GastkommentarAngela StanzelDer Iran-Krieg hat starke unmittelbare Auswirkungen auf die Kräfteverhältnisse in der Region, doch er führt auch zu geopolitischen Verschiebungen. Von nicht wenigen wird China als der eigentliche Gewinner des Konflikts bezeichnet, doch ist das wirklich so?11.06.2026, 05.25 Uhr5 LeseminutenWas unternimmt Peking für die freie Schifffahrt auf den Weltmeeren? - Gestrandete Tanke an der Strasse von Hormuz.Amirhosein Khorgooi / APChina ist keine direkte Kriegspartei im Krieg der USA und Israels gegen Iran, kann aber als indirekter bedeutender Akteur bezeichnet werden, da die Volksrepublik sehr enge Beziehungen zu Iran pflegt und sich zugleich in einem Grossmachtwettbewerb mit den USA befindet. Bislang scheint Peking jedoch darauf bedacht zu sein, nicht allzu klar Partei zu ergreifen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Iran leistet die chinesische Regierung weitaus weniger Unterstützung, als es noch vor dem Krieg der Fall war. War die Volksrepublik zuvor noch der grösste Abnehmer iranischen Öls – laut Schätzungen kaufte sie über 80 Prozent der iranischen Exporte –, sind seit Beginn des Kriegs und der Störungen in der Strasse von Hormuz Chinas Ölimporte stark zurückgegangen. Auch indirekte militärische Unterstützung an Iran wird China nachgesagt, wie etwa Lieferungen von Natriumperchlorat, das für Raketentreibstoff verwendet wird, sowie von Dual-Use-Komponenten. Schliesslich soll Iran die Aufklärung von chinesischen Satelliten genutzt haben, um amerikanische Militärstützpunkte im Nahen Osten auszuspionieren und anzugreifen.Vor allem rhetorische UnterstützungWährend diese Unterstützung nicht unerheblich ist und die Vereinigten Staaten dazu bewegt hat, chinesische Raffinerien und andere Unternehmen wegen ihrer Zusammenarbeit mit Iran mit Sanktionen zu belegen, ist sie für das Regime in Teheran wohl nicht kriegsentscheidend.Die chinesische Regierung leistet für Iran vor allem rhetorische Unterstützung und hat den Krieg wiederholt als Verletzung des internationalen Rechts kritisiert und zu Waffenstillstand und Verhandlungen aufgerufen. Bislang hat Peking es aber zugleich vermieden, die Politik der Trump-Administration allzu offen zu kritisieren.Die Volksrepublik spielt in Sachen Iran nicht die Rolle, die einer Weltmacht eigentlich zukäme.Als direkter Vermittler zwischen den Kriegsparteien sieht sich die Volksrepublik bislang ebenfalls nicht. Chinas 4-Punkte-Plan (vorgestellt im April 2026) für die Krise im Mittleren Osten umfasst neben einem Appell an alle Beteiligten, das Prinzip der Souveränität und des Völkerrechts zu respektieren, und einem vage formulierten Vermittlungsangebot wenig Konkretes. Dagegen hat der chinesische Aussenminister Wang Yi Mitte Mai Pakistan dazu aufgerufen, im Iran-Krieg stärker zwischen Teheran und Washington zu vermitteln.Auch der Besuch des amerikanischen Präsidenten Donald Trump Mitte Mai in Peking brachte kein Ergebnis in der Frage nach einer aktiveren chinesischen Vermittlerrolle. Lediglich die bereits bekannte Position, dass die Strasse von Hormuz für Energietransporte offen bleiben müsse, wurde wiederholt.Politik der ZurückhaltungKurz, in dem Krieg erscheint Peking eine strategische Zurückhaltung vorteilhafter als eine offensive Politik. China kann sich diese aussenpolitisch zurückhaltende Haltung leisten, denn es ist weniger von der Energiekrise betroffen als andere Länder. Es importiert zwar etwa 37 Prozent seiner Energie aus dem Mittleren Osten, verfügt aber auch über grosse Ölreserven, hat in den vergangenen Jahren in erneuerbare Energien investiert und kann auf Russland als Gas- und Öllieferanten zurückgreifen.Somit ist die Volksrepublik in der Lage, potenzielle Engpässe zumindest auf kurze Sicht zu überwinden. Durch die Politik der Zurückhaltung kann Peking zudem zwischen Iran und den USA balancieren und so wohl auch versuchen, die Beziehungen zu den Golfstaaten nicht zu gefährden. Bislang ist China diese Balance gelungen.Mehr noch, China erscheint in vielerlei Hinsicht als Nutzniesser des Kriegs: Innen- und aussenpolitisch nutzt China den Krieg, um sich als Gegenmodell zur amerikanischen Militärpolitik darzustellen. Peking war ja stets darauf bedacht, die Volksrepublik als stabilisierende, neutrale Macht darzustellen, die westliche Intervention ablehnt und stattdessen für das Prinzip der Nichteinmischung eintritt.China strebte nach globaler Macht, ohne aber zugleich die Verantwortung der bestehenden Weltmacht USA übernehmen zu wollen. Stattdessen ging die chinesische Staatsführung dort in die Offensive, wo es ihren Interessen diente. So etwa durch militärischen Druck gegenüber seinen Nachbarn im Ost- oder im Südchinesischen Meer oder durch wirtschaftliche Zwangsmassnahmen gegenüber Australien oder auch europäischen Staaten.Die bessere WeltmachtAngesichts der chaotischen Politik Trumps dürfte sich China in seiner Darstellung und seiner Weltpolitik bestätigt sehen. Tatsächlich erscheint die Volksrepublik anderen Staaten, etwa im globalen Süden oder auch hier in Europa, derzeit wohl tatsächlich wie die bessere Weltmacht. Offizielle chinesische Äusserungen verweisen im Kontext des Iran-Kriegs auf Chinas Rolle als konstruktiver Akteur, der sich traditionell nicht einmischt und Frieden und Stabilität anmahnt – eine implizite Gegendarstellung zur Trumpschen Machtpolitik. Dies kann Chinas Image nach aussen und nach innen aufbessern und die Macht Xi Jinpings und die der Kommunistischen Partei stärken.Peking kann auch darauf spekulieren, dass sich die strategischen Kräfteverhältnisse in Ostasien zugunsten der Volksrepublik verändern werden. Denn eine im Nahen Osten anhaltend beschäftigte US-Administration dürfte wenig Interesse an einer Auseinandersetzung mit China um die Vorherrschaft im Indopazifik haben. Peking könnte nun darauf hinarbeiten, noch mehr Kontrolle im Ost- und im Südchinesischen Meer zu erlangen, und muss vermutlich auch kaum Kritik aus den USA befürchten, wenn es den Druck auf Taiwan erhöht.Mit Blick auf den Nutzen, den China aus dem Krieg für sich zieht, wird es daher von manchen Experten gar als Gewinner bezeichnet. Allerdings wäre es vorschnell, diesen Gewinn als gegeben zu sehen.Denn erstens stellt die unvorhersehbare Sicherheits- und Handelspolitik der Trump-Administration eine Unsicherheit für die chinesische Wirtschaft dar. Das Treffen zwischen den Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping hat zwar dazu beigetragen, den Handelskonflikt zwischen China und den USA zu entschärfen, aber eine Lösung für die zahlreichen Streitpunkte wie Strafzölle und Technologieexporte steht weiterhin aus. Ganz sicher kann sich die Volksrepublik auch nicht sein, dass die US-Regierung ihre Interessen in der indopazifischen Region aufgeben wird.Zweitens ist für China ungewiss, ob sich seine Politik der Zurückhaltung langfristig lohnt. Schliesslich hat Peking bislang wenig Einsatz gezeigt, um einen Waffenstillstand zu erreichen oder die Strasse von Hormuz wieder für die internationale Schifffahrt zu öffnen. Die Volksrepublik hatte sogar gegen eine im April von Bahrain eingebrachte Uno-Resolution gestimmt. Die Volksrepublik spielt also nicht die Rolle, die einer Weltmacht eigentlich zukäme, und könnte so in der Region an Profil verlieren.Wer sichert die Meere?Schliesslich könnte der Iran-Krieg dennoch die chinesische Wirtschaft treffen. Ein andauernder Krieg, der die Energiepreise in die Höhe treibt, verringert den Konsum weltweit sowie die Nachfrage nach chinesischen Produkten. Schliesslich sind auch die chinesischen Ölreserven nicht endlos, und trotz aller Diversifizierung bleibt die Abhängigkeit von der Strasse von Hormuz, durch die China geschätzt 40 Prozent des Öls und 30 Prozent des Flüssigerdgases (LNG) importiert hat, bestehen. Dass China sein Wachstumsziel für dieses Jahr bereits auf 4,5 bis 5 Prozent gesenkt und angesichts steigender internationaler Ölpreise im eigenen Land Kontrollen der Benzinpreise eingeführt hat, kann als Zeichen der zunehmenden Sorge in Peking um die Auswirkungen des Krieges auf die chinesische Wirtschaft gesehen werden.Längerfristig steht Peking letztlich auch vor der Frage, ob die bisherige Ordnung der globalen Seewege – jahrzehntelang weitgehend von den USA garantiert – an ihr Ende kommt. Trotz aller Kritik an den Vereinigten Staaten konnte China darauf setzen, dass die amerikanische Marine den globalen Handel absichert. Sollte eine Krise oder ein Konfliktfall beispielsweise die Strasse von Malakka betreffen, die den Indischen Ozean mit dem Pazifik verbindet und durch die China etwa doppelt so viel Rohöl importiert wie durch die Strasse von Hormuz, müsste sich China fragen, ob es bereit und in der Lage ist, Seewege und Handel auch selbst zu sichern.Angela Stanzel ist Sinologin und Politikwissenschafterin. Sie arbeitet in der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.Passend zum Artikel