PfadnavigationHomeWissenschaftDemenz-ForschungAlzheimer-Patientin erlangt nach Einnahme von halluzinogenen Pilzen Erinnerungen zurückStand: 14:22 UhrLesedauer: 3 MinutenCT-Aufnahme vom Gehirn eines Alzheimer-Patienten (Illustration)Quelle: Getty Images/Peter DazeleyEine 80-jährige Frau mit Alzheimer wird von Forschern mit psilocybinhaltigen Pilzen behandelt und erlangt grundlegende Fähigkeiten zurück. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Welche belastbaren Schlüsse lässt der Fall zu?Ein kürzlich dokumentierter Fall sorgt für Aufsehen: Eine 80-jährige Alzheimer-Patientin, die ihre Sprachfähigkeit weitestgehend verloren hatte, zeigte nach der Einnahme psilocybinhaltiger Pilze vorübergehend deutliche Verbesserungen einiger Gehirnfunktionen und die Wiederkehr bestimmter kognitiver und funktioneller Fähigkeiten.Das brasilianische Forscherteam begleitete die Patientin dabei und veröffentlichte die Fallbeschreibung kürzlich im Fachmagazin „Frontiers in Neuroscience“.Die 80-jährige Patientin lebte bereits seit Jahren in ständiger Betreuung durch Familie und Pflegepersonal. Seit mehr als zehn Jahren litt die japanisch-amerikanische Frau an der Alzheimer-Krankheit. Im Verlauf der Erkrankung hatte sie immer mehr körperliche Funktionen verloren. In den vergangenen fünf Jahren sprach sie lediglich einsilbig, lebte mit Inkontinenz und konnte sich kaum eigenständig fortbewegen. Lesen Sie auchDas Forscherteam verabreichte der Patientin zweimal psilocybinhaltige Pilze. Die 80-jährige Patientin reagierte kurz darauf mit starkem Schwitzen und Müdigkeit. Nach etwa 19 Stunden überraschte sie die Wissenschaftler mit einem ungewohnten Verhalten: Sie begann, sich an frühere Erfahrungen zu erinnern und mehrere Stunden lang davon zu erzählen. Nach der zweiten Einnahme traten weitere Veränderungen ein: Ihr gelang es, noch ausführlicher von ihren Erinnerungen zu erzählen. Dabei kehrten sogar damit verbundene Gefühle zurück. Zudem konnte sie sich zu Fuß sicherer bewegen. Lesen Sie auchDie Verbesserungen hielten teilweise über mehrere Wochen an, nachdem die Patientin die Pilze eingenommen hatte. Die Forscher beschreiben in der Studie, welche erstaunlichen Effekte sie bei der Patientin beobachtet haben: „Wiederherstellung der Harnkontinenz, eine verbesserte Mobilität, eine gesteigerte emotionale Gegenseitigkeit, eine verstärkte spontane Kommunikation und eine verbesserte soziale Interaktion im Kontext.“ Lesen Sie auchBesonders auffällig war aus Sicht der Forscher die Verbesserung der Inkontinenz. „Besonders bemerkenswert ist das Fortbestehen der Harnkontinenz nach mehr als fünf Jahren chronischer Inkontinenz“, schreiben die Autoren. Zugleich betonen sie, dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind: Es handelt sich um die Beobachtung einer einzelnen Patientin, nicht um eine klinische Studie mit Kontrollgruppe.Psilocybin kommt in verschiedenen Pilzarten vor. Der Stoff aktiviert bestimmte Serotoninrezeptoren. Einer dieser Rezeptoren hat angstlösende Eigenschaften, während der zweite Rezeptor eine anregende Wirkung hat. Forscher diskutieren seit Jahren, ob Psilocybin die Plastizität des Gehirns beeinflussen kann – also die Fähigkeit, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen zu bilden oder bestehende Netzwerke zu verändern.Solche Prozesse gelten als wichtige Grundlage für Lernen und Gedächtnis. Neue Synapsen können dazu beitragen, Informationen zu verarbeiten und zu speichern. Gleichzeitig baut das Gehirn Verbindungen, die nicht mehr benötigt werden, wieder ab. Dieses Zusammenspiel macht neuronale Netzwerke anpassungsfähig.In der Vergangenheit haben bereits mehrere Studien die therapeutische Wirkung von psilocybinhaltigen Pilzen nahegelegt. Eine Studie aus dem Jahr 2025 zeigt, dass der Stoff gegen chronische Schmerzen und Depressionen wirkt. Die therapeutische Wirkung war bereits bekannt: Als erste Nation weltweit setzt Australien seit 2023 Psilocybin in der Psychotherapie zur Behandlung von Depressionen ein.In Deutschland ist der Einsatz von Psychedelika in der Therapie nur unter strengen Bedingungen erlaubt. Bislang unterliegen Substanzen wie etwa psilocybinhaltigen Pilzen dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und sind außerhalb medizinisch-wissenschaftlicher Kontexte illegal. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen.