Der andere BlickDer Koalitionsausschuss darf kein «Konsenskränzchen» werdenDie Gewerkschaften müssen ihre Sozialstaatsphantasien überwinden. Andernfalls muss der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz sie in die Schranken weisen.10.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDie Gewerkschafter zeigen während der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem DGB-Kongress deutlich ihren Unmut.Fabian Sommer / EPAVor dem Treffen deutscher Regierungsmitglieder mit Vertretern der Gewerkschaften und Arbeitgeber beschwor Kanzler Friedrich Merz alle Seiten, ohne «rote Linien» in die Verhandlungen zu gehen. Doch seine Mahnungen verhallten ungehört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gewerkschaften polterten los und zementierten umgehend ihre Blockadehaltung. Der Verdi-Chef Frank Werneke kanzelte die Reformvorschläge der Bundesregierung als «Reformpaket des Horrors» ab, die DGB-Chefin Yasmin Fahimi drohte mit einem Grosskonflikt. Beide zeigten eine tiefsitzende Verweigerungshaltung gegenüber den Realitäten.Das wirft ein Schlaglicht auf die verhärteten Fronten im Berliner Politbetrieb. Die Gewerkschaften verstehen sich nicht mehr als Gestalter, sondern gerieren sich als Gralshüter eines nicht mehr finanzierbaren Status quo. Sie sind offensichtlich unwillig, sich konstruktiv an der dringend notwendigen Modernisierung des maroden Sozialstaates zu beteiligen.Die gegenwärtige Konstellation erinnert an die Lage um die Jahrtausendwende. Deutschland galt damals als «kranker Mann Europas». Auch seinerzeit weigerten sich die Gewerkschaften, die Reform der Arbeitslosenversicherung mitzutragen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder besass jedoch den politischen Mut, sich ihnen entgegenzustellen. Er zog seine Reformagenda gegen alle Widerstände durch – ein historischer Kraftakt, der das Land vorangebracht hat.Wen vertritt die Gewerkschaft eigentlich?Nun ist Deutschland strukturell in einer ungleich schwierigeren Lage. Gerade deshalb ist es für die Gewerkschaften Zeit, ihre Sozialstaatsphantasien zu begraben und die Lebensrealität ihrer Mitglieder, deren Zahl immer weiter schwindet, in den Blick zu nehmen.Zur Jahrtausendwende vertraten die Gewerkschaften etwa 68 Prozent der deutschen Arbeitnehmer. Heute sind es 49 Prozent. Die Frage ist deshalb: Wen vertreten sie eigentlich noch? Jedenfalls nicht die Mehrheit der Menschen, die arbeiten.Bisher haben Gewerkschaften in Deutschland zwar immer hart verhandelt, aber das gesamtgesellschaftliche Wohl nicht aus den Augen verloren. Das Modell der Sozialpartnerschaft hat der Bundesrepublik jahrzehntelang zu Wohlstand verholfen. Mit den derzeit schrillen Tönen setzen ihre Funktionäre dieses Erfolgsmodell aufs Spiel. Sie sollten gewarnt sein. Wenn es einmal zerbrochen ist, wird es so schnell kaum wiederkehren.Sollten die Gewerkschaften bei ihrer Verweigerungshaltung bleiben, ist aber auch der Kanzler gefordert. Er muss die Reformen notfalls gegen ihren Widerstand durchsetzen.Deutschland braucht keine wohlfeilen «Konsenskränzchen» und «Orientierungsdebatten» mehr, deren einziges Ergebnis ein «wiederaufgenommener Gesprächsfaden» ist. Die unterschiedlichen Positionen sind bekannt.Deutschland braucht jetzt Mut. Gewerkschaften, die erkennen, in welcher Lage sich das Land befindet. Und einen Bundeskanzler, der notfalls auch gegen Widerstände führt.Passend zum Artikel