Am Dienstag wird Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zusammen mit Holger Münch, dem Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA), neue Zahlen zu politisch motivierter Kriminalität vorstellen. Doch schon vor dem Termin ist klar: Die Behörden mussten einen neuen Höchststand verzeichnen. Mindestens 85.000 Straftaten wurden im vergangenen Jahr registriert – und damit mehr als im bisherigen Rekordjahr 2024, als die Kriminalstatistik 84.172 Taten auswies. Damit hat sich der Phänomenbereich Extremismus und politisch motivierte Gewalt in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. 2015 waren laut Zahlen des Bundesinnenministeriums (BMI) noch rund 39.000 Fälle erfasst worden. Zuerst berichtete die „Bild am Sonntag“ über die Zahlen.Das geht aus den entsprechenden Statistiken der Länder hervor, die bereits vor den Zahlen des Bundes veröffentlicht wurden. Dabei ist davon auszugehen, dass die Zahlen noch ansteigen werden. Denn bisher sind nur Erhebungen aus 15 der 16 Bundesländer verfügbar. In Rheinland-Pfalz hat sich die Auswertung aufgrund der jüngsten Landtagswahlen verzögert, wie das Innenministerium in Mainz mitteilt. Starker Anstieg linksextremer Gewalt Spricht man mit Ermittlern, führen diese den erneuten Anstieg unter anderem auf den aufgeheizten Bundestagswahlkampf 2025 zurück sowie auf die Auswirkungen internationaler Krisen – wie das israelische Vorgehen im Gazastreifen. Auch ein verändertes Anzeigeverhalten könnte zur Entwicklung beigetragen haben. Schließlich werden Beleidigungen und Hasskommentare im Netz dieser Tage nachweislich häufiger gemeldet und strafrechtlich verfolgt als zuvor. Aus der Perspektive des demokratischen Miteinanders ist das schockierend.Politikwissenschaftlerin Jasmin Riedl über die wachsende Zahl politischer GewalttatenDer größte Anteil der registrierten Straftaten entfällt laut den Länder-Statistiken erneut auf das rechtsextremistische Spektrum, dem die Ermittler mehr als 42.000 Delikte zuordnen. Darunter fallen auch sogenannte Propaganda-Straftaten, also etwa das Verwenden verbotener Symbole. Gleichzeitig verzeichneten die Behörden rund 13.000 Delikte mit linksextremistischem Hintergrund, was einen deutlichen Anstieg von gut einem Drittel gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Ein Gutteil der Taten entfalle dabei laut den Ermittlern auf Sachbeschädigungen. Jasmin Riedl zeigt sich angesichts dieser Entwicklung besorgt: „Aus der Perspektive des demokratischen Miteinanders und des Wertekanons demokratischer Konfliktaustragung ist das schockierend“, sagt die Politologin, die an der Universität der Bundeswehr unter anderem zu gesellschaftlicher und politischer Polarisierung sowie Radikalisierung forscht. „Gewalt – ob verbal oder physisch – hat in einer Demokratie schlichtweg nichts zu suchen. Wir haben andere Mechanismen der Konfliktaustragung.“42Prozent betrug der Zuwachs linksextrem motivierter Gewalttaten im vergangenen JahrTatsächlich verzeichneten die Ermittler im vergangenen Jahr eine erneut gestiegene Gewaltbereitschaft im politischen Kontext. Zwar machen Gewalttaten nur einen vergleichsweise geringen Prozentsatz politisch motivierter Taten aus, dennoch stieg ihre Zahl 2025 erneut um etwas mehr als ein Prozent. Dabei konnten 1598 Fälle dem rechtsextremistischen Spektrum zugeordnet werden – ein Anstieg von mehr als sieben Prozent. Immer feindseligere Abgrenzung Wesentlich deutlicher fällt der Zuwachs hingegen bei Gewalttaten mit linksextremistischem Hintergrund aus. 1087 Fälle wurden demnach im vergangenen Jahr registriert, was einem Anstieg von mehr als 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Gesunken sind hingegen die Gewalttaten im Kontext ausländischer Ideologien. Dort erfassten die Behörden 704 Delikte – ein Rückgang um rund 27 Prozent. Besondere Sorge bereitet den Ermittlern der starke Zuwachs bei gewalttätigen Übergriffen gegen Politiker. Diese sind laut Zahlen des BKA im vergangenen Jahr um rund 40 Prozent gestiegen. Besonders betroffen hiervon waren der Statistik zufolge mit 1852 Angriffen Vertreter der AfD, gefolgt von der Union mit 1339 Straftaten. Die Grünen, in den Vorjahren stets am stärksten im Visier, verzeichneten mit 1005 Fällen etwas weniger Übergriffe. Vertreter der SPD traf es in 804 Fällen, die Linke in 273. Für Politologin Riedl liegt diese Zunahme unter anderem an einer wachsenden „affektiven Polarisierung in der Gesellschaft“, wie sie sagt. In Teilen sei eine immer feindseliger werdende Abgrenzung der politischen Lager zu beobachten. „Ideologische Polarisierung ist an sich nicht schlimm“, sagt Riedl. „Aber die affektive, feindselige Polarisierung – wo mein politischer Gegner nicht mehr nur Gegner, sondern mein Feind ist – die hat zugenommen.“Eine Mitschuld sieht sie allerdings auch in den Methoden der politischen Ränder: „Die AfD tätigt Äußerungen, die konfrontativ sind“, sagt Riedl. „In einer Gesellschaft, in der Feindseligkeiten und Gewaltakzeptanz insgesamt gestiegen sind, ist es nicht verwunderlich, dass es auch Personen gibt, die bereit sind, diese gewaltsam auszutragen.“