Der Sommer steht vor der Tür, schon Ende Mai wurden in einigen Regionen des Landes hochsommerliche Temperaturen von deutlich mehr als 30 Grad Celsius gemessen. Und wegen des Klimawandels wird es künftig noch mehr sehr heiße Tage geben, erwarten Meteorologen. Doch Deutschland ist auf die Herausforderungen und Gefahren durch häufigere, längere und intensivere Hitzeperioden nicht ausreichend vorbereitet. „Das kostet vielen Menschen das Leben und ist ein enormes wirtschaftliches Risiko“, mahnt ein Bündnis von mehr als 150 Organisatoren aus den Bereichen Gesundheit, Pflege, Soziales und Klimaschutz. Hitzewarnungen und Empfehlungen reichten nicht – Hitzeschutz müsse verbindlich werden, forderten unter anderem die Bundesärztekammer, der Pflegerat, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und die Allianz Klimawandel und Gesundheit zum Hitzeaktionstag am Freitag.Außergewöhnliche Hitze führe zu mehr Todesfällen als alle anderen Extremwetterereignisse, etwa Kälte, Stürme und Überschwemmungen, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI). Im eher durchschnittlich heißen Sommer 2025 zählte das RKI hierzulande 2500 hitzebedingte Sterbefälle. Im Extremsommer 2008 waren es mehr als 7000. Deutschland verzeichne die dritthöchste Gesamtzahl hitzeassoziierter Todesfälle in Europa, nach Italien und Spanien, berichtet das Bundesumweltministerium. Bezogen auf eine Million Einwohner liege Griechenland vorne.Wirtschaftliche Verluste von mehr als 130 Milliarden Dollar„Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent, und wir bezahlen dafür mit Menschenleben“, sagte Hans Henri Kluge, der für Europa zuständige Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), am Freitag in Berlin. Mehr als 200.000 Menschen in Europa seien in den vergangenen vier Jahren an den Folgen von Hitze gestorben.Extreme Hitze bedroht auch die deutsche Wirtschaft. Die wirtschaftlichen Verluste zwischen 2026 und 2030 könnten sich auf insgesamt rund 131 Milliarden Dollar summieren, wenn sich die Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts wiederholen, heißt es in einer Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade von Ende Mai. Beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) seien bis 2030 Einbußen von bis zu drei Prozent möglich.Energiekosten steigen und BIP sinktDie Berechnungen basieren auf der Annahme sinkender Produktivität je zusätzlichem Grad um etwa drei Prozent, wenn die Temperatur auf mehr als 30 Grad steige. Zugleich stiegen dann die Energiekosten um etwa 1,2 Prozent je Grad durch höheren Kühlbedarf. Auch dem Staat drohten hitzebedingte Einbußen: um etwa 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts je Hitzejahr.WHO-Vertreter Kluge stellte in Berlin einen neuen Leitfaden vor, der den Behörden helfen soll, Menschen besser vor Hitzebelastungen zu schützen. Empfohlen werden unter anderem Warnsysteme, Schutzmaßnahmen für Risikogruppen wie ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen, die Sicherung des Gesundheitssystems sowie die Anpassung der Städteplanung und Bebauung – eine weitere Herkulesaufgabe für den ohnehin überlasteten Staat.Bündnis: Hitzeschutz muss Teil des Katastrophenschutzes werdenDer Schutz vor extremer Hitze müsse verbindlich in den Katastrophenschutz eingegliedert werden, fordert das deutsche Verbändebündnis. Hitzeschutz müsse obligatorischer Bestandteil öffentlicher Investitionsentscheidungen werden, und Bund und Länder müssten in die Pflicht genommen werden, Kommunen sowie Gesundheits-, Pflege-, Sozial- und Bildungseinrichtungen beim Hitzeschutz finanziell zu unterstützen. Dies solle durch Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur oder durch eine neue Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz geschehen.Hierzulande sind vor allem die Länder und Kommunen für den Hitzeschutz zuständig. Ein durchgreifendes Organisationsrecht des Bundes gibt es hier nicht. National gesteuerter Hitzevorsorge mit gesetzlichen Verpflichtungen, wie sie in Frankreich existieren, sind deshalb Grenzen gesetzt. Wie ein nationaler Hitzeaktionsplan aussehen könnte, lässt das Bundesumweltministerium derzeit in einem Forschungsvorhaben prüfen.Schon 2017 veröffentlichte das Ministerium „Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit“. Doch hat bislang nur knapp die Hälfte der Länder solche Pläne, unter ihnen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. Zur kommunalen Ebene teilte das Umweltbundesamt (UBA) auf Anfrage mit, etwa 90 Städte und Landkreise hätten Hitzeaktionspläne. Mindestens 60 weitere Städte und Landkreise bereiteten solche vor.Andere Länder sind Deutschland vorausAuch das Bundesgesundheitsministerium ist aktiv geworden. Der vormalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) legte im Sommer 2023 einen „Hitzeschutzplan für Gesundheit“ vor, um das Engagement auf allen Ebenen zu stärken. Das Ministerium legte außerdem Musterpläne zum Hitzeschutz für Krankenhäuser, Apotheken, psychotherapeutische Praxen und den organisierten Sport vor.Für den Schutz der Bevölkerung ist jedoch entscheidend, dass Hitzeschutzpläne auch umgesetzt werden. Dafür fehle es in Deutschland an Strukturen, heißt es in einer Studie des Instituts für Urbanistik aus dem vergangenen Jahr. Andere, ebenfalls nicht zentralistisch organisierte Länder seien Deutschland weit voraus, etwa Spanien, die Schweiz oder die Niederlande. Die WHO lobt, auf lokaler Ebene sei Barcelonas Hitzeplan beispielhaft. Mithilfe lokaler Daten ließen sich dort Stadtteile und Bevölkerungsgruppen identifizieren, die der Hitze am stärksten ausgesetzt seien. So könne gezielt Hilfe organisiert werden, etwa durch die Öffnung von Klimaschutzräumen.