Die Geste des Eroberers: warum der französische Forscher seinen Fuss auf den Kopf des Pharaos stelltIm Umgang mit Denkmälern zeigt sich der Geist einer Zeit. Der Kulturwissenschafter Markus Messling zeigt am Beispiel einer Skulptur die kolonialen Kulturkämpfe des 19. Jahrhunderts.Clemens Klünemann09.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEuropas Triumph: Zeigt sich in der Statue von Jean-François Champollion die Verachtung des Kolonialisten für das unterworfene Land?PDDas Auffallendste an Denkmälern sei, dass man sie nicht bemerke, schrieb Robert Musil einmal. Genau diese Erfahrung machte vor einigen Jahren die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Ihr fiel eine Statue im Innenhof des Pariser Collège de France auf, an der sie schon unzählige Male vorbeigegangen war, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Gewidmet ist die Statue dem Sprachwissenschafter Jean-François Champollion. Er hatte Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Inschrift auf dem Stein von Rosette die ägyptische Hieroglyphenschrift entziffert und damit einen entscheidenden Schritt zum Verständnis der altägyptischen Kultur gemacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bénédicte Savoy nahm die Skulptur, die Champollion mit dem linken Fuss auf einem Pharaonenkopf ruhend in Denkerpose zeigt, als Skandal wahr: als Symbol einer eurozentrischen Dominanz über eine alte Kultur. Der ägyptische Schriftsteller Anis Mansour hatte schon früher an der Statue Anstoss genommen, die er als Ausdruck einer kolonialistischen Haltung verstand. Der Ägyptologe Bassam al-Shammaa verglich den Fuss auf dem Pharaonenkopf mit dem Knie des Polizisten auf George Floyds Hals. Die Statue, die jahrzehntelang niemandem aufgefallen war, wurde zum Skandal.Dass man mit einem Denkmal, das als anstössig empfunden werden kann, auch anders umgehen kann als mit Empörung, zeigt das Buch des Romanisten Markus Messling. Er analysiert die Champollion-Statue genau und legt dabei erstaunliche Hintergründe frei. Beispielsweise, dass der Pharaonenkopf, den der Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi 1875 unter dem steinernen Fuss des 1832 verstorbenen Ägyptologen Champollion platzierte, in der ersten Version von 1867 der Kopf einer Sphinx war.Die Rätsel der MenschheitDas gab der Statue eine ganz andere Bedeutung: «Ich wollte Champollion als Ödipus darstellen, wie er dem Sphinx sein Geheimnis entreisst», hatte der Bildhauer dazu geschrieben. Er wollte Champollion als den Forscher zeigen, der mit der Entzifferung der Hieroglyphen eines der grossen Rätsel der Menschheit gelöst habe.Damit steht Bartholdi ganz in der ikonografischen Tradition einer Ägypten-Verehrung im Frankreich des Zweiten Kaiserreichs, die nicht auf Orientalismus oder Ägyptomanie reduzierbar ist. Die Bewunderung der ägyptischen Kultur war Ausdruck des Wunsches, sich mit den Ursprüngen der europäischen Kultur auseinanderzusetzen. Bartholdi schuf gleichzeitig mit der Champollion-Statue eine übergrosse Fackelträgerin, die am Eingang des Suezkanals stehen und Ägypten als leuchtende Vermittlerin zwischen Europa und Asien zeigen sollte.Detailliert zeichnet Markus Messling den Entstehungskontext der Champollion-Darstellung nach und zeigt, dass weder der Dargestellte noch der Bildhauer einen verächtlich-kolonialen Blick auf Ägypten hatten – und dass jedes Denkmal nicht nur in seinem Entstehungskontext zu betrachten ist, sondern einen Bezug zum Ort hat, an dem es steht.Die Suez-Statue konnte aus verschiedenen Gründen nicht an ihrem Bestimmungsort aufgestellt werden – trotzdem kennt sie heute jeder, denn aus der die Fackel der Erleuchtung tragenden Ägypten-Darstellung wurde die New Yorker Freiheitsstatue. Der über Ägypten grübelnde Champollion im Innenhof des Collège de France, dessen Körperhaltung Auguste Rodin in seiner Skulptur «Der Denker» aufgreifen wird, ist also als Vertreter eines an diesem Ort zu erkundenden universalistischen Weltwissens zu sehen, dem spät bewusst wurde, dass Wissenschaft und Weltaneignung in eins fallen. Die Entschlüsselung des altägyptischen Wissens wurde zu einem Wissensschatz, der unter den kolonialistischen Bedingungen der Moderne schnell verdinglicht und zu einer Geste des Herrschens über das führte, was man erkannt hatte.Fackel und Dolch«Meiner Meinung nach müsste die Muse der Geschichte mit einer Fackel in der einen Hand und einem Dolch in der anderen dargestellt werden, den sie in einem Meer aus Blut schwenkt», schrieb Champollion 1828. Da war sein Enthusiasmus über den durch ihn erschlossenen Zugang zur ägyptischen Weisheit bereits dem skeptischen Bewusstsein gewichen, dass es nicht mehr darum ging, das Fremde zu erkennen, sondern es zu beherrschen.Zwei Jahre später sollte das französische Abenteuer in Algerien beginnen, und auf dem Höhepunkt der imperialen Gewissheit tauschte Bartholdi 1875 den Sphinx-Kopf unter Champollions Fuss gegen den Kopf eines Pharaos, nämlich Ramses II., aus. Offenbar liess sich der Bildhauer mitreissen von der neuen Selbstgewissheit «des französischen Universalismus, der in der aus der Niederlage gegen Deutschland geborenen Dritten Republik umso stärker inszeniert wurde», schreibt Markus Messling.In dieser Form kann, ja muss das Champollion-Denkmal in der Tat empören. Aber in ihrer Entstehungsgeschichte legt die Skulptur den Preis der universalen Weltentschlüsselung frei – dass Erforschung zu Beherrschung führt. Und man kann sie in ihrer Vielschichtigkeit als Mahnung verstehen, diesen Preis nicht zu vergessen – gerade an einem Ort, der sich dem Projekt der universalen République des Lettres verschrieben hat. So verstanden, wird man an diesem Denkmal nicht vorbeigehen können, ohne es nicht auch als Mahnmal zu begreifen.Markus Messling: Kulturtod und Reparation. Der Fall Champollion. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026. 174 S., Fr. 25.90Passend zum Artikel