Ein Land im Spiegel seiner NationalelfFussball und Identität: Die BBC-Serie «Dear England» verhandelt die grossen Fragen aus ungewöhnlicher Perspektive.Marion Löhndorf, London12.06.2026, 05.46 Uhr3 LeseminutenEngland ist eine fanatische Fussballnation. Nur mit der Nationalelf hapert es mal mehr, mal weniger dramatisch, und das seit Jahrzehnten. Als Gareth Southgate 2016 das desolate Team zu trainieren begann, wendete sich das Blatt. Aus scheinbar unmotivierten Starspielern wurde eine Mannschaft, der die Nation wieder gern zusah. Es war keine Geschichte, die von einem Sensationsergebnis – wie dem Weltmeistertitel – gekrönt wurde. Aber es war ein Gutfühl-Drama von einem ins Abseits geratenen Team, das auf einmal wieder ganz vorn mitspielte und trotz widrigen Umständen über sich hinauswuchs. Wobei die widrigen Umstände vor allem in der eigenen Motivation der Spieler lagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.James Graham, einer der wichtigsten jungen Autoren des Landes, hat aus dem Fall ein sehr erfolgreiches Theaterstück gemacht. Jetzt wurde es in einen BBC-Vierteiler übersetzt – und ist derzeit eine der meistgesehenen Serien des Senders.«Etwas ist schiefgelaufen»«Dear England» ist visuell packend gemacht, mit einem kräftigen Schuss Pathos. Nur manchmal ist die frohe Botschaft ein bisschen zu dick aufgetragen. Zugkräftig ist die Entscheidung, Ereignisse aus der jüngsten Fussballvergangenheit zu thematisieren – mitsamt dem dazugehörigen Personal. Joseph Fiennes spielt Gareth Southgate – wie schon in der Theaterversion: stoisch, eisern und dem Vorbild dabei so ähnlich, dass es fast ein bisschen unheimlich wirkt.Höhepunkte legendärer Spiele werden raffiniert und effektvoll mit der Handlung vernetzt, teilweise in Dokumentaraufnahme. Aber in «Dear England» geht es nur vordergründig um die Vorgänge auf dem Spielfeld – wie in jedem guten Sportdrama. In Wirklichkeit wird die Lage der Nation auf dem Fussballfeld und hinter den Kulissen des Sports vermessen.Es geht um Zugehörigkeit, Identität, Vielfalt, Patriotismus, nationale Zielsetzung und deren Fehlen sowie um die Last – und den Bonus – der Geschichte. Wenn Southgate antritt und die Probleme der Mannschaft analysiert, klingt das wie eine Bestandesaufnahme der britischen Gegenwart. «Etwas ist schiefgelaufen in England», heisst es da. «Ich glaube, wir stecken fest.»Genau dieses Gefühl äusserte der Serienautor auch in einem Gespräch mit der «Times»: «Wenn ich an unsere Politik denke, haben wir einfach akzeptiert, dass wir uns jetzt in einer Ära des kontrollierten Niedergangs befinden.» Southgate ist Grahams Helden- und Erlöserfigur. Ein Westen tragender Gentleman mit einem Plan und einer Vision: «Gareth hat ein gescheitertes Projekt übernommen und beschlossen, einen radikalen Neuanfang zu wagen.»Männliche SelbstbilderSouthgate denkt langfristig. Sein grosses Thema sind männliche Selbstbilder und eine Absage an Rollenzwänge. Alles hängt für ihn damit zusammen, auch die englische Urangst vor dem Elfmeterschiessen. Das ist sein eigenes Trauma: Er selbst verschoss als ehemaliger Nationalspieler beim Halbfinale gegen Deutschland 1996 einen entscheidenden Elfmeter. Nach dem Reset soll die Reise in Richtung des besagten Neuanfangs gehen.Es ist unterhaltsam, Spieler wie Harry Kane, Dele Alli, Raheem Sterling, Marcus Rashford und ihre damaligen Kollegen durch Schauspieler verkörpert zu sehen. Die Authentizität vieler Dialoge ist verbürgt, manche sind von James Graham erdichtet. Sie werden in den Umkleideräumen, beim Training, in den Chefbüros geführt. Die Fiktionalisierung des Lebens bekannter Gegenwartsfiguren besitzt einen voyeuristischen, aber auch mythologisierenden Effekt, ungefähr so wie in der Serie «The Crown». Das gefällt nicht jedem. James Graham sagt, den echten Southgate habe schon der Besuch des Theaterstücks abgeschreckt: «Er wird sich ‹Dear England› niemals ansehen, der Arme. Er kann den Gedanken nicht ertragen, sich selbst auf der Bühne zu sehen.»