PfadnavigationHomeRegionalesHamburgKrankenhäuserSpitzenmedizin wird gebündelt – Unfallklinik Boberg verlagert zentrale Bereiche ans UKEStand: 16:55 UhrLesedauer: 4 MinutenDer Haupteingang des UKE: Auf dem Campus der Uni-Klinik werden Teile des BG Klinikums Boberg verlagert.Quelle: Axel Heimken/dpaDie Pläne greifen tief in die Struktur eines spezialisierten Unfallklinikums ein: Hochkomplexe Behandlungen sollen künftig zentral gebündelt werden, während der bisherige Standort eine neue Rolle erhält. Welche Folgen das für Versorgung und Beschäftigte hat, ist noch offen.Hamburgs Krankenhauslandschaft wird im Osten der Stadt neu geordnet. Große Teile des BG Klinikum Boberg sollen künftig auf das Gelände des Universitätsklinikums Hamburg‑Eppendorf (UKE) verlagert werden. Dort ist ein Neubau geplant, in dem vor allem Schwer‑ und Schwerstverletzte behandelt werden. Am bisherigen Unfallkrankenhaus Boberg soll zwar ebenfalls ein neuer Klinikstandort entstehen, seine Rolle verändert sich jedoch deutlich: Zentrale Bereiche der Akutmedizin wandern nach Eppendorf, während in Bergedorf vor allem Rehabilitation, Querschnittsmedizin, ambulante Angebote und Rettungsstrukturen verbleiben.Im Boberg werden derzeit vor allem Schwerverletzte behandelt – von Unfallopfern bis zu Patienten mit komplexen Mehrfachverletzungen. Das Klinikum ist ein überregionales Traumazentrum und verbindet Akutversorgung direkt mit anschließender Rehabilitation. Patienten kommen dafür nicht nur aus Hamburg, sondern aus einem großen Einzugsgebiet in ganz Norddeutschland – und darüber hinaus Dieses Modell soll nun aufgeteilt werden: Die hochspezialisierte Akutmedizin wird am UKE gebündelt.Lesen Sie auchBG‑Geschäftsführer Reinhard Nieper sagte, von derzeit rund 700 Betten in Boberg würden künftig etwa 350 am Bergedorfer Standort bleiben. Verlagert werden sollen unter anderem das Schwerbrandverletztenzentrum, die Versorgung schwerer Polytraumen und Teile der Akutbehandlung von Rückenmarkverletzungen. „Die Zukunft ist für uns, was die Hochakutmedizin angeht, in Eppendorf“, sagte Nieper.Den politischen Rahmen setzten Senat, UKE und BG Kliniken mit zwei Absichtserklärungen – konkrete Zeitpläne, verbindliche Entscheidungen und Details sollen erst in den kommenden Planungen folgen. Die BG Kliniken planen rund 1,2 Milliarden Euro Investitionen, jeweils etwa zur Hälfte am UKE und in Bergedorf.Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) stellte den Umbau als notwendige Anpassung an die Entwicklung der Medizin dar. Krankenhäuser könnten „nicht ein Mal gebaut und dann 100 Jahre so betrieben werden“, sagte er. Die zunehmende Spezialisierung mache es erforderlich, Leistungen neu zu organisieren und an Standorten zu bündeln.Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) verwies auf die Effekte der geplanten Zusammenarbeit. Durch die räumliche Verbindung könne die Traumaversorgung „auf ein ganz neues Niveau“ gehoben werden, sagte sie und betonte die Bedeutung des Projekts für Forschung und Lehre.Lesen Sie auchAuch UKE-Chef Christian Gerloff begründete die Verlagerung hauptsächlich mit den Abläufen in der Behandlung. Die Nähe der Fachdisziplinen auf dem Campus ermögliche es, komplexe Fälle interdisziplinär zu versorgen. Spezialisierte Bereiche seien „direkt um die Ecke“ erreichbar, sagte er.Der Senat betont, dass beide Standorte der BG Klinik – der neue sowie der alte – weiter eine wichtige Rolle spielen werden. Die Verlagerung der hochspezialisierten Abteilungen des BG bedeutete keine schlechtere Versorgung für die Bergedorfer. Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) verwies darauf, dass viele internistische Notfälle, wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle schon heute nicht in Boberg behandelt würden, weil das Krankenhaus auf Unfallpatienten spezialisiert sei. Auch Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) versuchte, diesen Widerspruch zu relativieren. Viele der hoch spezialisierten Leistungen seien ohnehin nicht für die tägliche Versorgung im Bezirk gedacht gewesen, etwa die Behandlung schwerstverbrannter Patienten.Dass sich durch den Wegzug der spezialisierten Abteilungen dennoch Folgen für den Bezirk Bergedorf und die umliegenden Gemeinden in Schleswig-Holstein ergeben werden, zeigt die Perspektive der umliegenden Häuser. Das Bethesda Krankenhaus Bergedorf stellt sich nach eigenen Angaben vom Dienstag auf deutlich steigende Patientenzahlen ein, insbesondere in der Notfallversorgung. Ohne zusätzliche Strukturen drohten mehr Verlegungen, längere Wege für Patienten und eine stärkere Belastung des Rettungsdienstes, warnt das Haus.Lesen Sie auchAuch Gewerkschaften sehen offene Fragen. Ver.di und der Deutsche Gewerkschaftsbund erwarten, dass ein großer Teil der 2500 Beschäftigten der BG Klinik von einer Verlagerung betroffen sein könnten. Für sie könnten sich Arbeitswege verlängern, insbesondere für Pendler aus dem Umland. Das BG Boberg liegt im Südwesten der Hansestadt. Das UKE im innenstadtnahen Eppendorf. Knapp 20 Kilometer trennen die Kliniken.Es gehe nicht nur um organisatorische Änderungen, sondern um konkrete Auswirkungen auf Arbeitsalltag und Lebensplanung. Der DGB fordert deshalb eine umfassende Folgenabschätzung für den Bezirk.Auch aus der Politik kommt Kritik an den Plänen, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die CDU warnt vor einem möglichen schleichenden Substanzverlust und mahnt, die angekündigten Verbesserungen für Bergedorf müssten sich am Ende auch tatsächlich zeigen. Die Linke geht weiter und spricht von einer Schwächung der wohnortnahen Versorgung im Hamburger Osten durch eine politisch gewollte Konzentration zugunsten des UKE. Die AfD kritisiert vor allem, dass der Senat bislang nicht transparent darlege, welche konkreten Auswirkungen die Verlagerung für den Standort Boberg haben werde. Über die Parteigrenzen hinweg eint die Kritiker damit vor allem ein Punkt: Die Stärkung Eppendorfs ist klar beschrieben – wie sich der Umbau konkret auf den Hamburger Osten auswirkt, bleibt aus ihrer Sicht bislang offen.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik.