Landauf, landab wird in diesen Tagen über große Reformen in Deutschland diskutiert: mehr Einkommen, keinesfalls Kürzungen im Sozialbereich, weniger Arbeitszeit und mehr Urlaub. Daraus ergibt sich folgende Antinomie: Alle Bürger wissen, dass der Staat schon jetzt und mit der zunehmenden Vergreisung der Bevölkerung viel mehr Geld ausgibt, als er einnimmt.Hebt man die Abstraktion Staat auf und akzeptiert, dass jeder einzelne Bürger der Staat ist, also ich selbst, dann ist offensichtlich, dass gespart werden muss – die Krux: Aber bitteschön nicht bei mir! Finden wir nicht aus dieser apokalyptischen Eigensucht heraus, fahren wir aus dieser kurzsichtigen, oft dümmlichen Prinzipienreiterei das Staatswesen vor die Wand.Genau in dieses Bild passt, wie die jetzige und die letzte Bundesregierung aus meist kleinkarierten Parteiinteressen dem Staatswesen und Bürgersinn eher gleichgültig gegenüberstehen.Als 91-Jähriger überblicke ich die gesamte Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. In den Gründungsjahren war die Freude über die neue Freiheit unglaublich groß. Und wichtig: Jeder hatte Ziele vor sich, das neue Fahrrad, das neue Auto, eventuell ein Haus, und heute? Heute sitzt die Nation gesättigt auf dem Sofa. Für was sollte man sich jetzt eigentlich noch anstrengen?Gelingt es uns nicht, die im kollektiven Gedächtnis des Volkes präsenten optimistischen Leistungsaspekte der Jahre 1945 bis 1975 für die heutige Zeit zu adaptieren, steigern wir durch unsere momentane Eigensucht den wirtschaftlichen Niedergang. Vergessen wir die Tendenz „Ich, ich, ich, nur ich“!Die Volksweisheit denkt an das Hobellied: „Da streiten sich die Leut‘ herum, oft um den Wert des Glücks, der Eine heißt den Andern dumm, am End‘ weiß keiner nix! Da ist der allerärmste Mann dem andern viel zu reich, das Schicksal setzt den Hobel an, und hobelt alle gleich.“Zum Schluss: Wir brauchen Macher, Entscheider: Wo sind heute die Helmut Kohls, Helmut Schmidts, Gerhard Schröders, in der Landespolitik Lothar Späths – das waren Männer, die vordergründig angefeindet, aber am Ende ob ihrer Regierungserfolge hochgelobt wurden. Das kollektive Volksgedächtnis weiß sehr wohl, dass wir im freiheitlichen Frieden nur überleben, wenn die Europäische Union in demokratischer Freiheit eine glückliche Zukunft für die kommenden Generationen erarbeiten kann.