnt, der Epoche, die auch Fuldas Innenstadt baulich geprägt hat.Auf Bonifatius sollst du hörenDeren bekanntestes architektonisches Werk hat Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (CDU) von seinem Arbeitsplatz im Fuldaer Stadtschloss aus bestens im Blick: St. Salvator, der Hohe Dom zu Fulda. Die imposante Kathedrale, Anfang des 18. Jahrhunderts errichtet, ist das Herz des Bistums Fulda und das prächtige Wahrzeichen der Stadt, auch wenn die benachbarte Michaelskirche mit ihrer bis in die Karolingerzeit zurückreichenden Baugeschichte das historisch interessantere Bauwerk ist. Ohnehin herrscht in der Stadt an Kirchen kein Mangel. Auch wenn die Zeiten, in denen Fulda als Hochburg des Ultramontanismus, also des romtreuen politischen Katholizimus, galt oder später der Sitz des umstrittenen, erzkonservativen Bischofs Johannes Dyba war – Religion und Christentum prägen die Stadt bis heute.Bonifatius auf der Spur: der Missionar als AmpelmännchenJanek StempelDas reicht von Straßennamen wie Heilig Kreuz, Nonnengasse, Pauluspromenade und Johannes-Dyba-Allee, die mancher gern wieder in Kastanienallee zurückbenennen würde, bis zu den Ampelmännchen: Ein stilisierter Bonifatius sagt den Fußgängern, ob sie warten oder starten sollen, und seinen Anweisungen sollten aus schierem Selbsterhaltungstrieb auch hartgesottene Atheisten in Fulda Folge leisten. Die Sonderrolle des „Apostels der Deutschen“ begründet sich in der Geschichte der Stadt. Denn in seinem Auftrag errichtete dort im achten Jahrhundert Sturmius das Kloster Fulda, die Keimzelle der Stadt. Zwölf Jahre lang missionierte Bonifatius in Hessen, Thüringen und Bayern, mit großer Wirkung, die im Norden allerdings versagt blieb: 754 oder 755 erschlugen ihn Friesen in der Nähe von Dokkum.Sein Leichnam wurde wieder ins hessische Fulda gebraucht, obwohl auch die Mainzer ihren früheren Bischof gern bei sich bestattet hätten. Bei aller Zuneigung zu Bonifatius sind die Fuldaer allerdings nicht nachtragend: Seit 2013 pflegen sie eine Partnerschaft mit der niederländischen Stadt. Bonifatius’ Grablege Kloster Fulda wurde im Mittelalter zu einem Zentrum des Christentums, die Ratgar-Basilika, der Vorgängerbau des Doms, war seinerzeit die größte nördlich der Alpen – und so teuer, dass der namensgebende Bauherr vom Konvent des Klosters vertrieben wurde.Prachtvoll: Der Barock hat Fulda geprägt – nicht nur im Hohen Dom.Janek StempelHistorische Bedeutung erlangte das mittlerweile zur Industriestadt gewandelte Fulda im Kalten Krieg. Den Militärplanern der NATO galt die Region als wahrscheinlichster Ort für einen Angriff der Truppen des Warschauer Pakts und möglicher Schauplatz der größten Panzerschlachten seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Kampf um den Durchbruch durch das Kinzigtal in das Rhein-Main-Gebiet gingen die Militärs diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs vom Einsatz atomarer Gefechtsfeldwaffen aus – ein vernichtendes Szenario für Fulda und dessen Umland. Es kam bekanntlich anders, und gerade für die Region wurde der Zusammenbruch von Sowjetunion und Warschauer Pakt zum historischen Wendepunkt. Denn aus Fulda im Zonenrandgebiet wurde eine Stadt im Zentrum Deutschlands und Europas.Das Ereignis hat nach Überzeugung von Wingenfeld die Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten bestimmt, und das nicht nur wegen des ersten Hessentags nach der Wiedervereinigung, der 1990 in Fulda gefeiert wurde: „Plötzlich standen die Trabis auf dem Domplatz“, erinnert sich der Oberbürgermeister. Und da die nächsten Großstädte Hanau im Westen und Erfurt im Osten in einiger Entfernung liegen, entwickelte sich Fulda zu einem regionalen Zentrum für die Nachbarschaft in Hessen und Thüringen.Umbruch nach der WiedervereinigungJedenfalls ist die Stadt seit den Achtzigerjahren beträchtlich gewachsen: Von damals 54.000 Einwohnern ist die Zahl auf mehr als 70.000 gestiegen. Zugenommen hat auch die Bedeutung als Reiseziel: 2005 verzeichnete die Statistik 200.000 Übernachtungen, heute sind es mehr als 730.000. Das liege an der Profilierung als Kulturstadt, sagt Wingenfeld und verweist auf die überregional bekannten Domplatzkonzerte, aber auch an Großveranstaltungen wie der 2023 in Fulda ausgerichteten Landesgartenschau. Diese Erfahrungen nähren die Hoffnung Wingenfelds, dass Fulda durch den Hessentag einen weiteren Schub erfahren wird.Der Rollenwechsel hat auch die Wahrnehmung der Stadt verändert. Bis in die Neunzigerjahre galt Fulda vielen im evangelisch geprägten Hessen geradezu als verbiestert katholisch-konservativ. Da passte ins Bild, dass eine Drogeriefiliale keine Kondome verkaufen durfte, weil das Gebäude der katholischen Kirche gehörte. Im kirchenfernen Teil der Fuldaer Jugend sorgte das Image sogar zu einem trotzigen Stolz und Sprüchen wie „wenn schon gestrig, dann ewig“. Aber vieles habe sich gewandelt, glaubt Wingenfeld, der als Abiturient die Stadt unbedingt verlassen wollte. Der Jurist studierte in Trier, Lyon, Heidelberg und Kapstadt, promovierte in Berlin und arbeitete in einer Kanzlei in Frankfurt.Als er nach Fulda zurückkehrte, habe er die Veränderung gespürt, sagt Wingenfeld. Menschen aus 140 Nationen wohnen heute in der Stadt, auch Studenten der Hochschule und des Campus der Uni Marburg am Fuldaer Klinikum haben das Leben in der City verändert. Und Fulda werde weiter wachsen, sagt der Oberbürgermeister und verweist auf neue Wohngebiete und die Rolle des Bahnhofs. Nach dem Ausbau der Bahnstrecke im Kinzigtal soll die Reisezeit von Fulda nach Frankfurt auf 39 Minuten sinken, Osthessen wird näher an das Rhein-Main-Gebiet rücken. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass etliche Fahrgäste den ICE-Bahnhof schon jetzt als unfreiwillige Teilnehmer der DB-Umsteigelotterie besser kennen, als ihnen lieb sein dürfte.Tradition und Moderne: die alte Aula (links) und das in den Sechzigerjahren von Sep Ruf entworfene Galeria-Kaufhaus.Janek StempelWingenfeld sieht optimistisch in die Zukunft, aber die Stadt muss auch Rückschläge verkraften: Im vergangenen Jahr schloss der Goodyear-Konzern seine Fabrik in Fulda, noch einmal mussten 500 von einstmals rund 1000 Mitarbeitern gehen. Schluss nach 125 Jahren, das hat sich für viele Fuldaer wie ein Stich ins Herz angefühlt. So ziemlich jeder in der Stadt, erzählt der Oberbürgermeister, habe einen Verwandten, der einmal „bei der Gummi“, so hieß die Fabrik im örtlichen Sprachgebrauch, gearbeitet habe: „Da wird der abstrakte Begriff der Deindustrialisierung Realität.“ Die Stadt hat reagiert, ihr Vorkaufsrecht genutzt und das mehr als 16 Hektar große Gelände für rund 16 Millionen Euro erworben. Das Areal biete die Chance zur Transformation, die die Stadt aktiv steuern will. Die Kommunalpolitik weiß Wingenfeld dabei hinter sich: Der Beschluss der Stadtverordneten fiel einstimmig.Hessentag der kurzen WegeDie Konversion der früheren Fabrik wird eine Sache von Jahren, der Hessentag dagegen dauert gerade einmal zehn Tage. Unter dem Motto „Foll hessisch“ verspricht die Stadt ein Landesfest der kurzen Wege. So bietet die kleine Stadt mit großer Geschichte die Möglichkeit, die verschiedenen Schauplätze des Hessentags zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen. Über die Zahl der Besucher mag Wingenfeld nicht spekulieren, es sei wichtiger, die Gäste mit der Qualität des Angebots zu überzeugen.Dazu gibt es genug Gelegenheiten: Etwa 1200 Veranstaltungen von den Konzerten vor dem Dom bis zur Sonderschau „Der Natur auf der Spur“ in den Fuldaauen zählen zum Programm. Wer eine Auszeit vom Trubel nehmen will, findet Gelegenheit im Herzen der Stadt, denn die Stadtpfarrkirche St. Blasius soll zur Hessentagskirche werden. Bonifatius, dem tatkräftigen Missionar, der eine den Heiden heilige Eiche gefällt haben soll, würde das Nebeneinander von seelischer Einkehr in der Kirche und hungriger Einkehr am Bratwurststand wohl gefallen.