An welchem Ort der mexikanischen Hauptstadt Fußballweltverbandspräsident Gianni Infantino am Mittwoch erwachte, ist unbekannt. Aber man darf davon ausgehen, dass ihm per Abo, Social Media oder Pressespiegel die Titelseite der L’Équipe zuging. Sie war, von seiner Warte aus betrachtet, wenig vorteilhaft, ein Haken in die Magengrube. Die französische Sportzeitung hatte eine Fotomontage veröffentlicht, die an die hundert Jahre alten Meisterwerke des Politkünstlers John Heartfield aus der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) erinnerte.Im Zentrum des Werks der „Bibel“, wie L’Équipe in der Branche ja auch genannt wird: US-Präsident Donald J. Trump, den Weltpokal in der linken Hand, eine debil lächelnde Infantino-Bauchrednerpuppe in der rechten Hand. Beide umrahmt von einem paramilitärisch drapierten Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE – und dem gerade von den USA an der Grenze abgewiesenen somalischen Referee Omar Artan, dem von US-Behörden nicht näher erläuterte „Verbindungen zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen“ unterstellt wurden.Und tja, wie soll man sagen: Gemessen am Gesamtbild hatte Infantino ziemlich gute Laune, als er am Mittwochmittag (Ortszeit) im Aztekenstadion zur Pressekonferenz lud. Und am Vorabend des Eröffnungsspiels zwischen Mexiko und Südafrika gleich zweimal darum bat, nicht zu vergessen, „über Fußball zu reden“. Tat der eine oder andere auch.Die „anderen“ Themen versuchte Infantino in einem Monolog abzuräumen, der so lang geriet, dass man zweierlei Vermutungen anstellen musste. Erstens: Der Mann findet seine eigene Stimme ziemlich dufte. Zweitens: Er wollte die Fragezeit möglichst knapp halten. Wobei positiv vermerkt werden kann, dass er überhaupt eine Pressekonferenz anbot. Denn seine Begegnungen mit den Medien haben sich seit seinem legendären Auftritt von Katar 2022 („Heute fühle ich mich katarisch, arabisch, afrikanisch, schwul“) im gleichen Maße reduziert, wie die Kritik an ihm explodiert ist. Unter anderem wegen der engen Beziehung zu Trump, dem er im vergangenen Jahr einen eigens erfundenen Friedenspreis übergab.„Wir sind dran, eine Lösung zu finden“, sagt Infantino zum Fall des somalischen SchiedsrichtersDass er mit Trump auf einer Wellenlänge ist, wischte er nicht weg. Im Gegenteil. Er überhäufte ihn mit Lob und sagte, dass er ganz und gar nicht bereue, die WM den USA anvertraut zu haben. „Ohne seine Beteiligung und sein Engagement (gemeint ist Trump/d. Red.) wäre es nicht möglich gewesen, die WM zu organisieren“, sagte Infantino. „Er hat sofort die Größenordnung und die Wirkmacht des Fußballs verstanden.“Die sogenannten heißen Eisen, die Infantino anpackte, waren in dieser Reihenfolge: Iran, die Ticketpreise und die restriktive Visum-Vergabe inklusive Nichteinreise eines Referees. „Es ist bedauerlich, was ihm passiert ist“, sagte Infantino, und meinte das offenkundig persönlich. Einerseits. Andererseits sagte Infantino auch: „Chillt mal! Relaxt! Wir sind dran, eine Lösung zu finden“.Ganz grundsätzlich zuckte Infantino mit den Achseln, als es um Einreiseprobleme für diesen und jenen, zumeist nicht-kaukasischen Menschen in die USA ging. Man müsse anerkennen, „dass wir nicht die Könige der Welt sind und nicht über Regierungen entscheiden können“. Und überhaupt, da die Frage nach den Visa-Problemen von einem britischen Reporter kam: Schon mal darüber nachgedacht, wie das so im Vereinigten Königreich wäre, wenn sich die Fifa über nationale Entscheidungen hinwegsetzen würde? Zum Beispiel bei einer möglichen Frauen-WM in England 2027? Eben.Fußball-WM:Stell dir vor, es ist WM – aber du darfst nicht ins Land!Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia sollte bei der WM pfeifen, doch ihm wird die Einreise in die USA verweigert. Die Fifa? Bedauert das. Dabei gibt es unzählige Probleme mit der Gastunfreundlichkeit des WM-Gastgebers.Zu den bemerkenswerten Wertungen aus dem Munde Infantinos gehört weniger die Klassifizierung der WM als das „größte Event in der Geschichte der Menschheit“, eher schon die im Brustton der Überzeugung vorgetragene Einschätzung, es handele sich um die „inklusivste WM der Weltgeschichte“. In der Frage war er damit konfrontiert worden, dass sogar Trump und dem britischen Premier Keir Starmer die Eintrittspreise (sinngemäß) obszön vorkamen. Es wurden schon mal Preise im vier- oder fünfstelligen US-Dollar-Bereich aufgerufen.Infantino hielt dem entgegen, dass die Tickets mit einem Startpreis von 60 US-Dollar niedriger seien als jede Eintrittskarte im US-Profisport. Dass es nur sehr wenige dieser 60-Dollar-Tickets gibt, sagte er nicht. Die Klagen vor der US-Justiz gegen das Verkaufssystem seien schlagzeilenträchtige Einzelfälle, die beigelegt würden; dass die Fifa auf dem Zweitmarkt höhere Preise erlöse, sei den Marktgegebenheiten in den USA geschuldet. Organisierte man nicht selbst den Wiederverkauf, würden Schwarzmarkthändler den großen Reibach machen. Diese würden aber niemals in den Fußball in Südsudan oder ähnlich strukturschwachen Ländern investieren. Tja. „Unsere Ticketpreise sind angemessen. Sie wurden von vielen Experten analysiert und entschieden“, sagte Infantino.MeinungFifa:Die WM ist ein Turnier für Reiche – daran ändern auch symbolische Billigtickets nichtsBlieb das Thema Iran. Da klopfte sich Infantino kaum verhohlen auf die eigene Schulter. Er sei sehr froh, dass die Iraner bei der WM dabei seien; dass die USA den Aufenthalt der Mannschaft beschränken, erwähnte er nicht. Das lag unter Umständen daran, dass ihm das Akronym „USA“ im Zusammenhang mit Iran gar nicht über die Lippen kam. Wohl aber erinnerte er daran, dass er im Trainingslager der Iraner im türkischen Antalya war. Er habe ihnen dort nicht nur gesagt, dass er sie gern bei der WM sähe. Er habe ihnen angeboten, sie im Zweifelsfall persönlich im Bus nach Nordamerika zu kutschieren. Die Iraner hätten geantwortet, dass sie das schon selbst erledigen würden.Ob das Rückschlüsse auf das Vertrauen der Iraner auf die Lenkungskünste des Chauffeurs des Weltfußballs zulässt, ist spekulativ. Etwas weniger spekulativ ist, dass es keine reine Koketterie war, als Infantino sagte, er habe nur bedingt Ahnung vom Fußball. Er unterstellte dem verstorbenen Diego Maradona, im Aztekenstadion von Mexiko ein Tor gegen Deutschland im Finale 1986 geschossen zu haben.