Es war einmal ein Mann, der hatte ein Trauma, aber es hinderte ihn nicht daran, für England Geschichte zu schreiben. Er wusste, dass der Gegenwind furchtbar sein würde, vor allem aus der englischen Presse, denn er war ein kluger und gebildeter Mann. Ein „Softie“, wie man sagte. Jemand, der seinen Mitstreitern vermittelte, dass entscheidend ist, welche Geschichten wir uns über uns selbst erzählen.Ob wir uns nach Niederlagen als Versager empfinden oder aus der Übernahme von Verantwortung Kraft und Selbstbewusstsein für das Finale schöpfen. Ein Mann, der Berge versetzen konnte und der aus einem Haufen reicher, skeptischer Kids eine „Band of Brothers“ formen konnte, unter Teilhabe seines Leutnants Harry Kane (Will Antenbring).Schuhplattelnde Bayern vor FachwerkDieser Mann war eben ein Prophet, der also Berge versetzte und dem Elfmeterfluch der englischen Fußballnationalmannschaft ein Ende setzte. Sein Jünger Kane würde später, als das Team die Parallelen zwischen Politik und Fußball, zwischen Mangel an Leadership und Weltlage und die Bedeutung der Einigung einer zerfallenen Nation durch Sport bewegt hatte, nur schwer davon abzubringen sein, bei der Weltmeisterschaft 2022 in Qatar als Kapitän eine Regenbogenbinde zu tragen. Schließlich hatte ihm der Trainer vermittelt, gegen Ausgrenzung einzustehen.Dem Mann mit dem Trauma gelang, was schier unmöglich schien, wie ihm Thomas Tuchel (Richard Sammel) unter vier Augen attestierte, als er als neuer Nationaltrainer sein Büro übernahm. Tuchel obliegt es in der vierteiligen BBC-Miniserie „Dear England“, dem Mann seine Erfolge aufzuzählen und sie historisch einzuordnen. Wir sehen historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen des englischen Fußballs, beginnend um 1900. Der Mann, Gareth Southgate, hatte uns in den Folgen zuvor immer wieder visuelle Bewusstseinsströme gezeigt. Wie den Teppich von Bayeux, der die Eroberung Englands durch die Normannen zeigt, vor einem Match gegen Frankreich.Mit Gareth Southgate (Joseph Fiennes) als Trainer kehrt die englische Nationalmannschaft ins Finale großer Turniere zurück.ZDF/Dan FearnanUnd schuhplattelnde Bayern vor Fachwerk, als es mit der Mannschaft 2024 zur EM nach Deutschland geht. Nichts von „Don’t mention the war“ – in Gareth Southgates friedfertigen Vorstellungen ist dafür kein Platz. Er trifft den deutschen Nationaltorhüter Andreas Köpke (Dirk Borchardt) im noch leeren Stadion am Rand des entscheidenden Spiels für England. Gareth Southgate, seit 2016 Nationaltrainer der englischen Mannschaft, von dem es heißt, er habe den Job nur bekommen, weil kein anderer das am Boden liegende Team aufrichten wollte, spricht mit Köpke, der im Halbfinale der EM 1996 im Londoner Wembley Stadion zu seiner Nemesis wurde.Köpke hielt Southgates Elfmeterschuss. Southgate, der elegante Verteidiger, trat an, weil alle anderen unter sich schauten, und übernahm Verantwortung (so das Narrativ). Deutschland wurde dann Europameister gegen Tschechien. Southgate meint, er und Köpke seien für immer verbunden durch die Geschichte. Jetzt erzählt ihm Köpke, dass für ihn eine andere Begebenheit wichtig war. Und England als schicksalhafter Gegner? Nein, das seien immer noch die Niederländer. Narrativ Pustekuchen.Fußball-Liebesbrief-Film der BBC an die englische NationZu schwach, zu nett, zu wenig durchsetzungsfähig als englischer Nationaltrainer, wie die englische Presse schreibt – und jetzt auch noch auf dem falschen historischen Dampfer? „Dear England“, der mehrteilige Fußball-Liebesbrief-Film der BBC an die englische Nation, macht es seinem Helden nicht leicht. Wie in der gleichnamigen, vielfach ausgezeichneten Bühnenproduktion des Londoner National Theatre spielt Joseph Fiennes, der Southgate tatsächlich ziemlich ähnlich sieht, den Trainer. James Graham, der das Theaterstück schrieb, zeichnet auch für diese teils sehenswerte Produktion verantwortlich, in der insbesondere die dokumentarischen und fiktiven Szenen der entsprechenden EM- und WM-Spiele meisterhaft zusammengeschnitten sind.Immer wieder werden so Mechanismen der nationalen Ebene des Spiels deutlich. Vor schwarzem Bühnenhintergrund inszeniert, verlangsamt sich der Moment vor der jeweiligen Entscheidung, die Aufstellung der Spieler, des Schützen mit seiner Angst vor dem Elfmeter, um in Bilder des tatsächlichen Matches wie zu explodieren. „Dear England“ erzählt, Gareth Southgate im Fokus, die Zeit zwischen 2016 und 2024, mit Rückblenden in die Geschichte der 150 Jahre englischen Fußballs, mit Blicken auf Premierminister und -ministerinnen, auf Covid, auf die Mutmach-Ansprache der Queen damals und ihr späteres Begräbnis, die Tändeleien eines Boris Johnson, die „Probleme“ mit der EU, die Margaret Thatchers Nachfolger John Major (Steven Mackintosh) bis 1997 zu bewältigen gedachte.John Major ist es hier, der Gareth Southgate 1996 in den Katakomben des Stadions aufzurichten sucht. Zwei Männer, die ihre Nation enttäuscht haben, reden. Southgate wird Majors Pep Talk im Herzen tragen und fruchtbar machen. Für England.„Dear England“ ist eine spannende und unterhaltsame Ansicht über die Kraft des Willens und die Welt als Vorstellung, die auch Leuten, die mit Fußball nichts am Hut haben, gefallen kann. Die Psychologin Pippa (Jodie Whittaker), von Southgate ins Betreuerteam geholt, gibt eine Menge zeitloser Motivationsweisheiten von sich, man sieht abseits der Stadien viel romantisierte englische Countryside und ebenfalls romantisierte Arbeiterviertel, in denen in den Straßen gekickt wird.Insbesondere der Einsatz der Mannschaft gegen Rassismus, als nach den verschossenen Elfmetern im EM-Finale 2021 Bukayo Saka (Abdul Sessay) und seine schwarzen Mitspieler im „Mutterland des Fußballs“ und auf Social Media aufs Übelste angefeindet werden, ist überzeugend dargestellt. Leider schwächelt ausgerechnet Joseph Fiennes in der Rolle Southgates, übertreibt die Ticks am Spielrand ins Groteske. In der englischen Presse hat der Schauspieler dafür Haue kassiert. Sie bleibt emotional, die Sache mit England und dem Fußball. Thomas Tuchel, der englische Nationaltrainer mit dem deutschen Pass, kann sich warm anziehen.Dear England läuft am Dienstag um 20.15 Uhr bei ZDFneo und im ZDF-Stream, im ZDF in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni, um ein Uhr.
Fußball-Serie "Dear England" im ZDF
Es war einmal ein Trainer: Die Serie „Dear England“ erzählt, wie Gareth Southgate als Trainer die englische Fußballnationalmannschaft wieder aufrichtet und das ganze Land gleich mit.











