Ein Jobcenter-Mitarbeiter äussert sich im deutschen Fernsehen kritisch zum Bürgergeld – und wird entlassenFred Göcken kritisierte in einer Dokumentation, den Jobcentern gehe es hauptsächlich ums Geldausgeben. Die Stadt Bremen findet, er überschreite damit die Grenzen der Meinungsfreiheit.08.06.2026, 12.42 Uhr3 LeseminutenIn einer Dokumentation des ZDF äusserten sich Mitarbeiter von Jobcentern kritisch zu ihrer Arbeit.Lisi Niesner / ReutersDie Debatte über die Kosten des deutschen Sozialstaats ist um eine Episode reicher. Sie spielt im norddeutschen Bundesland Bremen, das seit langem von linken Parteien regiert wird. Fred Göcken arbeitet dort seit über zwanzig Jahren in einem Jobcenter. In einer Dokumentation des ZDF zur deutschen Arbeitslosenhilfe, die im Mai ausgestrahlt wurde, äusserte er sich kritisch zu seiner Arbeit. Statt sich um die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in neue Stellen zu kümmern, sei in den Jobcentern das Geldausgeben zur zentralen Aufgabe geworden, sagte der 60-Jährige.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er bezog sich dabei auf die üppigen Budgets, mit denen Weiterbildungen für Langzeitarbeitslose bezahlt werden, wie etwa Führerscheine. Allein dem Jobcenter Bremen standen im vergangenen Jahr für die sogenannten Eingliederungsleistungen Bundesmittel in Höhe von 69,3 Millionen Euro zur Verfügung.Aus Sicht von Göcken setzt das Geld die falschen Anreize. Die Jobcenter würden Arbeitslose eher im System halten, statt sie tatsächlich in Arbeit zu vermitteln. Zudem würden 30 bis 40 Prozent von ihnen falsche Angaben machen, sagte er. Dadurch werde aus einem schönen System ein ungerechtes System.Interview war nicht genehmigtGöcken äusserte sich damit ungewöhnlich offen für einen Mitarbeiter einer Behörde. In der Dokumentation heisst es treffend, er riskiere mit dem Interview viel.Sein Arbeitgeber, die Stadt Bremen, zog nun Konsequenzen aus seinen offenen Worten – und entliess Göcken fristlos. Das Interview sei nicht genehmigt gewesen, heisst es im Kündigungsschreiben, aus dem die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» zitiert. Kritik von Beschäftigten im öffentlichen Dienst sei erlaubt, solange sie sachlich und konstruktiv bleibe. Göcken jedoch habe das Jobcenter diffamiert.«Es wird der Eindruck erweckt, man würde dem gesetzlichen Auftrag, Menschen in Arbeit zu bringen, nicht nachkommen wollen. Ausserdem würde man nicht ausreichend sanktionieren oder dem vermuteten Missbrauch durch Hilfeempfänger:innen nachgehen, somit unverantwortlich mit öffentlichen Geldern umgehen», heisst es in dem Schreiben. Göckens Anschuldigungen überschritten die Grenzen der Meinungsfreiheit.Sozialsenatorin: Vertrauen in Sozialstaat beschädigtDie für das Jobcenter zuständige Bremer Sozialsenatorin Claudia Schilling von der SPD unterstellte Göcken gar, er habe gelogen. Die Behauptung, dass 30 bis 40 Prozent der Langzeitarbeitslosen ihre Sozialleistungen missbräuchlich bezögen, entbehre jeder belastbaren Grundlage. «Solche pauschalen Aussagen verzerren die Realität, beschädigen das Vertrauen in den Sozialstaat und stellen Hunderttausende Menschen, die Leistungen rechtmässig beziehen, bundesweit unter Generalverdacht», teilte sie mit.Die knapp 45 Minuten lange ZDF-Reportage «Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung» erweckte allerdings einen anderen Eindruck. Dort kommen auch Personen zu Wort, die das deutsche Sozialsystem offen ausnutzen. Deutschland bezahle alles – Bürgergeld, Kindergeld, sagt etwa ein Mann in Dortmund vor der Kamera und freut sich.Die Moderatorin Sarah Tacke begleitet zudem ein Team eines Berliner Jobcenters bei Hausbesuchen. Sie sind auf der Suche nach Langzeitarbeitslosen, die sich zwar teilweise schon seit Monaten nicht mehr gemeldet haben, aber weiterhin Bürgergeld erhalten. Die beiden Mitarbeiter stützen die Aussagen Göckens. Sie schätzen, dass sie vielleicht einmal im Jahr einem Arbeitslosen erfolgreich eine Stelle vermitteln.Göcken will gegen Kündigung klagenDass man in Bremen so empfindlich reagiert, dürfte auch an den dortigen Umständen liegen. Für das Bremer Jobcenter ist es bereits der zweite Skandal innert kurzer Zeit. Die Behörde liess jüngst für 600 000 Euro einen 98 Quadratmeter grossen «Kreativraum» für die Mitarbeiter einrichten, wie der «Weser Kurier» berichtete. Der mit Designermöbeln ausgestattete Raum überstieg damit die ursprünglich bewilligten Kosten von 99 000 Euro deutlich. Die Sozialsenatorin Schilling steht dafür in der Bremer Bürgerschaft in der Kritik.Zudem soll Göcken laut ihrem Ressort bereits seit längerer Zeit in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung mit seinem Arbeitgeber stehen. Göcken bestätigte dies der Deutschen Presse-Agentur.Zu seinen Aussagen aus der Dokumentation steht er dennoch weiter. Dass sie einen solchen Wirbel verursachten, zeige die Befindlichkeiten, sagte er. Das System müsse auf den Prüfstand, es gehe um sehr viel Geld. Göcken will nun gegen seine Kündigung klagen.Passend zum Artikel