Persönlichkeit ist kein Schicksal: wie wir uns ändern könnenLange dachten Wissenschafter, die Persönlichkeit bleibe im Erwachsenenalter, wie sie sei. Neue Forschung zeigt hingegen: Auch im Pensionsalter kann man mutiger und kontaktfreudiger werden. Wie das geht und wie viel Durchhaltevermögen man dafür braucht.Claus Peter Simon11.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWir können auch anders sein.Kenzie Kraft / UnsplashEs gibt diese Momente auf Partys, in denen Olga Khazan sich innerlich davonstiehlt. Dann zieht sie das Handy aus der Tasche, scrollt durch Nachrichten, liest irgendeinen Artikel – Hauptsache, niemand spricht sie an. Khazan, Ende dreissig, hat einen festen Partner und einen erfüllenden Job: Sie schreibt für das amerikanische Magazin «The Atlantic». Trotzdem schleppt sie ein Unbehagen mit sich herum. Sie sorgt sich pausenlos, lebt selten im Augenblick. Und das, was andere Menschen Geselligkeit nennen, ist ihr eher Zumutung als Vergnügen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Irgendwann beschliesst sie, dass es so nicht weitergehen kann. Sie nimmt sich vor, ihre Persönlichkeit zu ändern. Zunächst unterzieht sie sich einem wissenschaftlich erprobten Test zu den «Big Five», den fünf Dimensionen der Persönlichkeit. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Dimension Neurotizismus ist bei ihr stark ausgeprägt. Was bedeutet, dass sie psychisch instabil und ängstlich ist und fürchtet, von anderen negativ bewertet zu werden. Die Dimension Extraversion – charakterisiert durch Kontaktfreude, Frohsinn, Herzlichkeit – ist bei ihr hingegen schwach ausgeprägt. Im normalen Bereich liegen die Dimensionen Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit.Khazan macht sich selbst zum Versuchsobjekt. Sie, die Introvertierte, meldet sich zu einem Kurs für Improvisationstheater an. Drei, vier Monate lang hämmert ihr Herz vor jedem Termin. Nichts fürchtet sie mehr, als sich vor anderen lächerlich zu machen. Aber sie geht hin. Irgendwann fällt es ihr leichter, sie bringt eigene Ideen ein.Improtheater ist laut Khazan so wirksam, weil es kontrollorientierte Menschen wie sie aus ihrem Muster reisst: Wer mitspielt, muss präsent sein, muss spontan reagieren. Sie tritt zudem einem Segelklub bei und verpflichtet sich zu regelmässigen sozialen Aktivitäten. Um emotional stabiler zu werden, beginnt sie noch dazu einen achtwöchigen Kurs zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion – auch bekannt als MBSR-Kurs – mit 45 Minuten Meditation täglich. Auch das ist ihr anfangs zuwider. Aber sie hält durch.Olga Khazan möchte ihre Persönlichkeit verändern. Doch ist das im Erwachsenenalter überhaupt noch möglich? Fachleute waren lange Zeit skeptisch. Spätestens im Alter von 30 Jahren sei die Persönlichkeit «erstarrt wie Gips», verkündete William James vor mehr als einem Jahrhundert. Der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie in den USA prägte damit eine Sicht, die noch bis in die 1990er Jahre unter Fachleuten verbreitet war.Wir sind unserer Persönlichkeit nicht ausgeliefertInzwischen zeigt sich immer deutlicher, dass sich die Persönlichkeit sehr wohl verändern lässt, sogar lebenslang. Etwa durch Psychotherapie. Das belegt eine Analyse des amerikanischen Psychologen Brent Roberts, basierend auf rund 200 Studien mit mehr als 20 000 Teilnehmern. Wer psychisch instabil war oder erhebliche Kontaktschwierigkeiten hatte, also eher neurotisch als extrovertiert war, der konnte sich besonders stark ändern. Genau das wollte auch Olga Khazan.Doch gelingt das auch ohne Psychotherapie? Das Bedürfnis danach ist jedenfalls gross. In einer internationalen Studie gaben mehr als 60 Prozent der über 13 000 Befragten an, aktiv einen oder mehrere Aspekte ihrer Persönlichkeit verändern zu wollen. Sie wollten emotional stabiler werden, gewissenhafter, kontaktfreudiger, verträglicher. Das ist nachvollziehbar, denn wer so ist, der ist nachweislich zufriedener mit seinem Leben – und hat sogar eine höhere Lebenserwartung.Allerdings glauben die meisten Menschen nicht daran, dass sie ihre Ziele erreichen, wie Psychologen der Harvard University herausfanden: Die meisten Befragten gaben zwar an, sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert zu haben, erwarten aber für die kommenden zehn Jahre Stillstand.Eine aktuelle Studie der Universität Zürich scheint diese Erwartungshaltung zu bestätigen. Ein Team um den Psychologen Michael Krämer begleitete rund 2400 Schweizer Erwachsene über zwei Jahre. Viele waren unzufrieden mit sich selbst. Einige nutzten gelegentlich kommerzielle Selbsthilfeprodukte wie Bücher über Achtsamkeit, Apps für mehr Selbstbewusstsein, Podcasts für ein besseres Leben und Workshops, um sich zu verändern.Nach den zwei Jahren zeigten sich jedoch keine messbaren Veränderungen der Persönlichkeit oder des Wohlbefindens zwischen jenen, die Selbsthilfeprodukte nutzten, und jenen, die das nicht taten. Das werfe die Frage auf, so die Autoren, ob freiverkäufliche Selbsthilfeprodukte ihr Geld wert seien. Zumal die allermeisten Produkte nicht daraufhin geprüft seien, ob sie überhaupt wirken könnten.Gleichwohl betonen die Autoren, dass ihre Studienergebnisse keineswegs bedeuteten, dass eine willentliche Persönlichkeitsveränderung unmöglich sei. Und verweisen auf eine Untersuchung des Psychologen Mathias Allemand aus dem Jahr 2021. Diese ebenfalls an der Universität Zürich mithilfe der Smartphone-App Peach (Personality-Coach) durchgeführte Studie gilt heute als wegweisend.Eine Wesensänderung in drei MonatenDie 1500 Teilnehmer absolvierten ein gezieltes Programm. Dazu gehörten tägliche Dialoge mit einem Chatbot, Filmclips und wissenschaftliche Kurznachrichten. Das Programm leitete zur Selbstreflexion an, erinnerte an eigens formulierte Wenn-dann-Pläne und gab Feedback zum Fortschritt. Vor allem aber enthielt es konkrete Verhaltensaufgaben, ermutigte die Teilnehmer, sich aus ihrer Komfortzone hinauszubewegen und sich ungewohnten sozialen Situationen auszusetzen – so wie Olga Khazan. Das Fazit nach drei Monaten: Bei den Dimensionen Extraversion, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Verträglichkeit kam es zu einem messbaren Anstieg. Auch Freunden und Angehörigen fielen die Veränderungen der Studienteilnehmer auf.«Das menschliche Gehirn ist veränderbar. Dass ausgerechnet die Persönlichkeit unveränderlich sein soll, ist daher nicht logisch», sagt Mathias Allemand. «Wir sind unserer Persönlichkeit also keinesfalls ausgeliefert.» Es bedürfe allerdings einer erheblichen Motivation, sich ändern zu wollen. Denn 40 bis 50 Prozent unserer Persönlichkeit sind, so die Forschung, genetisch vorgegeben. Für den übrigen Anteil sind soziale Einflüsse entscheidend: das persönliche Umfeld, die Kultur, in der man aufwächst – und die Erziehung.Für eine Veränderung ist es im Übrigen nie zu spät. Das zeigen die Ergebnisse einer umfangreichen Untersuchung eines Forscherteams um die Berliner Psychologin Jule Specht: Die Auswertung zweier Langzeitstudien mit mehr als 23 000 Menschen ergab, dass sich die Persönlichkeit zwar im jungen Erwachsenenalter besonders stark verändert, aber eben auch noch im Alter von mehr als 70 Jahren.Ganz ähnlich das Ergebnis einer aktuellen Forschungsarbeit an der Universität Heidelberg: Nach einem achtwöchigen Programm verbesserten sich sowohl bei den jüngeren Teilnehmern (19–42 Jahre) als auch bei den älteren Teilnehmern (50–78 Jahre) die Werte für Extraversion und emotionale Stabilität. Die älteren Erwachsenen zeigten sogar ein besonders hohes Engagement bei den Übungen.Willentliche Persönlichkeitsveränderungen seien seit einiger Zeit ein heisses Thema in der Forschung, sagt Mathias Allemand. Die Peach-App hat es jedoch bislang nicht aus der universitären Forschung auf den Markt geschafft. Schon zum Ende der Studie zeigte sich Potenzial zur Weiterentwicklung, insbesondere hin zu einem dynamischeren Chatbot. Zudem waren die Filmclips auf Schweizerdeutsch international nicht übertragbar. Derzeit ist Allemand mit einem Startup in Kontakt, um eine moderne, KI-gestützte Version der App zu entwickeln. Doch noch fehlt es an der nötigen Finanzierung.Sich so verhalten, wie man sein willAls Olga Khazan nach einem Jahr erneut den Big-Five-Persönlichkeitstest absolviert, ist ihr Wert für Neurotizismus merklich gesunken, der für Extraversion gestiegen. Über ihren Selbstversuch hat sie ein Buch geschrieben.Khazan hat sich an das gehalten, was der amerikanische Persönlichkeitspsychologe Nathan Hudson bereits 2019 mit einer vielbeachteten Studie zeigen konnte. Er fand heraus: Wer am Ball bleibt und sein Verhalten gezielt verändert, der verändert auch seine Persönlichkeit. Hudson arbeitete ebenfalls mit zahlreichen Herausforderungen, die seine Teilnehmer meistern sollten. Die Arbeit gilt seither als Vorbild für zahlreiche Folgestudien, auch für jene von Mathias Allemand mit der Peach-App.Gewiss, wir können unsere Persönlichkeit nicht nach Belieben gestalten, sind nicht Wachs in unseren eigenen Händen. Aber wer sich immer wieder gezielt so verhält, wie er gerne wäre, vermag mit Geduld und Motivation – und bestenfalls unterstützt durch ein strukturiertes Programm – seine Persönlichkeit zu verändern. Auch im höheren Alter.Passend zum Artikel