Als der Landesparteitag der Berliner CDU am Dienstagabend aus den Fugen geriet, waren viele Delegierte nicht im Saal. Sie stärkten sich im Foyer der Neuköllner Tagungshalle am Currywurstbuffet. Im Saal stand der Tagesordnungspunkt „Aussprache“ an. Er gilt auf CDU-Parteitagen seit jeher als unspektakulär. Doch plötzlich kam Unruhe auf: Ein Delegierter erklärte, er trete gegen den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner als Spitzenkandidat an.Auch manche, die im Saal waren, bekamen nicht sofort mit, was passierte. Der 85 Jahre alte Wolfram Wickert nuschelte leise, als er fast beiläufig seine Kampfkandidatur anmeldete. Doch er meinte sie ernst. Wickert, der von 1977 bis 1981 als stellvertretender Pressesprecher im Bundeskanzleramt von Helmut Schmidt (SPD) gearbeitet hatte, ist mit Wegner unzufrieden.Das Wahljahr lief für Kai Wegner bisher nicht gutDie CDU musste also umplanen, nicht einmal eine Stimmzählkommission war beim Parteitag vorgesehen. Sie wurde rasch nachgewählt. Wegner sollte eigentlich in offener Abstimmung bestimmt werden. Die Kür des Spitzenkandidaten ist kein offizieller Wahlakt. Eine Landesliste der CDU gibt es zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September nicht. Die Partei tritt mit Bezirkslisten an. Wegner ist formal Spitzenkandidat der CDU Spandau. Mit der Abstimmung am Dienstag sollte ihm aber der Rücken gestärkt werden.Wolfram Wickert kandidierte auf dem Parteitag der CDU Berlin als Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl im September 2026.dpaInsgesamt ist das Wahljahr für den Regierenden Bürgermeister bisher nicht gut gelaufen: Zunächst hatte sein Krisenmanagement nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang Januar für Kritik gesorgt. Danach führte die mutmaßlich rechtswidrige Vergabe von Fördergeldern gegen Antisemitismus zum Rücktritt seiner Kultursenatorin. Und in der vergangenen Woche entließ Wegner seinen Digitalstaatssekretär, nachdem dieser nur zwei Monate im Amt war. Wegner hatte übersehen, dass die Dresdner Staatsanwaltschaft nach der Insolvenz eines Unternehmens, dessen Geschäftsführer der Mann war, wegen Straftaten ermittelte.Aus CDU-Sicht sollte der Landesparteitag endlich andere Themen in den Fokus rücken. Etwa eine Stunde lang versuchte Wegner, die Delegierten in Stimmung zu bringen. Dabei setzte er auf typische Parteitagsschlager der Christdemokraten: Wegner warnte vor einer „radikalisierten“ Linken, rühmte sich, Debatten über Polizeigewalt beendet zu haben und geißelte den „Genderwahn“ seiner Mitbewerber.Wegner wirft Söder „Fake News“ vorAuch CSU-Chef Markus Söder bekam sein Fett weg. Wegner sagte, der bayerische Ministerpräsident habe seinen „Sprechzettel gegen Berlin“ umschreiben müssen, seit es in der Hauptstadt wieder Termine in Bürgerämtern gibt. Als es um Start-Ups ging, warf der Berliner Landeschef seinem Amtskollegen in der Münchner Staatskanzlei sogar „Fake News“ vor. Söder hatte in Abrede gestellt, dass Berlin „Start-Up-Hauptstadt“ sei.Diese Spitzen dürften Wegner auch deshalb leicht von der Zunge gegangen sein, weil er Söder übelnimmt, dass dieser nicht mehr Interkontinentalflüge vom Berliner Flughafen ermöglicht. Als CSU-Chef hätte Söder dafür die Möglichkeiten – anders als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) aber unterstützt er nicht das Werben Wegners für mehr Engagement ausländischer Fluglinien auf dem Hauptstadtflughafen. Hinzu kommt, dass Berlin und München um die Austragung der Olympischen Spiele in Deutschland konkurrieren. Wegners Kritik an Söder traf daher den Nerv einiger Delegierter.All das war aber kein Thema mehr, als Wickert plötzlich seine Kandidatur erklärte. Die nun notwendige geheime Abstimmung auf eilig herbeigeschafften Stimmzetteln nahm viel Zeit in Anspruch. Anschließend wurde der Parteitag für eine längere Auszählpause unterbrochen. In den Delegiertenreihen war währenddessen Nervosität zu spüren: In etlichen CDU-Kreisverbänden gibt es Wegner-Kritiker. Die Delegierten spekulierten darüber, ob diese ausreichend diszipliniert seien, den Regierenden Bürgermeister trotz ihrer Vorbehalte zu wählen.Gegenkandidat Wickert ist in der Berliner CDU zwar ein Außenseiter ohne Hausmacht. Er trat erst 2017 in die Partei ein, nachdem er 2011 die Berliner SPD im Streit über die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen verlassen hatte. Als Spinner gilt er aber nicht. Die Tatsache, dass Wolfram Wickert der Bruder des früheren Tagesthemen-Moderators Ulrich Wickert ist, verschaffte ihm in der Hauptstadt-CDU zudem eine gewisse Bekanntheit. Manche Delegierte meinten zunächst, davon werde er profitieren.Doch es kam anders. Als die Tagungspräsidentin das Wahlergebnis bekannt gab, ging ein Raunen der Erleichterung durch die Reihen des Parteitags. Anschließend war der Applaus groß: Wegner bekam fast 93 Prozent. Die Berliner CDU zeigte sich disziplinierter, als viele ihrer Mitglieder vermutet hatten. Manche meinten sogar, Wickerts Aktion werde letztlich Wegner helfen: Dieser könne nun im Wahlkampf hervorheben, seine Partei auch in geheimer Abstimmung hinter sich zu wissen. Das können nicht alle Berliner Spitzenkandidaten von sich behaupten.