PfadnavigationHomePolitikDeutschlandBürgergeld-Debatte„Wir sehen ja, wie die AfD-Quote wächst“ – Gekündigter Jobcenter-Mitarbeiter legt nachStand: 12:01 UhrLesedauer: 5 MinutenDer Jobcenter-Mitarbeiter Fred GöckenQuelle: picture alliance/dpa/Weser Kurier/Focke StrangmannNach seiner Entlassung hält der frühere Bremer Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken an seiner scharfen Kritik am Bürgergeld-System fest. Im Podcast von Paul Ronzheimer erklärt er, er wolle ein Alarmsignal senden.Missbrauch bei Bürgergeld-Anträgen, seltene Sanktionen und teure Fördermaßnahmen: Der gekündigte Bremer Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken hat trotz seiner fristlosen Kündigung seine Kritik am Bürgergeld-System erneut bekräftigt. „Das habe ich so als meine staatsbürgerliche Pflicht gewertet“, sagte Göcken im Podcast des stellvertretenden Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung, Paul Ronzheimer.Der langjährige Jobcenter-Mitarbeiter war bundesweit bekannt geworden, nachdem er in der ZDF-Dokumentation „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung“ schwere Vorwürfe gegen das System erhoben hatte. Dort hatte der 60-Jährige, der nach eigener Aussage seit 2005 im Jobcenter in verschiedenen Positionen gearbeitet hat, die zentrale Aufgabe der Behörde als „Geldausgeben“ bezeichnet und erklärt, zwischen 30 und 40 Prozent der Bürgergeld-Empfänger machten keine wahrheitsgemäßen Angaben. Viele hätten die Motivation, „im System drinne zu bleiben“.Lesen Sie auchDafür wurde Göcken inzwischen von der Stadt Bremen fristlos entlassen. Auch WELT berichtete. Die Kommune wirft ihm laut Kündigungsschreiben vor, das Jobcenter diffamiert und den Eindruck erweckt zu haben, die Behörde wolle Menschen gar nicht in Arbeit bringen. Zudem habe er den TV-Auftritt nicht genehmigen lassen. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört.Im Podcast mit Ronzheimer sagte Göcken nun, dass sich seine umstrittene Aussage zu den 30 bis 40 Prozent nicht nur auf klassischen Sozialbetrug beziehe. Gemeint seien „alle Leute, die generell arbeitsfähig sind“, darunter auch Aufstocker. „Diese 30 bis 40 Prozent sind meiner Auffassung nach ein Warnsignal.“ Aus Göckens Sicht könnte die Quote sogar noch höher liegen. Göcken führte noch einmal aus, um welche Fälle es dabei gehe. Es seien Jobcenter-Kunden, die „uns entweder bei den Vermögensverhältnissen, Einkommen (...) keine wahren Angaben machen“, die die tatsächliche Zusammensetzung ihrer Bedarfsgemeinschaft verschleierten oder bei denen fraglich sei, „wie ist überhaupt meine Motivation, intrinsische Überzeugung sozusagen, Arbeit aufzunehmen“.Totalverweigerer sind nach seiner Darstellung selten. Häufiger seien Menschen, die formal mitwirkten, sich bewarben oder Termine wahrnähmen, ohne jedoch ernsthaft an einer Arbeitsaufnahme interessiert zu sein.Lesen Sie auchAls Beispiel nannte Göcken Konstellationen, bei denen Paare offiziell getrennt lebten, um zusätzliche Leistungen zu erhalten. Dem „Weser-Kurier“ hatte er bereits erklärt, dass Paare sich „offiziell trennen, um Leistungen für eine zweite Wohnung zu empfangen – ohne sie zu bewohnen“. Die Wohnung werde anschließend privat weitervermietet.Ein weiteres Beispiel betreffe nicht gemeldete Beschäftigungen. Im Podcast schilderte Göcken Fälle, in denen erst durch Datenabgleiche mit Krankenkassen sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten auffielen, die dem Jobcenter zuvor nicht gemeldet worden seien. „Dann kommt eine Meldung: Mensch, der hat aber eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Und dann prüfen wir das und da fällt auf: Diese Tätigkeit hat er bei uns aber gar nicht angegeben“, sagte Göcken. Bis dahin sei aber trotzdem bezahlt worden.Dass es für seine Einschätzung keine offiziellen Zahlen gebe, sei aus Göckens Sicht Teil des Problems: „Wenn man Zahlen nicht erfassen will, aus welchen Gründen auch immer, dann gibt es diese Zahlen natürlich auch nicht.“ Seine Einschätzung beruhe auf eigenen Erfahrungen sowie Gesprächen mit Kollegen. „Wenn Sie unsere Arbeitsebene befragen würden, dann würden Sie die Bestätigung bekommen, dass das alles richtig ist.“Auto und Führerschein wurden vom Jobcenter ohne Gegenleistung gesponsertBesonders kritisch äußerte sich der 60-Jährige über Fördermaßnahmen des Jobcenters. Als Beispiel schilderte er Fälle, in denen Arbeitslose einen finanzierten Führerschein und sogar ein Fahrzeug erhalten hätten, um eine Stelle anzutreten, sich aber kurze Zeit später wieder hätten kündigen lassen. „Führerschein und Auto behält er natürlich“, sagte Göcken.Auch Sanktionen gegen Bürgergeld-Empfänger seien in der Praxis deutlich seltener verhängt worden als oft angenommen. Als Grund nannte Göcken vor allem den hohen Verwaltungsaufwand. Schließlich betreut jeder Arbeitsvermittler in Städten wie Bremen oft 250 bis 400 Kunden.„Es macht halt Arbeit, es macht Ärger und du belastest andere, nämlich die Leistungsabteilung“, sagte er. Dort habe er häufig Reaktionen gehört wie: „Ja toll, zum Freitag noch so eine Nummer jetzt“, wenn es darum gegangen sei, aktiv zu werden. Deshalb seien Sanktionen oft nur bei besonders problematischen Fällen eingesetzt worden. „Mein Chef hat immer gesagt: ,Fred, bei aller Kritik halte ja die Leute, die wollen, den Rest lass weg, weil die kriegen wir ja nicht.‘“ Entsprechend sei es im Alltag gewesen: „So richtig sanktioniert haben wir nicht.“Lesen Sie auchKritik an seinen Aussagen kam aus der Bremer Politik. Die Arbeitssenatorin Claudia Schilling (SPD) erklärte nach der Ausstrahlung der ZDF-Dokumentation, die Behauptung, 30 bis 40 Prozent der Leistungsempfänger würden Sozialleistungen missbräuchlich beziehen, „entbehrt jeder belastbaren Grundlage“. Zudem würden solche pauschalen Aussagen „die Realität verzerren“, das Vertrauen in den Sozialstaat beschädigen und Leistungsbezieher unter Generalverdacht stellen.Zu seiner Beteiligung an der ZDF-Dokumentation erklärte Göcken, er habe sich aus Sorge um die gesellschaftliche Entwicklung selbst an die Journalistin Sarah Tacke gewandt. „Wir sehen ja eigentlich die AfD-Quote, wie sie wächst“, sagte er im Podcast. Sein Beitrag sei „ein SOS-Funk von mir gewesen“, sagte Göcken.Auch gegenüber dem „Weser-Kurier“ hatte Göcken zuvor seinen Auftritt bereits verteidigt. „Meine Intention liegt nicht im Schüren rechter Ressentiments, sondern darauf, auf einen Missstand in den Jobcentern hinzuweisen, der das Potenzial hat, uns finanziell und gesellschaftlich zu ruinieren“, sagte er dem Blatt. Aus seiner Sicht seien „Leistungen ohne Gegenleistung und ohne temporäre Begrenzung“ ein wesentlicher Grund dafür, dass das System „an den Rand des Zusammenbruchs“ geraten sei.Göcken hat angekündigt, juristisch gegen seine Entlassung vorgehen zu wollen.kami mit dpa
Bürgergeld-Debatte: „Wir sehen ja, wie die AfD-Quote wächst“ – Gekündigter Jobcenter-Mitarbeiter legt nach - WELT
Nach seiner Entlassung hält der frühere Bremer Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken an seiner scharfen Kritik am Bürgergeld-System fest. Im Podcast von Paul Ronzheimer erklärt er, er wolle ein Alarmsignal senden.








