Es müssen aufregende Tage gewesen sein für Daniel Pflieger Wu. Am Donnerstag saß er im Haus der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg, um eine verlassene Insel zu ersteigern. Am Wochenende heiratete er. „Seitdem trage ich einen Doppelnamen“, sagt der Unternehmer aus Hannover. Inselbesitzer ist er nicht – zumindest rein rechtlich. Gefühlt aber schon. Doch dazu später mehr.Am Donnerstag fand Ostervilm dann einen neuen Besitzer. Für 60.000 Euro ging der Zuschlag an den Österreicher Oliver Pesendorfer. Er ist Geschäftsführer von McCube, einem Hersteller für modulare Fertighäuser. Und er will nach eigener Aussage „richtig viel Geld in die Hand nehmen, um die Insel wieder zu revitalisieren“. Auch wenn er diese bisher noch gar nicht mit eigenen Augen gesehen hat.Eine Hochzeitsinsel aus HolzmodulenDer Zustand der künstlichen Insel ist „durch Natur, Vogelkot und Vandalismus marode“. So steht es im Auktionskatalog der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG, Fotos offenbaren weitere Zeichen groben Verfalls: An vielen Stellen der ovalen Plattform und des darauf stehenden Gebäudes fehlen Wände, Bodenbretter oder Fensterscheiben.Einem Video, das Pesendorfer auf seinem Linkedin-Account geteilt hat, lässt sich entnehmen, wie Ostervilm aussehen könnte, wenn er seine Pläne in die Tat umsetzt. Die vormals graue Plattform ist holzvertäfelt, am Rand steht in leuchtenden Buchstaben „McCube Island“. Von dem verfallenen Wohn- und Maschinenhaus ist nichts mehr zu sehen. An seiner Stelle steht ein schwarzer Kasten, darin kleine Apartments. Außerdem gibt es einen Anlegesteg für Motor- und Segelboote. Der ist laut Pesendorfer nötig, damit man die Plattform überhaupt betreten kann. „Wir möchten diese Insel vom Beton befreien und etwas Nachhaltiges und Ökologisches draufsetzen“, sagt er. Gemeint sind Holzmodule, wie McCube sie produziert, „in denen man dann auch nächtigen oder eine Hochzeit feiern kann“.„McCube Island“: Auf der ehemaligen Marinestation sollen Möglichkeiten zum Übernachten und Feiern geschaffen werden.Oliver Pesendorfer/LinkedInDas ist jedoch nur eine erste Idee. Pesendorfer will sich zunächst mit den zuständigen Behörden und dem Landschaftsschutz abstimmen. Neben baurechtlichen Fragen gilt es unter anderem sicherzustellen, dass keine Tiere in dem Gebäude nisten, bevor es abgerissen werden kann. Außerdem ist er sich sicher: „Es wird nicht nur eine rein kommerzielle Geschichte werden.“ Hier kommt Daniel Pflieger Wu ins Spiel.Pflieger Wu ist ein Mensch mit zahlreichen Ideen. Unter anderem arbeitet er als Trauredner und betreibt eine Agentur, die sich mit dem Spiel Geocaching beschäftigt; einer Art digitaler Schnitzeljagd, bei der Menschen nach versteckten Schätzen suchen. Selbst bezeichnet er sich als „Schatzverstecker“ und „Ideensüchtiger“. „Daraus erklärt sich vielleicht auch meine Faszination für Gebäude und Liegenschaften, die ihren ursprünglichen Zweck verloren haben“, sagt Pflieger Wu. Es habe nicht lange gedauert, bis die Nachricht von der Inselversteigerung ihren Weg zu ihm fand.Nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeitenEr schaute sich die Geschichte des Objekts an, nahm Kontakt zu den Nochbesitzern Wenmakers und Benz auf und informierte sich über die Herausforderungen, die man als Inselbesitzer meistern müsste. Ende Mai besuchten sie gemeinsam die Insel. Sein erster Eindruck: „Baufällig. Da muss ganz viel gemacht werden“, erinnert sich Pflieger Wu. Doch der Ausblick sei phantastisch gewesen. Über eine rostige Leiter kletterten die Besucher auf das Dach des Gebäudes. „Das ist schon Wahnsinn, wenn man da oben steht und in alle Richtungen blicken kann. Da ist mir das Herz aufgegangen.“ In diesem Moment habe er gewusst: „Hier soll etwas Großartiges entstehen.“ Ostervilm sei zwar ein Schrotthaufen, aber ein „Schrotthaufen mit Potential“.Vor der Auktion trommelte Pflieger Wu eine bunte Gruppe aus 13 Menschen zusammen, die bereit waren, sich mit einem frei gewählten Betrag zu beteiligen, darunter ein Journalist, ein Modedesigner, zwei Architekten und eine Politikerin. Ihre Idee: einen Rückzugsort für Musiker und Künstler schaffen. „Man könnte ein hochwertig ausgestattetes Tonstudio mit angeschlossenen Künstlerwohnungen einrichten, wo Bands ungestört an ihren Alben schrauben können“, sagt Pflieger Wu. „Stellen Sie sich vor, Coldplay würde dort das nächste Album aufnehmen, und dann kann man das auch noch als Airbnb nutzen.“Erst am Tag der Versteigerung trafen Pflieger Wu und Pesendorfer aufeinander. Ein Journalist machte die beiden Bieter aufeinander aufmerksam. Er habe herausfinden wollen, ob sich die jeweiligen Nutzungsideen vielleicht verbinden lassen, sagt Pflieger Wu, „sodass man nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten kann“. Die beiden tranken einen Kaffee miteinander und unterhielten sich, anschließend besprachen sie sich mit ihrem Team. Dann sicherten sie einander zu, sich nicht gegenseitig hochzubieten und das Konzept für die Insel gemeinsam zu entwickeln. So schildert Pflieger Wu die Übereinkunft der beiden Unternehmer.Oliver Pesendorfer und Daniel Pflieger Wu bei der Auktion in Hamburg am 4. JunidpaAuf dem Papier gehört die Insel trotzdem Pesendorfer. „Wir werden Synergien nutzen, um gemeinsam die Kreativität fließen zu lassen und etwas daraus entstehen zu lassen“, sagt er über die geplante Zusammenarbeit. Wie die beiden ihre eigenen Pläne konkret miteinander vereinbaren, sei „Verhandlungssache“. Gute Ideen hat Pflieger Wu bereits geliefert: Er schlug vor, die etwa zehn bis 20 Zentimeter dicke Schicht Vogelkot als Dünger zu verkaufen und den Erlös in einen gemeinnützigen Zweck zu stecken. Pesendorfer gefällt das. Bleibt noch zu fragen, wann es losgehen soll mit dem Projekt. „Ich bin ja Österreicher“, sagt Pesendorfer, „bei mir geht immer alles schneller als in Deutschland. Das heißt: so bald wie möglich.“
Das soll mit der versteigerten Insel Ostervilm passieren
Erst am Tag der Auktion trafen sich die zwei Unternehmer, die nun zusammen die verwahrloste DDR-Marinestation Ostervilm ersteigert haben. Jetzt wollen sie die marode Insel so schnell wie möglich in etwas „Großartiges“ verwandeln.







