GastkommentarDaniel BochslerWie KI als mögliches Instrument der Wahlbeobachtung eingesetzt werden kannMit Methoden der künstliche Intelligenz können grosse Datenmengen verarbeitet und damit auch Unregelmässigkeiten in einer politischen Wahl aufgespürt werden. Die KI kann aber nicht alle Phasen einer Wahl erfassen und bleibt deshalb ein Hilfsmittel.10.06.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenWahlen werden etwa auch in Bolivien von Missionen beobachtet.Jorge Mateo Romay Salinas / ImagoSeit dem Ende des Kalten Kriegs stützen sich fast alle Länder weltweit auf Wahlen, um die Legitimität der Regierungen zu steigern. Damit ist auch die Zahl von autokratischen Pseudo-Urnengängen ohne echte Wahl oder von Wahlen mit namhaften demokratischen Defiziten explodiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Parallel dazu wurden internationale Wahlbeobachtungsmissionen zum Standard, unter reger Beteiligung der Schweiz. Solche Missionen erhöhen das Vertrauen in demokratische Wahlprozesse, sie können unabhängig Kritik an mangelhaften Wahlprozessen üben, und ihre Hinweise auf Wahlfälschungen sind deswegen sehr glaubwürdig.Missionen mit begrenzten MöglichkeitenDoch die Missionen haben auch ihre Grenzen. Tausende oder Zehntausende von Wahllokalen, in Indien gar über eine Million, werden in der Regel von nur etwas mehr als hundert Wahlbeobachtungsteams besucht. Diese sollen nicht nur die Stimmabgabe beobachten, sondern danach konzentriert die mehrstündige Stimmenauszählung verfolgen.Mit teilweise langen Anreisestrecken in ländliche Gebiete ist mehr als ein kurzer Besuch einer kleinen Stichprobe von Wahllokalen kaum möglich. Internationale Wahlbeobachter sind auch nicht auf einzelne Länder spezialisiert, sprechen also je nach Einsatzland die Sprache nicht und sind auf Übersetzerinnen oder Übersetzer angewiesen.Es stellt sich die Frage, ob der Einsatz von KI im Bereich der Wahlbeobachtung Abhilfe leisten könnte. KI hat, wie es scheint, unschlagbare Vorteile: Sie kennt keine Sprachgrenzen und kann unbegrenzt grosse Datenmengen günstig verarbeiten. Gerade Wahlen produzieren grosse Datenmengen. In der Forschung sind bereits zwei auf Big Data oder Automatisierung beruhende Ansätze der «Wahlforensik» bekannt. Der erste Ansatz stützt sich auf die detaillierten Wahlergebnisse aus den einzelnen Wahllokalen.Forscher haben verschiedene statistische Analysemethoden entwickelt, um die Ergebnisse auf Auffälligkeiten zu durchkämmen. Ein zweiter Ansatz beruht auf elektronischen Wahlsystemen oder der Ausstattung von Wahllokalen mit Webcams. Sowohl bei der statistischen Analyse als auch bei der Verarbeitung riesiger Bilddaten ist KI vielversprechend.Putins Russland etwa ist Garant für Unregelmässigkeiten. Auffällig ist zum Beispiel, dass in russischen Wahllokalen häufig haargenau 70,0 Prozent, 80,0 oder 90,0 Prozent Zustimmung für die Präsidentenpartei ausgewiesen werden. Solche und andere Auffälligkeiten können auf Wahlbetrug hindeuten. Es ist peinlich, dass die russischen Wahlbehörden daraus keine Lehren ziehen und die runden Ergebnisse nicht eliminieren, etwa auch mit KI.Statistische Verfahren können Auffälligkeiten aufdeckenKI ist hervorragend darin, Regelmässigkeiten zu identifizieren und damit auch Abweichungen aufzuspüren. Auch solche, die Menschen unbekannt waren. Doch die Geschichte der Wahlforensik mahnt zur Vorsicht. Algorithmen vermögen die Auffälligkeiten nicht zu interpretieren.Ein Beispiel dafür waren die Wahlen 2019 in Bolivien. Dort fiel der Wahlbeobachtungsmission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) auf, dass die zuletzt, nach einem längeren Unterbruch, publizierten Wahlresultate von denjenigen aus den zuvor ausgezählten Lokalen abwichen. Als dann die Wahlbeobachter auf Basis eines neuartigen statistischen Verfahrens von Manipulationen sprachen, wurde der Präsident Evo Morales gestürzt. Monate später wiesen Politologen nach, dass der Zeittrend in den Resultaten, wie fast überall auf der Welt, auf der Geografie beruht, sprich auf der Konzentration der indigenen Morales-Wählerschaft in der Peripherie. Doch da war die Geschichte nicht mehr umkehrbar.Gut trainierte KI kann innert Sekunden zahlreiche Fälschungsvorwürfe ans Licht bringen. Fachleute, die nicht nur Algorithmen laufen lassen, sondern diese auch kritisch hinterfragen und alternative Erklärungsmodelle aufstellen können, sind dünn gesät. Und für aufwendige Nachanalysen fehlt im Wahlprozess die Zeit.Videoüberwachte Wahllokale oder elektronische Wahlmaschinen gibt es in immer mehr Ländern. Doch die Forschung suggeriert, dass die Technik Manipulationen nicht verhindert: In Aserbaidschan etwa führte die Videoübertragung der Stimmabgabe dazu, dass stattdessen bei der Auszählung getrickst wurde. Eine Wahl besteht aus vielen Phasen vor, während und nach dem Wahltag. Die KI prüft jedoch Daten aus einem kleinen Ausschnitt dieses Prozesses und nur eine ganz spezifische Form der möglichen Manipulation. Andere Phasen bleiben für die Technik unsichtbar.Zwar sehen auch menschliche Wahlbeobachter nur Ausschnitte. Die Wahlbeobachtungsmissionen wurden aber in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt, und sie decken heute grosse Teile des Wahlprozesses ab, auch vor und nach dem Wahltag. KI wird somit auch künftig höchstens ein Hilfsmittel in der Wahlbeobachtung sein.Daniel Bochsler ist Politologe an der Central European University, der Universität Belgrad und dem Zentrum für Demokratie (ZDA) der Universität Zürich. Er war Berichterstatter der Venedig-Kommission des Europarates zu statistischen Verfahren der Wahlforensik.
KI als Hilfsmittel zur Wahlbeobachtung – Chance oder Gefahr?
Mit Methoden der künstliche Intelligenz können grosse Datenmengen verarbeitet und damit auch Unregelmässigkeiten in einer politischen Wahl aufgespürt werden. Die KI kann aber nicht alle Phasen einer Wahl erfassen und bleibt deshalb ein Hilfsmittel.













