«Wo sind die abgestürzten fliegenden Untertassen, die geborgenen Körper?» – die amerikanische Ufo-Szene misstraut Trumps EnthüllungenIn der kalifornischen Wüste treffen sich mehrere tausend Leute, um über Aliens zu diskutieren. Von Trumps geheimen Ufo-Akten sind sie enttäuscht: Die Regierung wolle davon ablenken, was wirklich vor sich gehe. Eine Reportage von der grössten Ufo-Konferenz der Welt.10.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenNicht nur in der Wüste ist der Ufo-Glaube weit verbreitet: Fast jeder zweite Amerikaner geht davon aus, dass schon Aliens zu Besuch auf der Erde waren.Chet Strange / GettyGleich die erste Begegnung an der Ufo-Konferenz in Indian Wells, einem mondänen Wüstenort im kalifornischen Coachella Valley, entlarvt den Reporter als Banausen. «Sie wissen ja gar nichts!», wundert sich der Mann mit dem Safarihut und der Anglerweste, der in der Hotellobby auf den nächsten Vortrag wartet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während sich die Mainstream-Medien mit den Ufo-Akten beschäftigen, die Donald Trump kürzlich veröffentlichen liess, ist David Pfaff seit Jahrzehnten an der Sache dran. Schon als 17-Jähriger, so erzählt er, habe er Tontafeln analysiert, auf denen das Volk der Sumerer über den Besuch von Ausserirdischen berichtet habe. Auch bei Platon, den er später studierte, soll es in den Kritias- und den Phaidon-Dialogen um Aliens gegangen sein.Oder dann Hollywood: Wisse der Journalist etwa nicht, dass das Ende von Steven Spielbergs Film «Close Encounters of the Third Kind» auf wahren Begebenheiten basiere? Dem Film zugrunde liege ein geheimes Austauschprogramm der US-Regierung, bei dem zwölf Militärangehörige auf den Heimatplaneten von Ausserirdischen geschickt worden seien.Selbst der Thriller «Predator», in dem Arnold Schwarzenegger als Elitesoldat im Dschungel von einem ausserirdischen Wesen gejagt wird, soll nicht frei erfunden sein. David Pfaff, der sich beruflich als Buchautor im Grenzbereich von Fiktion und Fakten bewegt («Ich nenne es ‹faction›»), weiss Bescheid.Aber es gebe Dinge, so sagt er, die könne er gegenüber den Medien nicht ausführen. Dann deutet er auf das Aufnahmegerät: «Läuft das noch?»Die Behörden gehen über LeichenWer zu viel weiss, lebt offenbar gefährlich. David Pfaff glaubt, er müsse vorsichtig sein. In weiten Teilen der Ufo-Szene herrscht die Ansicht vor, dass die Regierung ihre Erkenntnisse über ausserirdisches Leben geheim halte, um eine Massenpanik zu verhindern. Dabei sollen die Behörden auch über Leichen gehen.«Schon einmal von Robert Harrington gehört?» Pfaff erzählt von dem Astrologen, der in den neunziger Jahren am Observatorium des US-Marinekorps arbeitete. Mit einem Teleskop in Neuseeland habe er ein sich der Erde näherndes Objekt ausgemacht. Harringtons Beobachtung sei der CIA gemeldet worden. «Er war innerhalb von dreissig Tagen tot.»Mit Contact in the Desert, der weltweit grössten Ufo-Konferenz, die Ende Mai zum zwölften Mal veranstaltet wurde, will die Szene auch ein Signal aussenden: «Wir sind viel stärker, als wir selber denken», sagt einer ihrer Stars, Jeremy Corbell, bei der vor Ort erfolgten Live-Aufzeichnung des Podcasts «Weaponized». Weil man über all die Jahre mit Ufo-Enthüllungen vorgeprescht sei, so argumentiert Corbell, sehe sich die Trump-Regierung nun gezwungen, ihre Geheimakten zu öffnen.Womöglich wollte sich der Präsident aber auch einfach beliebt machen. Laut einer Yougov-Umfrage glaubt weit mehr als die Hälfte der Amerikaner an Ausserirdische. Fast jeder Zweite geht auch davon aus, dass diese schon zu Besuch auf der Erde waren.Wenn es nach dem Podcaster Corbell geht, lässt sich dank diesem recht breiten gesellschaftlichen Konsens Druck auf Washington ausüben. «Wir können weitere Veröffentlichungen provozieren», sagt der Mann, dessen Podcast praktisch konstant zu den zwanzig meistgehörten Wissenschafts-(sic!)-Sendungen auf Apple gehört.Sein Podcast-Kollege George Knapp, ein in Ufo-Kreisen verehrter Investigativjournalist, sieht das etwas anders. Es sei ja schön, enthusiastisch zu sein, sagt er. «Aber es gibt treibende Kräfte, die nicht wollen, dass diese Sachen herauskommen.» Bis jetzt sei man von der Regierung nur mit «low-hanging fruits» abgespeist worden, mit leichter Beute. «Bekommen wir irgendwann das richtige Zeugs?», fragt er. «Die abgestürzten fliegenden Untertassen, die geborgenen Körper.» Er bezweifle es.Ufo-Forscher aus HarvardTatsächlich erschöpft sich das im Mai von Trump veröffentlichte Material in verschwommenen und grobkörnigen Aufnahmen. Bei den mutmasslichen Flugobjekten mag es sich auch um Sonnenreflexionen oder Stubenfliegen handeln. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen. Oder etwa nicht?Avi Loeb ist als Professor für Astrophysik an der Harvard-Universität so etwas wie der weltweit höchstdotierte Ufologe. Schon im Vorfeld zu Contact in the Desert, wo er sich für einen Vortrag per Bildschirm zuschalten liess, erklärte er sich hocherfreut über die Veröffentlichung der Trump-Regierung. «Ich fühle mich wie ein Kind im Süsswarenladen», sagte er gegenüber dem saudischen Sender al-Arabiya.Als Wissenschafter sehe er es als seine Pflicht, sich mit Daten zu beschäftigen, die anomal wirkten. Einen schlüssigen Beweis für ausserirdisches Leben habe er zwar noch nicht gefunden. «Aber es ist wie mit der Suche nach dem Partner fürs Leben. Es braucht nur einen.»Er wisse, «dass alle aufgeregt sind wegen der ersten beiden Tranchen, die die US-Regierung über Ufos veröffentlicht hat», so erklärte im Eröffnungsvortrag der Konferenz auch der Jurist Daniel Sheehan. Damit sei das Interesse an dem Thema neu entfacht worden. Während das diesjährige Treffen zwei- bis dreitausend Besucher angelockt hat, erinnert Sheehan daran, dass die ersten Ausgaben der Konferenz noch in Joshua Tree abgehalten wurden. «Wir hatten immerzu Sand im Mund.»«Es kommen jedes Jahr mehr Leute», sagt auch David Pfaff. «Das ist ein positives Zeichen.» Aber der Mann mit dem Safarihut macht sich nichts vor. Seit zehn Jahren nehme er an der Konferenz teil, um sich ein Bild vom Wissensstand der Menschen zu machen – Fortschritte sehe er jedoch keine. Die Veröffentlichung der Ufo-Akten bringe auch gar nichts, meint er. «Ein Ablenkungsmanöver.» Wovon die Regierung ablenken will? «Von dem, was wirklich vor sich geht.»«Ich weiss, dass alle aufgeregt sind», sagte Daniel Sheehan bei seinem Eröffnungsvortrag. Die UFO-Akten der Trump-Regierung hätten der Bewegung enormen Zulauf verschafft.Contact In The DesertRaus aus der NischeIn der Person von Pfaff zeigt sich vielleicht das Dilemma, in dem sich die Szene befindet. Einerseits will man die Massen aufrütteln. Man will raus aus der Nische. Gleichzeitig macht es den Reiz aus, dass man nach eigenem Verständnis mehr weiss als die breite Masse. Das Verschworene gehört zum Selbstverständnis der Anhänger von Verschwörungstheorien.Das zeigt sich auch im ambivalenten Umgang mit den Medien. Als Sternstunde wird in der Ufo-Szene ein Artikel aus der «New York Times» von 2017 gefeiert, der ein Programm des Pentagons aufgedeckt hat, welches sich mit unidentifizierten Flugobjekten beschäftigte.Dass ein Mainstream-Medium bewies, was man schon lange gewusst haben wollte, bedeutete der Szene viel. Aber eigentlich hält man wenig von der Presse. Denn vermeintliche Ufo-Sichtungen werden kaum ernst genommen, wer an Ufos glaubt, fühlt sich in der Öffentlichkeit stigmatisiert.Bei der Konferenz sind Journalisten daher auch eher geduldet als erwünscht. Interviews mit den Referenten zu führen, sei ohne Bewilligung verboten, steht gleich auf Seite eins im Programmheft. Allerdings scheint sich das Verbot nicht herumgesprochen zu haben. Walter Bosley zum Beispiel kümmert es nicht. Gerne erzählt der Mann, der sich als ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter ausgibt, von seiner Forschung, die sich um das «esoterische Engineering» von Disneyland drehe.Bosley will, wenn man ihn richtig verstanden hat, herausgefunden haben, dass sich sogenannte «Ley-Linien», die die Energieadern der Erde darstellten, im Disneyland in Anaheim, Kalifornien, kreuzen. Ein an diesem Knotenpunkt errichtetes Karussell sei ursprünglich als Tor in eine andere Dimension konzipiert gewesen. Allerdings wurde das Karussell offenbar bei einer Neugestaltung des Vergnügungsparks um zehn Meter verschoben. Jetzt funktioniere das Tor nicht mehr.Meditieren im «interdimensionalen Klangbad»Als uneingeweihter Besucher der Konferenz muss man den Theorien ein wenig entgegenkommen. Die Ufo-Akten der Trump-Regierung, das zeigt sich jedenfalls nicht erst bei der Begegnung mit Walter Bosley, sind längst nicht alles, was die Leute beschäftigt. Eher sind die Ufo-Begeisterten schon einen Schritt weiter. Als wären fliegende Untertassen kalter Kaffee.Im Renaissance Esmeralda Resort & Spa, einer etwas generisch in der Wüste hingeklotzten Hotelanlage, sonnen sich draussen in der Pool-Landschaft die Feriengäste, während drinnen die Konferenzbesucher Workshops über Telepathie besuchen. Es gibt Vorträge zu «intersphärischen Reisen von Aliens» oder man trifft sich zur meditativen Entspannung beim «interdimensionalen Klangbad».An eine eher spezifische Klientel richten sich auch die Marktstände ausserhalb der Konferenzsäle, wo etwa galaktische Heilkristalle verkauft werden oder Igel-Stachelbart-Vitalpilze, die auf die «kosmische Entgiftung» abzielen. Was es mit der Stehlampe auf sich hat, mit der sich ein Mann durch pulsierendes weisses LED-Licht sein «drittes Auge aktivieren» lässt, erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Aber übers Ganze gesehen scheint es viel um Erlösung zu gehen: Erlösung von irdischen Problemen wie Kriegen und der Klimakatastrophe, Erlösung von Rückenschmerzen.Bei Lin, einer jungen Mutter aus Michigan, standen Angst und Unsicherheit während der Covid-Pandemie am Anfang ihrer Beschäftigung mit ausserirdischem Leben. Während des Lockdowns begann sie, Sterne zu beobachten. Sie kaufte sich ein Teleskop und fand Ruhe in der Natur. «In dieser schwierigen Zeit für die Menschheit hatte ich das Bedürfnis, mein Bewusstsein zu öffnen.»Eine paranormale ErfahrungSie stiess auf den Dokumentarfilm «Close Encounters of the Fifth Kind» des Ufo-Forschers Steven Greer. Dieser kennt offenbar eine Methode, um durch Meditation den Kontakt mit einer ausserirdischen Intelligenz herzustellen. Eines Abends probierte es Lin aus. «Es war ziemlich wild», sagt sie. Nach einigen Durchläufen habe sie ihre erste paranormale Erfahrung gemacht.«Ich sah drei Sterne in den Wald fallen», sagt die Frau, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will, mit leiser Stimme. «Es klingt verrückt, ich weiss.» Ein humanoides, hell leuchtendes Objekt habe sich in den Bäumen gezeigt, daraufhin sei sie panisch zurück ins Haus gerannt. Sie habe sich gefragt, ob sie womöglich einen Schlaganfall habe. Ihr Mann, der sich als Psychiater mit Schizophrenie beschäftigt habe, sei auch nicht gerade empfänglich gewesen für ihre Ufo-Sichtung.Beruflich komme sie aus dem Bereich Datenverarbeitung, sagt Lin. «Ich bin eine empirische Person.» Aber spätestens nach zwei weiteren paranormalen Begegnungen, die sie seither gehabt habe, stehe sie zu ihren Erfahrungen. «Ich habe einfach gelernt, dass ich es niemandem aufdrängen kann.»Aber der Menschheit, so glaubt sie, dürften die Erkenntnisse der Regierung nicht vorenthalten werden. Die Menschheit, sie sei bereit.Passend zum Artikel