Bei aller Ungewissheit über den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt steht ein Sachverhalt bereits heute unumstößlich fest: Wer auch immer nach der Landtagswahl am 6. September regiert, wird auf ein außergewöhnlich hohes Haushaltsdefizit treffen. „Die Finanzlage ist so schwierig wie noch nie in der Landesgeschichte“, sagt Stefan Ruland, der finanzpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, und in dieser Einschätzung herrscht über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit.Die Misere lässt sich anhand einiger Kennziffern skizzieren: Sachsen-Anhalt hat einen Schuldenstand von knapp 25 Milliarden Euro. Die Pro-Kopf-Verschuldung der Landesebene liegt bei rund 11.500 Euro. Kein anderes ostdeutsches Land weist eine höhere Pro-Kopf-Verschuldung auf, im benachbarten Sachsen liegt sie viermal niedriger.Alarmierend ist, dass die Schuldenlast trotz eingeführter Schuldenbremse in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen ist und laut der mittelfristigen Finanzplanung der Landesregierung auch weiter Jahr für Jahr um etwa eine Milliarde Euro nach oben schnellt. Und das bei steigenden Zinsen, für die das Land schon heute jährlich mehr als 400 Millionen Euro bezahlt.Bereits jetzt gilt globale Minderausgabe und EinstellungsstoppFinanzminister Michael Richter stößt auch mit seiner Kreativität an Grenzen, dem aktuell eine Milliarde Euro großen Defizit in seinem 15-Milliarden-Haushalt beizukommen. Der CDU-Politiker hatte schon 2025 eine globale Minderausgabe von 400 Millionen Euro eingeplant, die aber nicht wie gewünscht griff, weil die bereitgestellten Mittel für Investitionen anders als in früheren Jahren nahezu in Gänze abflossen. „Die Minderausgabe wird auch in diesem Jahr nicht funktionieren“, prognostiziert Kristin Heiß, finanzpolitische Sprecherin der Linkspartei.Seit 2025 gilt in Sachsen-Anhalt zudem ein Einstellungsstopp, von dem allerdings die Polizei und die Schulen ausgenommen sind. Rechnungshofpräsident Kay Barthel fordert, daraus ein „dauerhaftes Instrument“ zu machen und langfristig zum Beispiel nur jede vierte frei werdende Stelle zu besetzen. Denn Sachsen-Anhalt leistet sich seit Jahren einen öffentlichen Dienst, der mit zuletzt 20,36 Vollzeitstellen je 1000 Einwohner deutlich größer ist als in anderen Flächenländern. Dort liegt der Wert im Schnitt bei 18,45.Die aktuelle Steuerschätzung aus dem Mai hat die Lage zusätzlich verschärft, da die Einnahmen für das laufende Jahr 240 Millionen Euro niedriger liegen als geplant. Stattdessen fallen zusätzliche Ausgaben an, wie für den staatlich finanzierten Notbetrieb einer insolventen, aber systemisch relevanten Chemieanlage in Leuna, der rund achtzig Millionen kostet. Mehrere Finanzpolitiker im Landtag verärgert zudem, dass besonders das Sozialministerium deutlich mehr ausgibt als veranschlagt.Als einziges Bundesland bis heute angeblich Corona-NotlageLinderung bringen die neu geschaffenen Verschuldungsmöglichkeiten in Höhe von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Bundesländer sowie die Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur, die derzeit ansonsten nicht realisierbare Projekte ermöglichen. Zur Kaschierung der miserablen Finanzlage trägt in Sachsen-Anhalt auch bei, dass dort bis heute offiziell eine Corona-Notlage gilt. Mit ihrer Hilfe genehmigt sich die schwarz-rot-gelbe Koalition zusätzliche Kreditaufnahmen. Kay Barthel hält diese Begründung als Präsident des Landesrechnungshofs für fragwürdig.„Wir sind nicht umsonst das einzige Bundesland, in dem noch eine Corona-Notlage gilt“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Im Ergebnis verschleppt man dadurch nur die unausweichlichen strukturellen Reformen.“ Die Linken-Abgeordnete Kristin Heiß bemängelt, dass sechzig Prozent der Maßnahmen nichts mit der Pandemie zu tun hätten.Der CDU-Finanzpolitiker Ruland erwidert, es gehe um Resilienzsteigerung, und es sei sinnvoll, die begonnenen Projekte auch abzuschließen. Eine Fortsetzung der Corona-Notlage über Ende 2026 hinaus steht in Magdeburg aber nicht zur Debatte. „Mit uns wird es keine weiteren Sondervermögen geben“, sagt auch der AfD-Finanzpolitiker Jan Moldenhauer.Minus von 1,5 Milliarden Euro für 2027 erwartetFür eine künftige Landesregierung bedeutet das, dass sie erheblich sparen muss. Für das Jahr 2027 wird ein Minus von 1,479 Milliarden Euro erwartet. Und die Lage wird längerfristig nicht besser. Denn Sachsen-Anhalt ist in Deutschland „am stärksten vom demografischen Wandel betroffen“, wie in der mittelfristigen Finanzplanung zu lesen ist.Während die Einwohnerzahl westdeutscher Flächenländer von 2011 bis 2022 um 5,2 Prozent stieg, sank sie in Sachsen-Anhalt um 4,3 Prozent. In den anderen ostdeutschen Ländern waren es nur minus 0,9 Prozent. Dieser ungünstige Trend wird sich fortsetzen, und das Land muss ihm „hinterherkonsolidieren“, wie Barthel darlegt.Der einstige Finanzminister Jens Bullerjahn hatte sich ab 2006 bereits auf diesen Pfad begeben. Der strikte Sparkurs des SPD-Politikers wurde ab 2013 jedoch zusehends verwässert. „Bullerjahn hatte den Mut, unbequeme Themen anzugehen, an dem es zuletzt mangelte“, würdigt der CDU-Haushaltsexperte Ruland den 2022 verstorbenen Bullerjahn.Die nächste Landesregierung wird den zwischenzeitlich aufgelaufenen Problemen nicht länger ausweichen können. „2027 müssen alle Ressorts mit 21 Prozent Geld weniger auskommen“, sagt Ruland. In einem durch rechtlich verpflichtende Ausgaben und nahezu unkündbare Beschäftigungsverhältnisse weitgehend versteinerten Haushalt ist das eine gewaltige Aufgabe.Auch eine eventuelle Alleinregierung der AfD müsste sich ihr stellen. „Selbstverständlich werden wir nicht jeden Punkt eines Fünf-Jahres-Programms am ersten Tag umsetzen können“, kündigt deren finanzpolitischer Sprecher Moldenhauer bereits an. Das Regieren würde aber auch für die CDU und die mit ihr kooperierenden Parteien nochmals schwieriger, falls sie weiter an der Macht bleibt.