Getäuscht mit Gold aus der Schweiz? Ein Finanzskandal in Indien führt nach Luzern und ins TessinValcambi, die grösste Schweizer Goldraffinerie, ist in indischer Hand. Doch der Eigentümer soll ihren Umsatz jahrelang stark frisiert haben und täuschte so Investoren, wie Behörden sagen. Der Trick war simpel.Benjamin Triebe, Ulrich von Schwerin, Mumbai11.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenGold gehört in Indien bei feierlichen Anlässen dazu: Kette in der Auslage eines Juweliers in Delhi.Sanjeev Verma / Hindustan Times / GettyEine Hochzeit ohne Gold ist für viele Inder undenkbar. Goldene Armreifen, Halsketten und Ohrringe gehören für jede Braut dazu. Die Ausgaben für Gold zählen denn auch zu den grössten Posten bei einer Vermählung. Der Schmuck ist Ausdruck des Prestiges, aber auch eine Wertanlage für das junge Paar, auf die es in Zeiten der Not zurückgreifen kann. Das alles macht Gold zu einem wichtigen Geschäft in Indien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch nun ist einer der grössten Goldhändler des Landes in einen Bilanzskandal verwickelt – und der Ursprung liegt in der Schweiz. Dem Konzern Rajesh Exports wird von der indischen Finanzmarktaufsicht Sebi vorgeworfen, beim Umsatz der Schweizer Tochter Valcambi in den vergangenen Jahren massiv übertrieben zu haben.Fast der ganze Umsatz nur heisse LuftValcambi ist die grösste der vier Schweizer Goldraffinerien und auch eine der grössten der Welt, gemessen an der Produktionskapazität. Das im Ort Balerna im Tessin angesiedelte Unternehmen kann bis zu 2000 Tonnen Edelmetall pro Jahr verarbeiten. Valcambi bereitet zum Beispiel das in Minen abgebaute Gold zu Feingold auf, stellt Goldlegierungen her oder schmilzt Goldbarren von einer Grösse in die andere um.Valcambi existiert seit 1961, wurde aber im Jahr 2015 von Rajesh Exports gekauft. Gemessen am Umsatz ist Rajesh Exports eines der grössten Unternehmen Indiens – doch diese Grösse besteht aus Sicht der Börsenaufsicht vor allem aus heisser Luft. Der Konzern soll in den fünf Geschäftsjahren bis Ende März 2025 falsche Umsätze in Höhe von kumuliert rund 159 Milliarden Dollar ausgewiesen haben. Das entspricht rund 98 Prozent des gesamten Erlöses in dieser Zeit.Die laut Behördenangaben falsche Verbuchung fand in der Schweiz statt: Valcambi erwirtschaftete von 2020 bis Ende 2024 einen Umsatz von knapp 360 Millionen Franken. Diese Angaben wurden von der Prüfungsgesellschaft KPMG validiert. Valcambi verbucht als Umsatz den Mehrwert, der bei der Arbeit mit den Edelmetallen geschaffen wird. Das ergibt auch Sinn, denn die Edelmetalle selbst gehören oft anderen Eigentümern. Zum Beispiel Banken, die ihre Barren in der Raffinerie bearbeiten lassen.Valcambi ist die Tochtergesellschaft von Global Gold Refineries (GGR) in Luzern, einer Holding ohne eigenes operatives Geschäft. GGR wird wiederum von Rajesh Exports kontrolliert und unterliegt laut der indischen Aufsicht Sebi keiner Buchprüfung. GGR nahm die Zahlen von Valcambi – verbuchte dann aber nicht nur den erbrachten Mehrwert als Umsatz, sondern auch den Wert des Goldes selbst.Getäuscht mit Schweizer GoldWeil Gold sehr teuer ist, liess diese Rechenart den Umsatz drastisch in die Höhe schnellen. Diesen Erlös meldete die Luzerner GGR-Holding nach Indien, wo er in der Bilanz von Rajesh Exports landete – und dort fast das gesamte Konzerngeschäft ausmachte.Die Finanzaufsicht Sebi bezeichnet diese Rechenpraxis als «unternehmensintern inkonsistent, kommerziell unplausibel und nicht durch verfügbare Dokumente gestützt». Investoren seien über die wahre Finanzlage des Konzerns im Dunkeln gelassen worden, so der Vorwurf.Angestossen wurde die Untersuchung denn auch durch die Beschwerde eines Aktionärs im Jahr 2024. Die Anteilscheine von Rajesh Exports sind nämlich seit Anfang 2023 auf Talfahrt. Dass der Börsenwert des Unternehmens aus der Metropole Bangalore abnahm, obwohl die ausgewiesenen Umsätze immer weiter stiegen, machte offenbar den Anleger skeptisch.In der Tat wurden die Verhältnisse grotesk: Laut Standard & Poor’s betrug der Betriebsgewinn (Ebit) von Rajesh Exports im Geschäftsjahr per Ende März 2025 umgerechnet 19 Millionen Dollar – bei einem gemeldeten Umsatz von 44 Milliarden Dollar. Wie Rajesh Exports mit dieser Buchungspraxis die Buchprüfung in Indien überstand, ist eine offene Frage und erinnert an frühere Bilanzskandale auf dem Subkontinent.Kleine, gestanzte Goldbarren in der Produktion von Valcambi in Balerna: Rajesh Exports hat den Wert des Goldes als Umsatz gezählt.Alberto Bernasconi / NZZ-BildredaktionRajesh Exports betont, die Umsatzzahlen seien korrekt und nicht übertrieben. Es handle sich um ein Kommunikationsproblem mit der Behörde. Die Raffinerie Valcambi teilt mit, sie sei nicht Gegenstand der Sebi-Untersuchung oder der Vorwürfe. Auf Anfrage der NZZ verneint die Scheideanstalt, von der Buchungspraxis von Rajesh Exports gewusst zu haben. Allerdings hält die Behörde Valcambi in ihrem Bericht vor, nicht auf die Bitte um Informationen und Aufzeichnungen reagiert zu haben.Die Tessiner Raffinerie mit rund 170 Mitarbeitern geht bisweilen ihren eigenen Weg: Im Jahr 2023 ist Valcambi nach einem Zerwürfnis aus der Schweizerischen Edelmetallvereinigung ausgetreten, dem nationalen Branchenverband. Der Grund: Valcambi bezieht weiterhin Gold aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das ist im Rest der Branche verpönt, weil die Emirate berüchtigt sind als intransparenter Umschlagplatz für Gold, das unter Verletzung der Menschenrechte abgebaut wurde. Die Raffinerie sagt, sie könne eine saubere Herkunft des Goldes sicherstellen.Rajesh Mehta, der gefallene Selfmade-ManIn Indien ist der Anfang Juni veröffentlichte Sebi-Report erst ein Zwischenbericht. Rajesh Mehta, dem Unternehmer hinter dem Goldkonzern, ist der Handel mit den Aktien seiner Firma zunächst untersagt. Für den 61-Jährigen ist das ein Tiefpunkt in einer Karriere, die lange Zeit als sehr erfolgreich galt.Rajesh Mehta ist früh in das Geschäft mit Gold, Silber und Schmuck eingestiegen und hatte seine Firma 1989 im Alter von 25 Jahren gegründet. Schon sein Vater war Juwelier. Mit einem Darlehen seines ältesten Bruders gründete Mehta Rajesh Exports, die nur sechs Jahre später an die Börse ging. Heute gehört sie zu den wichtigsten Akteuren der Edelmetallbranche in Indien und betreibt auch eine Juwelierkette.Im Jahr 2015 kaufte Mehta die Raffinerie Valcambi für 400 Millionen Dollar von amerikanischen und Schweizer Eigentümern. Der Erwerb war für Rajesh Exports ein wichtiger Schritt zur Internationalisierung und schien für den indischen Goldhändler nur folgerichtig. Indien ist nach China der weltweit zweitgrösste Goldabnehmer.Indiens Liebe zum Gold wird ein ProblemAllerdings ist es volkswirtschaftlich nicht sehr produktiv, Kapital in Form von Gold aufzubewahren. Der indische Staat hat wiederholt versucht, die Inderinnen und Inder dazu zu bewegen, ihr Gold gegen Zahlung von Zinsen den Banken zu übergeben. Doch das war nicht attraktiv genug: Die meisten wollen nicht von ihrem Hochzeitsschmuck lassen.So wird das Faible für Gold zum volkswirtschaftlichen Problem. Indien führt 99 Prozent des Edelmetalls ein. Nach Erdöl und Erdgas ist es das zweitwichtigste Importgut. Diese Einfuhren drücken auf die Handelsbilanz und die Währung. Die Rupie hat seit Beginn des Jahres 6 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar verloren.Angesichts der Energiekrise durch den Iran-Krieg hat Premierminister Narendra Modi seine Landsleute Anfang Mai aufgerufen, unter anderem ihre Goldkäufe zu reduzieren. Die Regierung erhöhte die Einfuhrzölle von 6 auf 15 Prozent. Das soll die Importe und den Druck auf die Rupie dämpfen.Ob es reicht, die Inder zum Verzicht auf Gold zu bewegen, erscheint ungewiss. Rajesh Mehta hat jedenfalls andere Probleme, um die er sich kümmern muss.Passend zum Artikel
Getäuscht mit Gold aus der Schweiz: Bilanzskandal in Indien führt nach Luzern und ins Tessin
Valcambi, die grösste Schweizer Goldraffinerie, ist in indischer Hand. Doch der Eigentümer soll ihren Umsatz jahrelang stark frisiert haben und täuschte so Investoren, wie Behörden sagen. Der Trick war simpel.








