Streit um Leistungen : Ärzte bezweifeln, ob Apotheken notwendig sind10.06.2026, 12:10Lesezeit: 2 Min.Die Auseinandersetzungen um die Zukunft des Gesundheitswesens werden schärfer. Die Vertretung der Kassenärzte in Hessen greift jetzt die Apotheken frontal an.Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen zieht die Notwendigkeit von Apotheken in Zweifel. Statt diese zu „Arztpraxen light“ zu machen, solle man sich umgekehrt fragen, warum so viel Geld dafür ausgegeben werde, wenn doch in den „pharmazeutischen Verkaufsstellen“ zu 95 Prozent fertige Arzneimittel abgegeben würden. „Eine Dienstleistung, die noch etwas mit Pharmazie im eigentlichen Sinne zu tun hat, findet in den Apotheken also kaum noch statt“, äußerten die beiden Vorstandsvorsitzenden des Verbands, Frank Dastych und Armin Beck. „Zumal sich diese vorrangig über den Beiverkauf von Gummibärchen und Kosmetika zu finanzieren scheinen. Wozu brauchen wir solche Apotheken also eigentlich noch?“ Hier liege ein „Milliardeneinsparpotential“.Die Kassenärztliche Vereinigung schlägt vor, stattdessen könnten in Drogeriemärkten Abgabestellen für Medikamente geschaffen werden. Man sei bereit, das Personal dafür zu schulen. Auch der Onlinehandel werde immer wichtiger. „Und über die längst überfällige Möglichkeit für Ärztinnen und Ärzte, Medikamente abzugeben, ließe sich eine durchgehende und flächendeckende Arzneimittelversorgung organisieren und gleichzeitig sehr viel Geld einsparen.“ Die Ärzte halten lediglich eine „Regionalapotheke“ für jeweils 250.000 Einwohner noch für sinnvoll, „mit einem 24/7-Fahrdienst“.Apotheker weisen Kritik zurückMit ihrer Stellungnahme reagiert die Kassenärztliche Vereinigung Hessen offenbar auf ein Gesetz der schwarz-roten Koalition im Bundestag, nach dem in Apotheken Patienten künftig mehr Leistungen bekommen können. So dürfen diese neben Grippe- und Corona-Impfungen auch alle Schutzimpfungen mit „Totimpfstoffen“ anbieten, also etwa gegen Tetanus, sowie Schnelltests gegen Influenza- und andere Viren. Unter bestimmten Umständen sollen die Apotheken verschreibungspflichtige Präparate auch ohne ärztliche Verordnung abgeben dürfen.Apotheken sollen ferner künftig bei Erwachsenen auch Blutentnahmen aus der Vene erlaubt sein, um etwa die Wirkung von Medikamenten zu kontrollieren. Das Gesetz ist vor drei Wochen beschlossen worden. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sagte, um die Versorgung sicherstellen zu können, müssten die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden. „Apotheken spielen dabei eine zentrale Rolle.“ Das Gesetz stärke die Apothekenlandschaft auch finanziell und sorge für weniger Bürokratie.Der Apothekerverband äußerte, die Mitgliedsbetriebe prüften beispielsweise alle Verordnungen der Arztpraxen, könnten Wechsel- und Nebenwirkungen erkennen und die Patienten zur sicheren Anwendung beraten. Außerdem stellten sie Arzneimittel individuell her — etwa Dosierungen für Säuglinge oder Krebsmedikamente.„Natürlich müssen wir über Weiterentwicklung sprechen. Aber wer ernsthaft glaubt, Apotheken ließen sich durch Versandhandel, Fahrdienste, Drogerie-Abgabestellen und einige Regionalapotheken ersetzen, verwechselt Arzneimitteltherapiesicherheit mit Paketlogistik“, teilte er auf Anfrage mit. „Das ist nicht Reform, sondern Versorgungsausdünnung auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten.“