Die erheblichen Verzögerungen beim Infrastruktur-Großprojekt Stuttgart 21 sind in der Politik auf harsche Kritik gestoßen. „Wenn sich das bewahrheitet, dann wären das desaströse Nachrichten fürs Land und für Bahnkunden“, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne). Zuvor hatte die F.A.Z. berichtet, dass sich die Eröffnung des Durchgangsbahnhofs auf Ende 2031 verschiebt. Nach der bisherigen Planung bedeutet das eine Verspätung von fünf Jahren.Zugleich erhöhte Özdemir den Druck auf den Staatskonzern. Er erwarte von der Bahn die Fertigstellung des Projekts und auch zuverlässige Terminzusagen. „Bei der Qualität des Projekts darf es keine Abstriche geben, ich will nicht, dass wir jedes Jahr neue Zahlen genannt bekommen.“Fernwanderwege sollen weichenKeinerlei Abstriche dürfe es bei der Digitalisierung, dem Bau zusätzlicher Gleise auf Zulaufstrecken (P-Option) sowie beim Bau des Pfaffensteigtunnels geben. Er werde in den nächsten Tagen gemeinsam mit Verkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) in einer Telefonschalte mit der Bahnchefin Evelyn Palla sprechen und dann mehr über den Sachstand erfahren. „Danach werden wir das weitere Vorgehen besprechen.“Razavi forderte, dass die Bahn alles dafür tun müsse, in den kommenden Jahren die Auswirkungen der noch notwendigen Arbeiten in Stuttgart für die Fahrgäste zu verringern. Vor allem der umständliche „Fernwanderweg“ zu den Bahnsteigen muss so schnell wie möglich ein Ende finden. Nach den neuen Plänen soll bis Ende 2027 dafür eine neue Lösung gefunden werden. „Die Bahn hat bei der Umsetzung gravierende Fehler gemacht. Sie muss jetzt zeigen, dass sie noch Großprojekte kann.“ Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper fasst die Entwicklung so zusammen: „Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko.“Auch die städtebauliche Planung verschiebt sichDie Verschiebung der Inbetriebnahme stellt Bahnkunden, die Bahn und die Stadt Stuttgart vor eine Reihe von Problemen: Neben den offenkundigen Unannehmlichkeiten für die Bahnkunden werden sich alle städtebaulichen Projekte der Stadt um mindestens fünf Jahre verschieben. Erst wenn der Fahrbetrieb im alten Kopfbahnhof 2031 eingestellt ist, kann mit der Räumung und der Bodensanierung auf dem alten Gleisvorfeld begonnen werden.Denn Stuttgart 21 ist weit mehr als ein Verkehrsprojekt: Die Stadt Stuttgart erwarb 2001 für knapp 460 Millionen Euro den Großteil der frei werdenden Gleisflächen. Sie haben eine Größe von 109 Hektar, damit wollte die Stadt federführend und möglichst ohne kommerzielle Einschränkungen von Investoren mehrere neue Wohn- und Stadtquartiere bauen. Mit dem Bau dieser Vorhaben – etwa dem Rosenstein-Quartier – kann erst später begonnen werden. Weil das Projekt Stuttgart 21 ursprünglich im Jahr 2019 betriebsbereit sein sollte, muss die Bahn seit 2021 wegen der späteren Fertigstellung Verzugszinsen in Millionenhöhe zahlen.Risiken gab es einigeDerweil ist die Suche nach den Gründen für die weitere Verzögerung in vollem Gange. Noch im Oktober habe die zuständige Projektgesellschaft an dem zuletzt geplanten Eröffnungstermin Ende 2026 festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt waren die Risiken schon lange bekannt, die die Bahn, das Land und die Stadt Stuttgart mit der Schaffung des Digitalen Knotens Stuttgarts (DKS) eingegangen waren. Stuttgart 21 wurde erst vor rund acht Jahren durch dieses Projekt ergänzt. Es gilt als besonders ambitioniert, weil es eine vollständige Digitalisierung des größten Bahnknotens Europas umfasst und bisher noch nirgendwo in dieser Form umgesetzt wurde.Aber auch schon vor dieser Ergänzung galt das Infrastrukturprojekt als schlecht geplant und kostenträchtig. Die aktuelle Verschiebung ist nur die letzte in einer ganzen Reihe von Planänderungen und Kostensteigerungen, die sowohl durch Fehlplanungen der Bahn als auch durch Sonderwünsche der Politik zu erklären sind. Mittlerweile sind die Kosten auf knapp zwölf Milliarden Euro gestiegen. Über die Summe gab es bereits juristische Auseinandersetzungen, seit einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg im August 2025 ist klar, dass die Bahn die Mehrkosten selbst tragen muss.Die neue Bahnchefin Evelyn Palla hat kurz nach ihrem Amtsantritt im vergangenen November die Notbremse gezogen und eine interne Revision angeordnet. Im Februar musste dann der Geschäftsführer der Projektgesellschaft, Olaf Drescher, gehen. Der Eisenbahningenieur hatte zuvor das „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8“ geleitet, also den erfolgreichen Ausbau des Schienennetzes zwischen Nürnberg und Berlin, außerdem den Ausbau der Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Im Jahr 2018 stieß er zu Stuttgart 21, zuletzt war er Vorsitzender der Geschäftsführung.Noch liegen die genauen Gründe für die mehrjährige Verschiebung im Dunkeln. Die Deutsche Bahn hat sich bisher noch nicht dazu geäußert, auch der Aufsichtsrat des Staatskonzerns hat noch nicht getagt. Deshalb kursieren bisher nur Mutmaßungen etwa über Schwierigkeiten beim Digitalen Knoten Stuttgart sowie bauliche Mängel. So müssen offenbar Kabel für die digitale Steuerungstechnik neu verlegt werden; nach einem Bericht der „Stuttgarter Zeitung“ soll es zudem Probleme mit dem Estrich im neuen Durchgangsbahnhof geben, der offenbar entfernt und entsorgt werden muss. Das alles kann aber eine mehrjährige Verschiebung bisher nicht erklären.Der Name Stuttgart 21 bleibt bis auf Weiteres trotzdem aktuell, bezeichnet er doch streng genommen nur das Jahrhundert, in dem das Großprojekt realisiert werden soll.