In der Nacht zum Montag kam es durch den Brand von Transformatoren eines Umspannwerks gegen 1.40 Uhr in der baden-württembergischen Stadt Reutlingen zu einem folgenreichen Stromausfall. 7.600 Haushalte und etwa 30.000 Menschen konnten auch am Montagmittag noch nicht wieder mit Strom versorgt werden. Für die Bürgerinnen und Bürger in der Kernstadt Reutlingens war die Stromversorgung in den frühen Morgen allerdings schon wieder hergestellt worden. In Betzingen, Ohmenhausen, Wannweil und Kirchentellinsfurt war die Stromversorgung hingegen länger unterbrochen. Reutlingen hat knapp 120.000 Einwohner und liegt am Rande der Schwäbischen Alb.Die Brandursache konnte noch nicht ermittelt werden: Tina Rempfer, Sprecherin des Polizeipräsidiums Reutlingen, sagte auf einer Pressekonferenz am Montagvormittag: „Wir sind dran, die Brandursache zu ermitteln. Wir prüfen, ob ein technischer Defekt vorlag oder ob es eine fahrlässige oder vorsätzliche Brandlegung gegeben hat.“ Der SWR und der „Reutlinger Generalanzeiger“ berichten, dass Mitarbeiter der Netzbetreiber Indizien für eine Brandstiftung registriert hätten. Auf dem Gelände des Umspannwerks seien drei Brandstellen identifiziert worden, außerdem stellten Mitarbeiter der Betreiberfirma eine Beschädigung eines Zauns fest. Seit den frühen Morgenstunden waren 195 Feuerwehrleute im Einsatz, wegen des großflächigen Stromausfalls kam es zu fünf Folgeeinsätzen.Abgeordneter Menton: Zu früh für Spekulation über BrandursachenDer baden-württembergische Innenminister Manuel Hagel (CDU) ließ sich von Reutlinger Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) über die Lage in Reutlingen und mögliche Tathintergründe informieren. Der Landtagsabgeordnete Max Menton (CDU) sagte über mögliche Brandursachen: „Ich glaube, es ist zu früh, zu beurteilen, ob der Stromausfall mit dem Anschlag linker Aktivisten auf das Stromnetz in Berlin verglichen werden kann.“ Das Wichtigste sei, zunächst die Versorgung sicherzustellen, danach die Frage der Ursachen zu klären.Oberbürgermeister Keck spricht von einem „gewaltigen Stromausfall“, der Reutlinger Landrat Ulrich Fiedler (parteilos) sagte, es handele sich um eine „außergewöhnliche Einsatzlage“. Man werde alles tun, um die Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung während des Stromausfalls zu gewährleisten.Der Chef der Reutlinger Stadtwerke, Jens Balcerek, berichtete, dass er den Brand im Umspannwerk gegen 1.40 Uhr von seinem Wohnhaus zunächst gefilmt habe, bevor er einigen Feuerwehrfahrzeugen hinterhergefahren sei, um schnell an den Ort des Geschehens zu gelangen. Die Stadtwerke würden nun alles tun, um mit provisorischen Lösungen, auch mit Batterien, die Stromversorgung wiederherzustellen. Wahrscheinlich werde das für gewerbliche Stromverbraucher nicht so schnell gelingen. Das Umspannwerk Reutlingen West wird von „Netze BW“ sowie den Stadtwerken betrieben. Die Transformatoren sollen durch den Brand massiv beschädigt worden sein.Auch Klinik von Stromausfall betroffenDas Klinikum Reutlingen mit 760 Betten und etwa 2600 Mitarbeitern musste wegen des nächtlichen Stromausfalls sofort auf die Notstromversorgung umstellen, das Klinikpersonal kümmerte sich vor allem um Patienten, die in ihren privaten Wohnungen oder Häusern beatmet werden. Gegen 6 Uhr verfügte die Klinik erstmals wieder über Strom aus dem Netz, weil es aber bei der Zuschaltung des Stroms kurzfristig zu Spannungsspitzen kam, mussten nach Angaben von Klinikgeschäftsführer Dominik Nusser 400 medizinische Geräte geprüft werden. Die Ärzte mussten zehn geplante Operationen verschieben. Um 10 Uhr sei die Klinik wieder regulär mit Strom aus dem Netz versorgt worden, sagte Nusser.In Reutlingen und in einigen vom Stromausfall betroffenen kleineren Gemeinden richteten die Bürgermeister Verwaltungsstäbe ein; sie sollen die Hilfe in der derzeitigen Notsituation organisieren und zum Beispiel die Stromversorgung für Pflegeheim sicherstellen oder den Betrieb von Kläranlagen kontrollieren, damit Schäden für die Umwelt vermieden werden. Die Mitarbeiter des Netzversorgers Netze BW arbeiten im Schichtbetrieb. Bei der Wiederherstellung der Stromversorgung wird darauf geachtet, dass zunächst Privathaushalte versorgt werden und an zweiter Stelle die Gewerbebetriebe.Der Stromausfall in Reutlingen und die Frage, ob der Brand durch einen möglicherweise politischen motivierten Anschlag verursacht wurde, brachten die württembergische Großstadt am Montag auch bundesweit in die Schlagzeilen. Der Grund hierfür ist der mutmaßlich linksextremistische Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin im Januar: Am 3. Januar war durch einen Anschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde der längste Stromausfall in der Berliner Nachkriegsgeschichte verursacht worden; 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe im Südwesten Berlins konnten im kalten Winter und über mehrere Tage nicht mit Strom versorgt worden. Die Behörden hatten ein Bekennerschreiben der linksextremistischen „Vulkangruppe“ ausgewertet.Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU), war durch die sogenannte Tennisplatz-Affäre und durch sein mangelhaftes Krisenmanagement in die Kritik geraten. Wegner hatte die Krisenlage zunächst nicht aus dem Roten Rathaus, sondern – nach einem Besuch auf dem Tennisplatz – aus seinem privaten Büro zu managen versucht. Vermutlich auch deshalb und zur Abgrenzung von den Berliner Zuständen lobte Landrat Ulrich Fiedler am Montag ausdrücklich die „exzellente Zusammenarbeit“, die in Reutlingen auf „unterschiedlichen Ebenen“ geleistet worden sei.
Stromausfall in Reutlingen: Technischer Defekt oder Brandstiftung?
Der Stromausfall in Reutlingen weckt Erinnerung an jenen in Berlin. Die genaue Ursache ist bislang aber unklar. Am Montagmittag waren noch 30.000 Menschen ohne Strom.












