Herr Ziemski, Sie standen am 12. Mai auf dem Gipfel des Lhotse (8516 Meter) und am 19. Mai auf dem Gipfel des Mount Everest (8848 Meter) – beide Male ohne Flaschensauerstoff, beide Male fuhren Sie mit Skiern ab. Wie lange dauert eine Skiabfahrt vom höchsten Berg der Welt?Da muss ich auf meinen Tracker schauen. Ich bin um halb elf Uhr abends im Lager 4 auf dem fast 8000 Meter hohen Südsattel gestartet und war am nächsten Morgen um halb zehn Uhr auf dem Gipfel. 17 Stunden nach dem Aufbruch im Lager 4 war ich zurück im Basislager.Demnach haben Sie für die Abfahrt sechs Stunden gebraucht.Zeit auf den Skiern war es weniger. Man darf nicht vergessen, dass ich auch Zelt, Schlafsack, Matte und Kocher im Lager 4 und die Depots in Lager 3 (7100 Meter) und Lager 2 zusammenpacken musste. Das alles habe ich dann im Lager 1 deponiert.Das Lager 1 liegt kurz oberhalb des gefährlichen Khumbu-Eisbruchs.Ich wollte nicht mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken durch den Eisbruch abfahren. Um das alles zu holen, bin ich einen Tag später noch einmal aufgestiegen.Vor Ihnen ist noch nie jemand mit Skiern in einer Saison von Mount Everest und Lhotse abgefahren. Überhaupt hatten es laut Himalayan Database vor Ihnen erst fünf Bergsteiger geschafft, Everest und Lhotse in einer Saison ohne Flaschensauerstoff zu besteigen. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?Da gibt es kein Geheimnis. Ich habe das einfach gemacht. Ich bin beide Male vom Basislager direkt zum Lager 3 aufgestiegen. Was soll ich einen ganzen Tag im Lager 2 verbringen? Am nächsten Tag bin ich dann zum Lager 4, habe mich ausgeruht und bin in der Nacht gleich weiter zum Gipfel. Auf Expedition mache ich immer mein Ding. Wobei das in diesem Jahr wegen des Eisbruchs komplex war. Es war eigentlich nicht schwierig, eine Route durch den Gletscher zu finden. Und ich habe gehört, der Eisbruch sei in diesem Jahr sicherer als in den Vorjahren. Trotzdem ging nichts voran. Die Icefall Doctors haben einfach ihre Arbeit unterbrochen. Da war viel Politik im Spiel.Bartek Ziemski am Mount EverestBartek ZiemskiIhr Landsmann Andrzej Bargiel fuhr im vergangenen Jahr vom Everest mit Skiern ab. Er hatte ein großes Team dabei. Sie dagegen hatten nur im Basislager die Unterstützung eines Expeditionsveranstalters. Sind Sie der beste Alpinist und Skifahrer der Welt?Ich bin weder der beste Höhenbergsteiger noch der beste Skifahrer. Die Sache ist, dass einfach kaum jemand mit Skiern von Achttausendern abfährt. Es gibt nicht viele von uns. Diese Expeditionen kosten enorm viel Zeit; Zeit, in der man auch viele andere schöne Sachen machen könnte.Warum machen Sie es dann?Weil es Spaß macht. 2022 wollte ich von einem Siebentausender mit Skiern abfahren. Ich habe einen Freund gefragt, ob er mitkommen wolle. Der hatte da schon den Broad Peak (8051 Meter) im Auge. Und ich bin mit.Mittlerweile sind Sie von neun Achttausendern mit Skiern abgefahren. Was war das Schwierigste an Lhotse und Everest?Die größte Herausforderung waren tatsächlich die Verzögerungen im Eisbruch. Das hat mich am meisten Nerven gekostet. Dass ich am Lhotse die Spurarbeit allein erledigen musste, das war anstrengend. Auch das Skifahren war nicht so einfach. Die Abfahrt vom Lhotse ist im oberen Teil sehr fordernd. Da muss man konzentriert sein. Ein paar Meter musste ich sogar mit Skiern über Fels absteigen. Am Everest hatte ich großes Glück. Ich war quasi allein. Nur ein paar Leute waren am Berg.Einen Tag später, und Sie hätten durch die 270 Bergsteiger Slalom fahren müssen, die auf dem Everest-Gipfel waren. Geht es für Sie jetzt gleich weiter nach Pakistan, wo demnächst die Saison am Nanga Parbat beginnt?Nein, ich will im Sommer viel Gleitschirm fliegen und surfen. Im vergangenen Jahr war ich im Süden Marokkos beim Surfen. In diesem Jahr weiß ich noch nicht, wohin es geht.Aber Sie wollen doch sicher von allen 14 Achttausendern mit Skiern abfahren.Nein, das will ich bestimmt nicht. Die 14 sind nur eine Sammlung. Ich will nicht sammeln. Und mein Leben würde es auch nicht verändern. Der Nanga Parbat würde mich noch interessieren, weil er eine tolle Linie zum Abfahren hat, ähnlich schön wie die am Lhotse. Den K2, der ein wirklich schöner Berg ist, fände ich interessant. Dagegen habe ich noch nie darüber nachgedacht, Shishapangma und Cho Oyu zu machen. Die interessieren mich überhaupt nicht. Das sind keine großen skifahrerischen Herausforderungen und auch keine schönen Linien. Außerdem will ich nicht viel Geld für ein Permit in China bezahlen. Das würde ich nur machen, wenn ich einen Sponsor hätte, der das finanziert. Den Everest habe ich auch nur gemacht, weil ich eh schon hier war. Die Skiabfahrt vom Everest finde ich nämlich nicht besonders.