Ein Freund reiste gerade durchs Baltikum. In Estland, nahe Narva, führten seine Gastgeber ihn stolz zu einem Denkmal. Es erinnert an eine Schlacht im Sommer 1944. Er mailte mir das Foto einer Schautafel. Sie zeigt die Positionen der zur Hälfte aus estnischen Freiwilligen bestehenden Truppen, die die Gegend verteidigten. Der Freund war irritiert. Die Soldaten, derer hier gedacht wird, waren Angehörige der Waffen-SS.
Deutschen, die die NSDAP-Kartei nach Ahnen durchforsten und soeben den Namen Hindenburgs vom Damm nach Sylt kratzten, diesen Deutschen dürfte das eigenwillig vorkommen. Ich versuche, es zu verstehen. Viele Esten wollten damals nicht schon wieder durch Russen kolonisiert werden. Da konnten sie bei der Waffenbrüderwahl nicht mäklig sein. Die Entscheidung zwischen Stalin und Hitler war ja nun keine zwischen Gut und Böse. Andere Länder, andere Sitten. Oder, wie Nationalnachlassverwalter sagen: Erinnerungskulturen.
Neulich wurden die Überreste von Andrij Melnyk nach Kiew umgebettet. Mit militärischen Ehren und Präsidentenpräsenz. Melnyk, Namensvetter des Power-Diplomaten, führte einst die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Ein anschlussfähiger Unabhängigkeitskämpfer: In einem Brief an Reichsaußenminister von Ribbentrop pries er 1939 die „weltanschauliche Ähnlichkeit“ seiner Leute mit „insbesondere dem Nationalsozialismus in Deutschland“. Das unterstreichen Anweisungen eines OUN-Bezirksleiters. In dessen Revier war es „nicht erlaubt, Juden zu grüßen und ihnen die Hand zu reichen“ sowie „Juden und Polen Lebensmittel zu verkaufen“.







