Raketenbeschuss aus Iran: Die deutsche Regierung hält sich bedeckt, und Spitzenpolitiker fürchten eine weitere EskalationIn der Nacht auf Montag brach Iran das Waffenstillstandsabkommen mit Israel und den USA. Während die Linkspartei den Gegenschlag der Israeli verurteilt, sagt der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter: «Deals mit den Mullahs helfen nicht weiter.»09.06.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenEine iranische Rakete hat ein Gebäude im israelisch besetzten Westjordanland getroffen: Der Waffenstillstand zwischen Israel und Iran ist vorerst Geschichte.Naama Stern / ReutersDie deutsche Nahostpolitik ruht auf dem Grundprinzip, wonach Israels Sicherheit Teil der deutschen Staatsräson sei. Doch angesichts des neuesten iranischen Raketenbeschusses gegen Israel steht es abermals infrage, inwieweit Deutschland überhaupt einen Beitrag zu Israels Sicherheit leisten kann. Formell gilt zwischen den Kriegsparteien Iran, Israel und USA seit dem 8. April ein Waffenstillstand, die Islamische Republik brach ihn aber einseitig in der Nacht von Sonntag auf Montag. Sie verschoss Raketen auf Israel, das umgehend mit einem Gegenschlag auf iranische Ziele reagierte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der christlichdemokratische Aussenminister Johann Wadephul reagierte am Montagnachmittag geradezu kühl auf den iranischen Raketenbeschuss gegen Israel. Deutschland unterstütze «die Bemühungen der USA um eine diplomatische Lösung» und es appelliere an alle Beteiligten, «ein Wiederaufflammen der kriegerischen Auseinandersetzung zu vermeiden», sagte er.Dass sich die schwarz-rote deutsche Regierung mit Solidaritätsbekundungen in Richtung Israels zurückhält, dürfte mehrere Gründe haben. Der amerikanische Präsident Donald Trump riet den Israeli, den iranischen Beschuss nicht zu erwidern; sie taten es trotzdem. Einen Konflikt mit den USA dürfte die deutsche Regierung schwerlich riskieren wollen, zumal sie angesichts hoher Energiepreise ein grosses Interesse daran hat, dass der Krieg bald beendet wird.Entsprechend vorsichtig äusserte sich auch die Unionsfraktion aus CDU und CSU zum neuesten Raketenbeschuss aus Iran. «Ich verstehe die Frustration in Tel Aviv über diese verfahrene Lage und die andauernden iranischen Attacken, durch Iran selbst und seine Terrororganisationen», sagte Jürgen Hardt, der aussenpolitische Sprecher der Unionsfraktion. Dennoch sollten Israel und die USA am Plan festhalten, «Iran im Rahmen eines Friedensabkommens zur Abkehr von seinem Atomprogramm und zur dauerhaften Freigabe der Strasse von Hormuz zu bewegen», so der Christlichdemokrat.CDU-Politiker Kiesewetter fordert mehr Hilfe für IsraelAllerdings sieht Israel nicht nur wegen des iranischen Beschusses seine Sicherheit gefährdet. Von Libanon aus überzieht die von Iran unterstützte Terrormiliz Hizbullah seit dem 7. Oktober 2023 den jüdischen Staat mit Raketenangriffen. Deshalb reagierte Israel mit einer vorübergehenden Besetzung des Südlibanon, und es beschoss Kommandozentralen des Hizbullah in Libanons Hauptstadt Beirut. Am Donnerstag einigten sich Israel und die libanesische Regierung auf eine Waffenruhe. Trotzdem führte Iran die israelische Militäraktion in Libanon als Begründung für seine Raketenschläge an.Vor dem Hintergrund von Irans aggressiver Aussenpolitik teilen nicht alle Christlichdemokraten die Auffassung, dass sich mit dem iranischen Regime eine diplomatische Lösung finden liesse. «Das iranische Mullahregime missachtet die Souveränität Libanons, und es überzieht die Region mit Drohnenterror», sagte der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter der NZZ.Die deutsche Regierung solle daher Israel «mit Luftbetankungen militärisch unterstützen, die Kontakte zur iranischen Regierung auf ein Minimum einfrieren und auf dem diplomatischen Parkett die Zerschlagung der iranischen Stellvertretermilizen fordern.» Es brauche «eine Nahoststrategie, die die Kriegsführung des iranischen Regimes in den Blick nimmt», sagte er: «Deals mit den Mullahs helfen nicht weiter.»Innerhalb der Regierungsparteien ist das eine Minderheitsmeinung. Vor allem die SPD lehnt eine deutsche Beteiligung am Krieg ab. Es brauche «besonnene Führung und eine enge Abstimmung mit den internationalen Partnern», teilte der SPD-Aussenpolitiker Adis Ahmetovic auf Anfrage mit. Deutschland unterstütze «alle diplomatischen Bemühungen, die auf eine Eindämmung des Konflikts und eine Rückkehr an den Verhandlungstisch abzielen». Iran habe mit seinem Raketenbeschuss die «ohnehin fragilen Bemühungen um eine diplomatische Deeskalation in der Region» gefährdet.AfD fordert Unterstützung der amerikanischen VerhandlungenAb Montagabend stellten die Israeli nach eigenen Angaben alle weiteren Schläge auf Iran ein. Seither schweigen die Waffen zwischen Israel und Iran. Dennoch liess es sich die Linkspartei nicht nehmen, die israelischen Reaktionen mit scharfen Worten zu verurteilen. Die aussenpolitische Sprecherin Cansu Özdemir warf sowohl Israel als auch Iran eine «Eskalationspolitik» vor. Israels Schläge gegen iranische Ziele «erhöhen das Risiko eines regionalen Flächenbrands und machen weder Israel noch die Nachbarstaaten sicherer», sagte sie.Anders als in der Vergangenheit verzichtete die AfD-Fraktion darauf, Israel für seine Gegenschläge zu kritisieren. Irans Raketenbeschuss sei zu verurteilen, sagte der aussenpolitische Sprecher Markus Frohnmaier der NZZ. Man trete für die Einhegung «jeder weiteren Eskalation» ein. Es liege im deutschen Interesse, «die amerikanische Verhandlungslinie zu unterstützen». AfD-Fraktionsvizepräsidentin Beatrix von Storch sprach sich zusätzlich dafür aus, dass «die fünfte Kolonne Teherans», der libanesische Hizbullah und die palästinensische Hamas, «in Deutschland zerschlagen» werde. Da der Konflikt voraussichtlich länger andauern werde, müsse Deutschland zudem seine Öl- und Gasversorgung sicherstellen.Auch der Grünen-Aussenpolitiker Anton Hofreiter geht von einer längeren Dauer des Krieges aus. Er schenke Trumps Versprechen wenig Glauben, «dass bald mit einem Vertrag alles in Ordnung kommen wird», sagte er. Aus seiner Sicht sollten die Mitgliedstaaten der Europäischen Union ihre Machtmittel dazu nutzen, um eine «effektive Abwehr gegen den iranischen Drohnenkrieg aufzubauen und den Frieden zwischen Israel und Libanon mit zu verhandeln».Dabei geht offenbar nicht einmal Israels Botschafter Ron Prosor davon aus, dass die europäischen Staaten einen nennenswerten Beitrag zum Frieden im Nahen Osten leisten können. Es sei bereits ein Schritt in die richtige Richtung, wenn sie Irans Angriffe «scharf und eindeutig verurteilen», sagte er der NZZ. Iran heize die Eskalation an, «ohne selbst dafür die Verantwortung zu übernehmen». Tausende Israeli hätten am Wochenende Schutz in Bunkern suchen müssen.Passend zum Artikel