Viele Bad Homburger haben ein Lieblingsstück aus der historischen Sammlung ihrer Stadt. Bei den einen ist es der knapp 80 Zentimeter hohe Kinderstuhl, auf dem im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts die Prinzen im Schloss saßen. Wobei es angesichts der Goldfarbe auf Beinen und Lehne kaum übertrieben wäre zu sagen, dass die Kinder aus der Landgrafen-Familie regelrecht auf dem Kissenpolster thronten. Andere in der Stadt mögen das Ölgemälde der Landzungen vor Dubrovnik besonders gern. Ragusa hieß die Balkanstadt, als der Berliner Expressionist Willy Jaeckel das Werk schuf. Musikliebhaber schätzen dagegen den Anblick der Harfe und der Geige aus dem 19. Jahrhundert.Alle diese Gegenstände und knapp 30 weitere stehen jetzt im selben Raum im Obergeschoss des Gotischen Hauses. Die Schau, die das städtische Museum bis Ende des Jahres zeigt, lässt an ein Kabinett denken. Die Exponate stehen nicht unmittelbar in einem Kontext. Hüte treffen auf Bücher, Gewänder auf eine Urne. Das Prädikat als Lieblingsstücke hält sie zusammen. Dasselbe gilt für den Raum. Er ist länglich, eher klein und vor allem wohltemperiert und ausgeleuchtet.Dass die Exponate zuletzt so selten zu sehen waren, liegt zum einen daran, dass das Gotische Haus, einst von Landgräfin Eliza als Jagdschlösschen errichtet, seit 2020 aufwendig saniert worden ist. Zum anderen liegt es daran, dass die Stücke empfindlich sind. Das Museum konnte sie deshalb in den Jahrzehnten vor der Schließung – die Sammlung ist seit 1985 im Gotischen Haus untergebracht – nur selten und für eine kurze Zeit ausstellen. Erst mit der neu eingebauten Klimaanlage und Beleuchtungstechnik können sie auch länger an Licht und Luft, ohne Schaden zu nehmen.Teamarbeit: Museumsleiterin Ursula Grzechca-Mohr (rechts) und ihre Kollegin Jil Hingott haben die Schau und die App dazu konzipiert.Janek StempelWelche Stücke die Besucher besonders schätzen, wissen Museumsleiterin Ursula Grzechca-Mohr und ihre Mitarbeiter vor allem aus etlichen Führungen vor der Corona-Zeit. Für den Umbau sind die Gegenstände verpackt und im Schaudepot im Horex-Museum eingelagert worden. Dazu gehört die umfangreiche Hutsammlung. Fünf Kopfbedeckungen hat das Team aus den Schachteln herausgeholt. An einem Jugendstilhut baumeln Kirschen und Trauben. Das Atelier Rosemann hat einen Hut mit Innenleben geschaffen: Satin- und Seidenblüten klaffen aus einem Zwischenraum. Ein weiterer Hut aus dem Homburger Salon ist mit Farbkreisen bedeckt, die an Flicken denken lassen. Besonders empfindlich sind die beiden Stücke in Grün und Braun aus dem 19. Jahrhundert.Aus dieser Zeit, dem Jahr 1812 nämlich, stammt auch das Hemd, das Landgraf Gustav in einer Schlacht getragen haben soll. Kosaken haben ihn laut einem historischen Bericht mit einem Lanzenstich verwundet. Grzechca-Mohr zeigt auf einen Fleck am Rücken: Vermutlich handelt es sich um das Blut des Hessen-Homburgers.Die Urne, um das Jahr 1800 gefertigt, barg erst Besteck und später Wahlzettel. Die Britin Eliza hat sie mitgebracht, als sie in die Familie auf dem Schloss einheiratete. Als die Wahl für die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 bevorstand, stellte der Landgraf sie zur Verfügung, um den Homburger Abgeordneten zu küren. Für die Wahlzettel schnitzen die Homburger einen Schlitz in den Deckel.Für Besteck und Wahlzettel: Museumsleiterin Ursula Grzechca-Mohr eine Urne, die 1848 einen anderen Zweck erfüllte als im Entstehungsjahr um 1800.Janek StempelDie Schau ist zu den Öffnungszeiten des Gotischen Hauses zu sehen, also dienstags bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 12 bis 17 Uhr. Mehr als 40 Personen lassen die Mitarbeiter nicht in den Raum. Falls jemand warten muss, ist aber auch das Café im Erdgeschoss seit vorigem Jahr wieder geöffnet.Außerdem kann sich jeder die Stücke digital ansehen. Das geht sogar schon seit zehn Jahren: So lange gibt es die App zu einer damaligen Jubiläumsausstellung. Deshalb heißt die Ausstellung vollständig auch „Eine Sammlung kehrt zurück – Objekte der App Gotisches Haus“. Auf dem Handy oder Tablet lassen sich nicht nur die 33 Exponate betrachten, die jetzt zurückgekehrt sind, sondern noch Dutzende mehr. Wer hören will, wie die Harfe aus dem Jahr 1808 klingt, kann sich das darin ebenso anhören. Und auch ein Blick in einen Band aus der Vitrine ist möglich.In einem Nebenraum zeigt das Museum Miniaturen. Viele der gerahmten Bildchen sind auf Elfenbein gemalt. Das Besondere daran erläutert Museums-Mitarbeiterin Jil Hingott: Die Besitzer nahmen die Bildnisse ihrer Lieben im Kleinformat mit auf Reisen. Spannend seien auch die Rückseiten. So ließ sich herausfinden, dass es sich beim Bildnis eines Mädchens um die spätere Königin von Bayern handelt. Für die Kinder unter den Besuchern hat das Museum eine Lupe bereitgestellt, um die Miniaturen zu erforschen. Aber es habe sich herausgestellt, so sagt Hingott, dass doch eher die ältere Generation zu dem Hilfsmittel greife.
Bad Homburg hat das Museum Gotisches Haus saniert
Viele Jahre lagerten die Exponate des Gotischen Hauses in Schachteln. Die Stadt Bad Homburg hat das Museum saniert. Jetzt können Besucher die empfindlichen Schätze wieder bewundern – dank Klima- und Lichttechnik.






