«Sind amerikanische Leben mehr wert als unsere?» Eine Stadt in Kenya steht kopf, weil die USA dort ein Ebola-Quarantänezentrum für ihre Bürger bauenEigentlich ist Nanyuki ein friedlicher Safari-Ort. Doch nun rollen Armeefahrzeuge durch die Strassen. Und Tränengas verhüllt den Mount Kenya. Ein Augenschein.11.06.2026, 05.30 Uhr6 Leseminuten«Nein zu Ebola»: Demonstranten am Dienstag in der kenyanischen Stadt Nanyuki.Lucas Mukasa / Imago«Fuck Trump!», ruft der junge Mann auf dem Motorrad im Vorbeirauschen. «Motherfucker!», schreit seine Beifahrerin. Der Mann nochmals: «Sind amerikanische Leben mehr wert als unsere?»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dienstagmorgen kurz nach neun in Nanyuki, und schon ist die Hölle los. Kurz zuvor ist ein Polizei-Pick-up um die Ecke gebogen, ein Polizist lehnte sich aus dem offenen Wagen, feuerte mit lautem Knall eine Tränengaspetarde in Richtung der Demonstranten. Laut zischend entwich das Gas aus dem Kanister, die Demonstranten zerstoben in alle Richtungen, kamen dann wieder zusammen. «Wir sind nicht die Müllkippe der USA!», rufen sie.Eigentlich ist dies hier eine beschauliche Stadt, keine 100 000 Einwohner, am Äquator und am Fuss des Mount Kenya gelegen, des zweithöchsten Bergs in Afrika. Normalerweise rollen hier Safari-Wagen durch die Strassen, Touristen aus aller Welt logieren in Nanyukis Hotels. Die Luft ist frisch, die Sonne mild.Doch gerade ist alles ganz anders.Ebola ist 800 Kilometer entferntIm Mai wurde bekannt, dass die USA in Nanyuki ein Quarantänezentrum errichten wollen. Es soll Amerikaner, die dem Virus ausgesetzt waren, beherbergen. 50 Betten solle das Zentrum haben, hiess es, inzwischen spricht die amerikanische Regierung von bis zu 250. Der Standort ist eine kenyanische Militärbasis am Rande der Stadt.In Kenya macht das viele Leute rasend. Denn der jüngste Ebola-Ausbruch findet nicht hier statt, sondern im Osten von Kongo-Kinshasa, 800 Kilometer und zwei Länder weiter westlich. Manche Experten glauben, er könnte zum grössten Ebola-Ausbruch der Geschichte werden; 100 Personen sind bisher an dem Virus gestorben, mehr als 600 haben sich infiziert. Keiner von ihnen in Kenya.Normalerweise rollen hier Safari-Wagen durch die Strassen. Demonstranten in Nanyuki.Daniel Iringu / EPADoch nun wollen die USA ihre womöglich infizierten Bürger hierherfliegen. Nanyuki liegt logistisch günstig, zwei Flugstunden entfernt vom Ebola-Gebiet, Kenya ist seit langem ein Verbündeter. Aussenminister Marco Rubio sagte im Mai: «Die oberste Priorität unserer Aussenpolitik ist es, amerikanische Bürger zu schützen. Wir können und werden nicht zulassen, dass Ebola-Fälle in die USA gelangen.»Die amerikanische Logik: Ebola soll dort bleiben, wo es ist. In Ostafrika.Das steht quer zur Logik jener Kenyanerinnen und Kenyaner, die nun Sturm laufen. Sie sagen: Ebola ist nicht hier. Sondern in Kongo-Kinshasa, drei Tagesreisen mit dem Auto entfernt von Nanyuki. Und ja, dort soll es auch bleiben.«Wir kennen Ebola nur aus der Schule»Deshalb steht Nanyuki seit zwei Wochen kopf. Auch am Dienstag wieder. Die Stadt fühlt sich am Morgen an wie unter Besatzung. Fast alle Geschäfte haben die Rollläden unten, sind zu. Polizeiautos rauschen vorbei, im Zentrum sind überall Polizisten mit Helmen, Schildern und Stöcken postiert. Sie sagen, ihre Order sei, den Protest zu stoppen, bevor er beginne.Aber das gelingt nicht. Um halb neun verteilt ein Mann am Busbahnhof Protestschilder. «Wir sagen Nein zu Ebola», steht darauf in Kisuaheli. Und: «Respektiert den Willen des Volkes.»Die Polizei versuchte den Protest im Keim zu ersticken. Es gelang nicht.Daniel Iringu / EPADaneben redet sich Kamore Warukinyo, ein 33-jähriger Brotverkäufer, in Rage. «Wir haben Angst um unser Leben», sagt er. «Die USA sind ein reiches Land mit guter Gesundheitsversorgung. Wir dagegen: ein Drittweltland. Unser Gesundheitssystem ist schwach. Dazu hat Trump noch die Entwicklungshilfe gestoppt. Womit sollen wir Ebola bekämpfen?»Ein Polizeiwagen rollt vorbei, Warukinyos Stimme wird lauter. Er ruft: «Wir wollen nichts wissen von diesem Zentrum. Wir kennen Ebola höchstens aus dem Schulunterricht. Und nun wollen sie uns das Virus importieren?»Die Touristen bleiben wegKurz darauf beginnt ein paar Meter weiter der Protest. Demonstranten schwenken die kenyanische Flagge, blasen in Vuvuzelas und Trillerpfeifen. Einige haben sich weisse Gewänder übergezogen, simulieren so Ebola-Schutzanzüge. Andere haben Kreuze gebastelt, «Nein zu Ebola» steht darauf. Eine Gruppe schleift einen Holzsarg herbei.«Die denken, wir lassen uns alles gefallen!», rufen die Demonstranten, zwei Dutzend sind es zu dem Zeitpunkt. Im Laufe des Tages werden es einige hundert sein.Um Punkt neun knallt es ein erstes Mal. Tränengas. Die Demonstranten zerstieben, kommen wieder zusammen. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt zwischen Polizei und Protestteilnehmern, es geht den ganzen Tag weiter.Es sind ungewöhnliche Zeiten in Nanyuki. Die Stadt ist so etwas wie das Zermatt Kenyas. Normalerweise kreisen keine Polizeihelikopter über der Stadt, sondern solche mit Touristen, die den Mount Kenya bestaunen. Auch am Dienstag füllt der Berg den Horizont über der Stadt. Doch in manchen Momenten verschwindet er hinter Tränengaswolken. Und die Touristen bleiben weg.Ein Lockdown wie bei Covid?Für die Wirtschaft der Region ist es eine Katastrophe. Am Abend vor dem Protest sitzt Sammy, ein 41-jähriger Reiseunternehmer, der seinen Nachnamen aus Angst vor Repressalien nicht in der Zeitung lesen will, auf der Terrasse des Hotels «Le Rustique». Sammy sitzt alleine und raucht, das Hotel ist wie alle in der Stadt in diesen Tagen fast leer. Am nächsten Tag wird es schliessen.Zwei Reisegruppen hätten ihm in den vergangenen Wochen abgesagt, sagt Sammy. Einmal 12, einmal 24 Leute, alles Amerikaner. Das sind mehrere tausend Franken Umsatzverlust. «Unser Geschäft geht kaputt», sagt Sammy. «Ich habe Angestellte, die ich bezahlen muss, Kinder, die zur Schule gehen.»Tränengas wabert durch die Strassen von Nanyuki.Daniel Iringu / EPAUnd er fürchtet, dass alles noch schlimmer wird. Wie damals vor sechs Jahren bei Covid. Die Pandemie traf viele Kenyaner brutal. Tagelöhner, die von der Hand in den Mund leben, aber auch Unternehmer wie Sammy. «Es ist schon jetzt ein Shutdown», sagt Sammy. «Und bald werden sich Soldaten anstecken, die in der Militärbasis arbeiten, sie kommen in die Stadt, bringen das Virus. Zuerst zwei, drei Fälle, es verbreitet sich weiter. Dann Lockdown. Keine Bewegungsfreiheit, kein Handel, kein Geschäft mehr. Wie bei Covid.»Sammy zündet sich noch eine Zigarette an, es gibt gerade nicht viel anderes zu tun. An den Protest geht er nicht. Aber weniger wütend ist er deshalb nicht.300 amerikanische Soldaten in NanyukiDer Zorn der Demonstranten richtet sich nicht nur gegen die USA, sondern stärker noch gegen die eigene Regierung. Viele vermuten, dass sich diese das Quarantänezentrum fürstlich vergelten lässt. Kenyas Präsident William Ruto ist unbeliebt, vor zwei Jahren protestierten Zehntausende im ganzen Land gegen Korruption und neue Steuern. Eine der häufigen Aussagen am Protest in Nanyuki: «Sollen sie das Zentrum doch beim Präsidentenpalast bauen.»Ein Gericht in der Hauptstadt Nairobi hat den Demonstranten eigentlich recht gegeben. Es verfügte Ende Mai einen Baustopp für das Quarantänezentrum, ordnete an, die Regierung müsse die Abkommen mit den USA offenlegen.Doch die Kenyaner und ihre amerikanischen Partner scheinen sich um den Gerichtsentscheid zu foutieren. In Nanyuki schicken sich Bewohner Fotos zu, die Holzkisten mit Ebola-Schutzmaterial zeigen, angeblich auf dem Gelände der Basis. Kenyanische und internationale Medien veröffentlichen Satellitenbilder des Geländes, die eine entstehende Zeltstadt zeigen.Die amerikanische Regierung bestreitet nicht, dass der Bau weitergeht. Ein Regierungsvertreter sagte der «New York Times», man mache weiter, weil die kenyanische Regierung keinen Stopp verlangt habe. 300 amerikanische Armeeangehörige seien in Nanyuki, um das Zentrum zu errichten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters haben die USA auch Ingenieure, Ärzte und Labortechniker eingeflogen.Drei Tote bisherWann die ersten Quarantänepatienten in Nanyuki landen sollen, ist unklar. Aber dass der Zorn der Bevölkerung bis dahin verfliegt, ist unwahrscheinlich.Im Lauf des Dienstags werden die Proteste immer wütender. Demonstranten rollen Felsbrocken auf die Strasse, errichten Blockaden. In einem Armenviertel liefern sie sich Strassenschlachten mit der Polizei, Steine fliegen in die eine Richtung, Tränengas in die andere. Und dann schiesst die Polizei auch scharf. Ein Demonstrant wird getötet. Er ist das dritte Todesopfer der Proteste, zwei Männer wurden Anfang Juni erschossen.Es könnte dauern, bis die Beschaulichkeit wieder einkehrt in der Feriendestination Nanyuki. Gegen Abend steht ein Paar vor einem Schild beim Ortseingang, das den Äquator markiert. Sie schiessen Selfies. Es ist ein trügerisches Bild.Passend zum Artikel